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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-22 · Heft 30 (22.7.1892) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
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Es ist gewiß von der höchsten Wichtigkeit für alle für jüdisches Interesse warm fühlenden Herze», möge nun ihre Parteistellung sein, welche es wolle, Mittel zu suchen und zu finden, wodurch cs uns ermöglicht wäre, gegen jene Unwissenheit in alle» Juden und Judenthum betreffenden Fragen anzukämpfen, welche den Bestand unseres Stammes fast niehr gefährdet als die Angriffe, welche die rohe Hand gewaltsamer Feinde gegen uns richtet. Jene Unwissenheit in den einfachsten und grundlegendsten Begriffen der gesammten jüdischen Geisteswelt macht ja den Antisemiten ihre Angriffe um so leichter, wie sie uns andererseits die Vertheidigung unserer hart bedrängten Beste ganz außerordentlich erschwert. Und doch ist es weniger dieser Mangel an jüdischem Wissen, wo wir mit der Heilung den Anfang mache» müssen, als vielmehr jene Krankheit des Jndifferentismus gegen alles jüdische Wesen und jüdische Empfinden, an welcher der Organismus Israels krankt. Nicht der Unwissenheit verdanken wir die Gleichgiltigkeit, sondern dieser die Unwissenheit. Da aber die letztgenannte die Folge, der Jndifferentismus aber die Ursache ist, so dürfen wir keinen Augenblick zögern, diesem in erster Linie entgegenzutreten, damit es uns dadurch möglich wird, wieder Interesse für Judenheit und jüdisches Wissen in den Herzen unserer Brüder und Schwestern zu wecken. Hat doch der güdische Lehrer in der israelitischen Schule viel weniger mit der Faulheit oder Unfähigkeit seiner Zöglinge zu kämpfen, als gerade gegen den unseligen Umstand, daß die Interesselosigkeit der Eltern schon den zarten Kindern die Achtung vor ihrem ureigenen Wesen und Wissen und die Liebe zu jüdischer Geschichte und hebräischer Sprache benimmt. Und im Kampfe gegen diese Theilnahmlosigkeit am jüdischen Leben kann die israelitische Gemeindebibliothek nur eine ganz untergeordnete Rolle spielen. Nicht die Wissenschaft erregt ja das Interesse für das Leben, sondern dieses verlangt die Wiffenschaft. Erst Leben, dann Wissenschaft; denn wir müffen bedenken, daß jüdische Wissenschaft nur einem beschränkten Kreise, jüdisches Leben aber allen Juden zugänglich ist. Und daß wir nicht nur auf Voraussetzungen Schlüsse ziehen, anstatt auf der Erfahrung zu bauen, dafür möge folgender Umstand dienen, zu dem man gewiß eine ganze Reihe paralleler Vorgänge hinzufügen könnte. In Magdeburg, der Stadt, wo ein Philippson fast 40 Jahre lang gelebt und gewirkt hat, ist schon frühzeitig eine Gemeindebibliothek gegründet worden, die, soweit es der damalige Zustand unserer Publizistik gestattete, vorzüglich ausgewählt war. Die Bibliothek wurde zwar durch Schenkungen und Ankäufe erheblich vergrößert, zwar schien es in der ersten Zeit, als ob sie stark benutzt werden sollte, aber das Interesse blieb nicht lange rege, und wie lange dauerte es, da war sie ganz vergessen. Als vor einigen Jahren ein kleiner jüdischer Leseverein bei seiner Auflösung seinen geringen Schatz an Büchern der Gemeindebibliothek vermachen wollte, da stellte sich heraus, daß dieselbe nicht mehr aufzufinden war. Infolge der Gleichgiltigkeit des Publikums, dessen'Jnteresse schon nach kürzester Zeit erloschen tvar, ist dieselbe spurlos verschollen. Wenn aber eine Bibliothek wirklich gegen die Unwissenheit ankämpfen soll, so ist es vor Allem nöthig, daß man sie benutzt, und eben hier liegt der Hase begraben. Eine vortreffliche Bibliothek besitzt der D. I. G. B. in Berlin, aber von einem verhültnißmäßig wie geringen Kreise wird sie gelesen. Und doch hat gerade diese Bibliothek einen'; Anfang gemacht, auf dem man fußen muß, um weiter zu kommen, indem nämlich mit derselben ein dem Publikum geöffneter Lesesaal zur Verfügung steht. Wäre nun wirklich die Wiffenschaft schon allein für sich im Stande die Aufmerksamkeit zu feffeln, so müßte der Lesesaal stets wenigstens etwas besucht sein. Der Grund aber, warum dies nicht der Fall, ist darin zu suchen, das; hier nur dem Verstände, nichts aber dem Gemüthe geboten, wird. Interesse oder Theilnahmlosigkeit irgend einer Sache gegenüber beruht aber viel weniger auf einem Mangel an Wissen, als vielmehr auf einem Mangel an Empfinden. Hier muß man cinsetzen, wenn man etwas erreichen will, Aber wer wüßte nicht, daß die bestehenden Verhältnisse und die täglichen Geschehnisse der Gegenwart ganz anders ans das Gemüth einwirken, ganz anders zum Herzen sprechen als die beredteste historische Erörterung; und um >vie viel weniger dürfte erst Sprache oder Grammatik ein empfindendes Gemüth z» fesseln vermögen. Nein! Wollt Ihr darauf wirken, so müßt Ihr dem Geiste eine leicht verdauliche Speise vorsetzen, müßt ihn mitten hinein in das alltägliche Leben, in sein eigenes Haus, in sein eigenes Herz hineinführen, müßt ihn mit den Zuständen bekannt machen, in denen seine Brüder leben, in denen er selbst lebt. Und wenn Ihr so vom Leben selbst ausgeht, so kann es nicht verfehlen, daß Ihr Leben in ihn hineinbringen werdet. Denn wer Wissenschaft säet, darf nicht immer auf eine reichere Ernte hoffen, wer aber Leben gesüet hat, dem wird eine goldene Saat von Leben und Wissenschaft aufgehcn. Will daher eine Gemeindebibliothek in Wahrheit ein Schatz für die Gemeinde sein, so muß sie dem täglichen Lebensinteresse Rechnung tragen, ohne dabei freilich Sprache, Geschichte und Littcratur zu vernachlässigen. Dies wird aber dadurch erreicht, daß man mit der Bibliothek eine öffentliche israelitische Lesehalle verbindet, einen Ort, wo man neben den Werken eines Zunz, Grütz, Hirsch, Geiger u. s. lv. vor Allem die jüdischen Zeitungen und Zeitschriften findet, wobei es durchaus nicht von Schaden sein würde, wenn auch eine oder die andere allgemeine Tageszeitung dort ein Plätzchen fände. Neben den wissenschaftlichen Werken müßten auch die bekannteren Werke für und wider die Judenheit, für und wider die Kultusreform ». s. w. ausliegen. Und wir dürfen getrost versichert sein, daß den Gründungen solcher öffentlichen Lesehallen bald diejenige von Vereinen für Litteratur und Geschichte, für jüdische Wissenschaft und jüdische? Leben folgen werden. Jawohl! jüdische Wissenschaft und jüdisches Leben, sie sind beide so unzertrennlich wie Leib und Seele, ivie Theorie und Praxis. Eine jüdische Gemeindebibliothek ist der Pflege der Theorie gewidmet und dem praktischen Leben die Lesehalle. Laßt uns aber um der Theorie willen Praktiker sein. U FEUILLETON Iin Postwagen. Bon M. A. Goldschmidt. (Lchlnß.) Nun traf es sich so, daß in einer kleinen fern entlegenen Stadt sich ein sehr angesehener Mann befand, der mehrere erwachsene und tüchtige Söhne hatte. Er sagte eines Tages zu einigen seiner Söhne: „Kommt, laßt uns die Stadt besuchen, von der man sich so wunderbare Dinge erzählt; denn entweder müssen sie sich — da sich die Leute dort gegenseitig so sehr bewundern — durch Weisheit, Hochsinn, Mäßigkeit, Tapferkeit und andere Tugenden auszeichnen, oder auch müssen sie Narren sein. Jedenfalls werden wir ein

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