Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1892)
- Date
- 1892-07-22
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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schaffen, als aufgelöst in einzelne Glieder. Als aber die Menschen anfingen zahlreicher zu werden, bildeten sich die Eigenthümlichkeiten der Einzelnen schärfer aus, Eigenthümlichkeiten, die in Bezug auf Neigung, Stimmung, Sitte und Lebensgewohnheit hervortraten und allmälig zur Verschiedenheit der Sprachen führten. Die Entwicklung dieser Eigenthümlichkeiten wurde gehindert und mußte verkümmern, so die Menschen auf einem engen Raume zusammenblieben. Darum zerstreute Gott die Menschen und breitete sie über die ganze Erde aus, damit die Menschheit sich in verschiedene Menschenfamilien spalte und jede geistige Seite derselben sich zur vollen Höhe entfalte; sie sind die Zweige des einen großen Baumes der Menschheit, und die Vollkommenheit, die sie erstreben, gereicht der ganzen Menschheit zum Heile. In Nationen geschieden, müssen sie dennoch sich bewußt bleiben, Glieder der ganzen Menschheit zu sein. Diese edle Ariffaffung des Nationalitätsbegriffs, welche darin gipfelt, daß das Nationale das Menschliche nicht aufheben darf, kannte das heidnische Alterthum nicht; selbst die edelste Nation desselben, die Griechen, schloß sich von ihren Nachbarn vollständig ab, selbst ihnen war der Fremde der Barbare der Feind, mit dem sie auf beständigem Kriegsfuße standen. Diese Abschließung der einen Nation von verändern hob auch das Christenthum nicht auf; sie tritt uns, mehr oder minder scharf, währenddes ganzen Mittelalters entgegen, und die Scheidewände, durch welche die Völker sich von einander abschlossen, geriethen erst ins Wanken, als die Encyklopädistcn in Frankreich und die großen Dichter des vorigen Jahrhunderts in Deutschland nicht müde wurden, zu mahnen, über das Nationale das allgemein Menschliche nicht zu vergessen, und die edelsten Geister Europas der neuen Heilswahrheit zujubelten. Mancher lvarme und leuchtende Strahl siel auch in die Nacht, welche damals noch die Juden der meisten Länder Europas umlagerte; zu den Verkündern jener Heileswahrheit gehörte ja Lessing, der hohe Priester des reinen Menschenthums, und durch sein Beispiel angeeifert, gingen die edelsten Männer aller Länder daran, die Ringe zu sprengen, welche die Unduldsamkeit ans dem Nationalitälsbegriff geschmiedet hatten und welche die Juden zumeist in Deutschland hart bedrückten. Doch die Saat, welche jene Männer gestreut hatten, war nur zu bald geknickt worden. Die französische Revolution und die durch Napoleon I. heraufbeschworenen Kriege drängten die Idee des allgemeinen Menschenthums zurück und vertieften die Kluft, welche ein Volk von dem andern trennte. Der Nationalitätsbegriff in seiner unduldsamsten Form und der erste Versuch, Kirche und Staat zu identifiziren, ist jedoch in Deutschland auf den Philosophen Johann Gottlieb Fichte zurückzuführen, er ist der Schöpfer des Begriffs des christlichen Staates in feinem judenfeindlichen Sinne. Die Philosophie Fichtes ist am besten als ein Produkt der Zeit zu verstehen, in welcher er lebte; wir begreifen sie am besten, wenn wir sie als aus dem Hinblicke auf die französische Revolution und das französische Kaiserreich hervorgegangen ansehen. Durch die französische Revolution war der historische Boden im Innern Frankreichs aufgehoben und gestürzt worden, und diese antihistorische Bewegung trug das Kaiserreich nach außen, indem es hier geradeso das Recht der Nationalitäten vernichtete, wie die Revolution die alten Ordnungen innerhalb der französischen Gesellschaft zertrümmerte. Diesem Nivellement gegenüber, welches alle Individualitäten der Nationen aufhob, hatte Fichte die deutsche Nationalität, ein ganz spezifisches, in sich abgeschlossenes Germanenthum zur Basis seiner Politik genommen. Wie für Fichte das „Ich" der Ausgangspunkt seines philosophischen Systems war, so war für ihn der Staat das große „Ich" der Stammes¬ und Glaubensverwandten, und zwar in der engsten Beschränkung und Bestimmtheit mit Ausschließung aller wenn auch noch so edlen Kräfte, die sich aus dem „Ich" nicht erklären lassen. Das jüdische Element schloß er aus, dasselbe durchbrach ihm die Einheit der Nation, störte ihm die Einheit des christlichen Staates, ihm sprach er auch den Patriotismus ab, den er sich von dem Nationale tütsbegriff, wie er sich denselben konstruirte, nicht getrennt denke:, konnte. Damit war die wiffenschaftliche Begründung des „christlichen Staates" gegeben, und es war nur eine natürliche Folgerung, daß in ihm prinzipiell eine Gleichstellung der Juden nicht gestattet werden darf, da die christlichen Grundsätze allein das höchste und letzte Ziel aller Staatsordnung sein müssen. So war der Philosoph Fichte der Erfinder der Idee des Germanenthums, des christlichen Staaten in seiner unduldsamsten Form geworden, welcher sich die Antisemiten in ihren gehässigen Angriffen gegen die Juden bedienen. Germanen thum und christlicher Staat sind die Schlagwörter, welche die groß: denkfaule Menge blenden. Die Antisemiten wissen, daß der Staal der Ausdruck der reinen Rechtsidee, die Verkörperung des allgeineinen Volksthums ist, daß die Unduldsamkeit der Nationalitätsbestrebungen der Ausfluß des krassesten Egoismus ist, wie er, allerdings im großen Stile, in Fichtes Lehre vom „Ich" zum Ausdruck kommt; aber ihnen ist es nur um die Agitation zu thun, und zu derselben eignen sich eben jene Schlagwörter ganz vortrefflich. Eine eigenthümliche Ironie liegt aber darin, daß die Idee des christlichen Staates auf Fichte zurückzuführen ist, in dessen engherzigem System kein Raum für den Gottesbegriff blieb; die moralische Ordnung der Dinge, welche wir zufolge der Anerkennung unserer sittlichen Bestimmung mit der größten Klarheit und Gewißheit erblicken, ist nach ihm das Göttliche. Die lebendige und wirkende moralische Ordnung ist der Gott des Philosophen Fichte; wir bedürfen, erklärt er, keinen anderen Gott und können keinen anderen fassen. Und sonderbar bleibt es immerhin auch, daß das philosophische System Fichtes, der von dem glühendsten Hasse gegen Frankreich und Napoleon beseelt war, eine Parallele der Revolution Frankreichs und des Kaiserreichs ist. Geradeso wie die Revolution und das Kaiserreich in Frankreich jede Brücke zu dem historisch Gegebenen abbrach, so wies auch bei Fichte die Vernunft jeden Zusammenhang mit einem außer ihm liegenden Gesetze der Welt von sich ab, und der Allgewalt Napoleons entsprach bei ihm die Absolutheit und Allgeivalt der inneren Subjektivität gegenüber der äußeren Objektivität, die er als das innere „Ich" gegenüber dem „Nicht-Jch" der äußeren Welt bezeichnet. Die Juden aber haben sein System gerade so auf das Glänzendste widerlegt, wie sie die Schlagwörter der Antisemiten Lügen strafen. Sie haben sich zu allen Zeiten als Söhne des Landes gefühlt, in dem ihre Wiege gestanden, sie wurzelten zu allen Zeiten mit allen Fasern in dessen Boden, standen mit Gut und Blut für dessen Gedeihen ein und wetteiferten mit den Edelsten aller Bekenntnisse in der Erfüllung ihrer Pflichten gegen das Vaterland. Wie in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, also bis in die Gegenwart hinein, fühlten sich die Juden Deutschlands und aller Länder erniedrigt in der Erniedrigung und erhöht in der Größe ihres Vaterlandes. Der Antisemitismus dagegen erweist sich immer mehr als der Egoismus in seiner verwerflichsten Form, der bar ist jeder patriotischen Empfindung und der sich des Schlagwortes von der Einheit der Nation und des christlichen Staates nur als Mittel bedient, um die Gespenster des Mittelalters, Religionshaß, Unduldsamkeit und Geistesdruck, heraufzubeschwören und mit denselben das deutsche Volk zu vergiften. Es wird früher oder später zur Erkeuntniß kommen, daß sein größter Feind der Antisemitismus ist. 9