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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-22 · Heft 30 (22.7.1892) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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Fünfter Verhandlungstag 8. Juli. Der Präsident eröffnet gegen 9V4 Uhr Vormittags die Sitzung. Der erste Zeuge ist Kaplan B ress er (Xanten). Präs.: Herr Kaplan, Sie sind Redakteur des „Xantener Boten?" Zeuge: Redakteur nicht, blos Mitarbeiter, ich habe aber einen großen Einfluß auf das Blatt. Präs.: In dem „Xantener Boten" sind einige Gutachten über die Ermordung des Knaben Hegmann veröffentlicht worden. Es würde sich empfehlen, dieselben hier zu verlesen. Der Vertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer verliest die int „Xantener Boten" enthaltenen Gutachten, wonach der Heilgehilfe Rennings, der ehemalige Metzgermeister Junkermann und der Stadtverordnete Küppers erklärt hatten, daß der Leichnam blutleer war, daß sehr wenig Blut in oer Scheune vorhanden gewesen sei und der sogenannte Schächtschnitt \n konstatiren war. Präs.: Es handelt sich lediglich um das Gutachten des Junkermann, wer hat dies Gutachten geschrieben? Zeuge: Ich habe auf Grund von persönlichen Miltheilungen des Junkermann in einem Leitartikel geschrieben, daß der Halsschnitt ein sogenannter Schächtschnitt war, zumal Junkermann mir sagte, er habe sich den Schnitt genau angesehen. Ich wurde aus Anlaß dieses Artikels im „Clever Kreisblatt" angegriffen, in Folge dessen forderte ich den Junkermann auf, zu mir zu kommen, und nun erzählte nur dieser, er habe den Halsschnitt wohl nicht persönlich gesehen, aber nach der mir von Klippers und Rennings gemachten Beschreibung kann ich nur sagen, oaß der Schnitt ein Schächtschnitt ist, ich kenne den Schächtschnitt ganz! genau. Ich habe in Folge dessen ein Gutachten entworfen, habe es den: Junkermann vorgelesen, dieser hat dasselbe alsdann abgeschrieben, und danach ist das Gutachten im „Xantener Boten" veröffentlicht worden. Vertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer: Kannten Sie den Charakter des Junkermann? Kaplan Bresser: Ich habe den Junkerrnann nur oberflächlich gekannt, aber da er in der Mordsache eine sehr rege Thätigkeit entfaltete, sich mehrfach gutachtlich über den Fall äußerte u. s. w, so nahm ich an, er hdbe sich den Halsschnitt angesehen. Verth. Rechtsanwalt Fleischhauer: Sie haben den Küppers, Rennings und Junkermam: aufgefordert, Gutachten abzugeben? Zeuge: Allerdings. Ans Anlaß des Angriffs im Clever Kreisblatt hielt ich es im Interesse der Wahrheit für nothwendig, die Gutachten einzufordern. Verth. Rechtsanwalt Fleischhauer: Hat denn in den: Clever Kreisblatt etwas von einen: Schächtschnitt gestanden? Zeuge: Das weiß ich nicht mehr, jedenfalls bin ich persönlich im Clever Kreisblatt angegriffen worden. Rechtsanwalt Fleischhauer: Ich konstatire ausdrücklich, daß in dem Clever Kreisblatt nicht ein Wort von dem Schächtschnitt gestanden hat. Kaplan Bresser: Ich wiederhole, daß mich hauptsächlich die persönlichen Eingriffe des Clever Kreisblattes veranlaßt haben, festzustellen, daß der Halsschnitt ein Schächtschnitt war. Ich bemerke dabei ausdrücklich, daß ich stets vor den Exzessen gegen die Juden gewarnt und aus diesem Anlaß der „Judenkaplan" genannt wurde. Ich tröstete mich aber mit dem heiligen Werner, der mir gewissermaßen als Vorbild dient. Präs.: Es ist ja bekannt, daß der heilige Werner gegen die Judenverfolgungen aufgetreten ist, diesen ließen Sie sich als Vorbild dienen? Zeuge: Jawohl. Verth.: Was bezweckten Sie aber mit dem Gutachten? Die persönlichen Angriffe des „Clever Kreisblatts", in denen, ich wiederhole es, von einem Schächtschnitt nichts gestanden, konnten Ihnen doch keine Veranlassung dazu geben? Präs.: Herr Vertheidiger, ich weiß nicht, ob diese Frage noch zur Sache gehört. Oberstaatsanwalt Hamm: Der Herr Kaplan Bresser ist als Zeuge geladen worden, da Junkermann bestritt, das Gutachten verfaßt und überhaupt vor der Veröffentlichung von demselben etwas gewußt zu haben. Die Beweisaufnahme hat ergeben, daß Junkermann ent sehr unzuverlässiger Zeuge, ein großer Schwätzer ist, der mehr spricht, als er verantworten kann, und das, was er heute bekundet, morgen widerlegt, mithin, sei es wissentlich, sei es unwissentlich, vielfach die Unwahrheit sagt. Damit ist aber die Vernehntung des Zeugen Kaplan Bresser erschöpft. Auf weiteres Befragen bekundet noch Kaplan Bresser, daß er keineswegs Kinder, die über die Sache etwas wußten, vernommen, sondern sie nur aufgefordert habe, die volle Wahrheit zu sagen. Der folgende Zeuge ist der Kaufmann Siegmund Isaak. Dieser bekundet: Er habe früher in Xanten gewohnt, sei aber aus Anlaß der vielen Krawalle gegen die Juden aus Xanten fortgezogen. Er sei arn Peter-Paulstage Nachmittags gegen 2 Uhr mit Fräulein Bertha Kahn zu Buschhoff gekommen und habe dort Buschhoff, die Hermine Buschhoff imb den Siegmund Buschhoff angetroffen. Frau Buschhoff sei krank gewesen und habe im oberen Zimrner auf dem Sopha gelegen. Bis 4 Uhr Nachmittags, so fuhr Zeuge Isaak wörtlich fort, blieb ich bei Buschhoff. Während dieser Zeit, also von 2 bi§ gegen 4 Uhr, hat Hermine Buschhoff nur zwei Mal auf höchstens je eine Minute das Zimmer verlassen. Das eine Mal geschah es, weil das Mädchen uns Kaffee kochen wollte. Da wir aber den Kaffee nicht haben wollten, und deshalb das Mädchen zurückriefen, so kehrte es auch gleich zurück. Das zweite Mal verließ Hermine Buschhoff das Zimmer mit ihrer Mittler, die, wie erwähnt, im oberen Zimmer auf dem Sopha lag, eine Photographie zu zeigen, kehrte aber auch diesmal nach Verlauf von etwa einer Minute zurück. (Schluß folgt.) K Aer Begriff des christlichen Staates. Von Dr. B ä cf, Rabbiner in Lissa. Wollten wir das Gepräge, den Charakter unserer Zeit mit einem ganz bestimmten Ausdrucke bezeichnen, dann müßten wir sie die Zeit der Schlagwörter nennen, denn mehr als irgend eine Zeit ist es die unsere, welche von dem Schlagwort beherrscht wird. Da ist von Jemanden, dem es darum zu thun ist, die Gemnther der Menschen für seine Zwecke zu gewinnen, ein äußerlich blendendes mit dem Schein der Wahrheit sich umkleidendes Schlagwort ausgegeben worden, und die große Menge, die an dem Aeußerlichen haftet, nimmt es auf, es dringt in alle Schichtender Gesellschaft, und nur einzelne tiefer Denkende nehmen sich die Mühe, es auf seine Wahrheit zu prüfen. Diese kleine Schaar der redlich Denkenden erkennt allerdings alsbald, daß diese Schlagwörter nur darauf berechnet find, durch die blendende Hülle zu täuschen, Lug und Trug unter die Menschen zu tragen; doch die Korruption, welche sie erzeugen, und das Verderben, welches jsie verbreiten, wuchert trotzdem weiter. Tenn solche Schlagwörter gehen wie geprägte Münzen durch alle Lande, vererben sich von Geschlecht zu Geschlecht und ist die Zahl derer klein, welche ivissen, daß sie von Falschmünzern geprägt ivorden, dann ist die Zahl derer noch kleiner, welche den Muth haben, der irregeführten Menge gegenüber auf diese Falschmünzerei hinzuweisen. Solche Schlagwörter sind um so gefährlicher, wenn sie sich als Resultate wissenschaftlicher Forschung geben und wenn wüste Agitatoren sie für ihre ruchlosen Zwecke ansbeuten. Ein solches Schlagwort ist: der christliche Staat, die Einheit der Nation und des Glaubens, welche durch das fremde Element der Jriden durchbrochen wird, und dieses Schlagwort führen die Antisemiten ins Feld, um gegen die Zulassung von Juden zu Staatsämtern zu eifern. Es muß sedein Denkenden großes Interesse bieten, zu erfahren, wie die heilige Schrift den Nationalitätsbegriff ausfaßt. Tie Bibel führt die Trennung der Menschen in verschiedene Nationen auf den Thurmban von Babel zurück. Die Menschen hatten sich, so wird im Eingänge der Bibel erzählt, zusammengcthan und sie wollten in der Ebene Sinnar eine Stadt und in dieser einen Thurm bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reiche. Der Herr verwirrte aber ihre Sprache, daß Einer die Sprache des Anderen nicht verstand und zerstreute sie in alle Länder, daß sie anfhörcn mußten, die Stadt und den Thurm zu bauen. Diese Erzählung enthält zunächst eine religiöse Wahrheit. Jedes Streben, das nur irdische Zwecke verfolgt, dessen Seele nur der Ehrgeiz ist, trügt den Keim des Verfalls in sich. Die Lehrer der Mischnah drücken dies in ihrer Weise aus, indem sie sagen : Jede Vereinigung, welche im Namen Gottes geschieht, hat Bestand, während jede Vereinigung, die nicht im Namen Gottes geschieht, keinen Bestand hat. Die Menschen wollten ein großes Weltreich gründen, das, von einem Mittelpunkt aus mit straffen Zügeln geleitet, jede Selbstständigkeit des Einzelnen vernichtet, dasselbe war gegen den Plan Gottes, der die Ausbildung und Entfaltung der geistigen. Individualitäten wifl, gerichtet, es konnte darum keinen Bestand haben In der Erzählung vom Thurmbau in Babel ist aber auch ein kulturhistorisches Moment ausgesprochen. So lange das Menschengeschlecht noch gering an Zahl war, war wohl räumliche, äußerliche Vereinigung für dasselbe ein Bedürfuiß; vereinigt konnten sic Größeres

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