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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-22 · Heft 30 (22.7.1892) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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350 Aer Knabenmord in Fanten. (Fortsetzung.) Dritter B e r h a n d l u n g s t a g, 0. Juli. Der Präsident eröffnet gegen O1/* Uhr Vormittags die Sitzung. Es erscheint zunächst als Zeuge Anstreicher Katers: Lln; Vormittage des Peter-Paulstages sei er etwa 10 Minuten vor 10 Uhr aus der Messe gekommen Er sei über den sogenannten Porteweg gegangen und habe dort auf einem kleinen Häuschen, das an das Buschhoffsche Hinterhaus grenzt, seinen Neffen, den kleinen Joanchen sitzen sehen, letzterer habe ihn noch mit den Worten begrüßt: „Guten Morgen, lieber Onkel!" Er habe von dieser Zeit ab das.Kind nicht mehr gesehen. Er sei einer der Ersten gewesen, der auf der Mordstätte war. Verth. Rechtsanwalt Fleischhauer: Sie haben dem Vater des ermordeten .Kindes, Ihrem Schwager, zuerst die Nachricht von der Ermordung gebracht. Was haben Sie Ihrem Schwager als Todesursache angegeben? Zeuge: Ich sagte meinem Schwager, das; der Joanchen in die Wannmühle gefallen sei. Präsident: Glaubten Sie, daß der Knabe in die Wannmühle gefallen fei? Zeuge: Jawohl, anfänglich glaubte ich es; ich habe allerdings dem Vater zunächst gesagt, daß sich der Kleine blos eine Beinverletzung zugezogen habe, ich wollte ihm nicht sofort sagen, daß das Kind tobt sei. Lehrer G ottsch alk: Er sei Lehrer und Schächter der jüdischen Gemeinde 51t Tanten; Buschhoff habe während der Zeit, wo er (Zeuge) tu Tanten sei, nur als Hilfsschächter fungirt. Siegmund Buschhoff sei ein sehr gtttntiithiger und aufgeweckter Knabe; er sei nicht schüchtern, aber auch nicht frech. Es erscheint alsdann als Zeuge der Bürgermeister Schl es; zu Tanten. Dieser bekundet auf Befraget; des Präsidenten: Buschhoff erfreute sich eines sehr guten Leumunds, er sei weder jähzornig, noch rachsüchtig, sondern im Gegentheil ein gutmüthiger Mann. Präs.: Gestern haben uns mehrere Zeugen gesagt, Buschhoff sei auch ein sehr reeller Mann, er habe sie beim Fleischhandel niemals übervortheilt; können Sie das bestätigen? i Zeuge: Soweit mir bekattut, kann ich dies Zeugniß durchaus bestätigen. Präs.: Buschhoff hat sich einige Tage nach dem Morde bei Ihnen mit dem Erfflchen gemeldet, daß Sie ihn verhaften sollen? Zeuge: Jawohl. Buschhoff kam einige Tage nach dein Morde zu mir und sagte: Herr Bürgermeister, ich kann es nicht mehr aushalten, ich werde von allen Seiten des Mordes beschuldigt, bitte, verhaften Sie ntich. Ich antwortete dem Buschhoff: Ich könne das nicht thun, er müsse sich eventuell an die Staatsanwaltschaft wenden. Präsident: Machte Bufchhoff den Eindruck eines Schuldbewußten? Zeuge: Das kann ich nicht sagen; er machte jedenfalls den Eindruck eitles Verfolgtet;.; Bertheidiger Nechtsauwalt Fleischhauer: Ich richte an den Herrn! Bürgermeister die Frage, ob Juttkerntautt am Tage nach dettt Morde; zu ihn; gekommen ist und ihm gesagt hat: Ich kenne den Mörder, das ist Niemand weiter, als der Jude Bttschhosf. Die Juden brauchen Ehristenblut, das weiß ich von tneinem Sohne, detu Doktor. Zeuge: Das ist richtig. Junkermann kam am Tage nach beut Morde zu mir und sagte: Ich kenne den Mörder, das'ist der Jude Bttschhosf, die Jttdett brattchen Ehristenblut, das weiß ich ganz genau von tneinem Sohne, der 'Arzt ist. Präs.: Junkermann, was sagen Sie dazu? Ist das richtig, was der Herr Bürgertneistcr sagt? Junkermann: Ter Herr Bürgermeister wird sich erinnern, daß ich am Tage des Mordes zu ihm gekomutett bin und ihm gesagt habe: Ich habe auf zwei Leute Verdacht, zunächst auf Knippenberg. Ta atttwortete mir der Herr Bürgermeister: das glaube ich nicht, Knippenberg ist ein viel zu gutmüthiger Mensch. Darauf sagte ich: ich babe noch enten zweiten Verdacht, auf Bttschhosf. Da versetzte der Herr 1 Bürgermeister: Ja, daran haben wir auch schon gedacht. Etwas; Anderes habe ich dettt Herrtt Bürgermeister nicht gesagt, vott einem! Nitualmorde habe ich nicht gesprochen. j Präs: Herr Bürgermeister, ich bitte, sich hierüber zu äußern.! Bürgermeister Schleß: Ich halte meine 'Aussage auf Grund meines j Eides vollständig aufrecht. ' | Auf Antrag des Rechtsanwalts Fleischhauer wird der Zeuge! Junkerntann noch eintnal vorgerufett. '! Bertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer: Unterhalten Sie mit! Wesendrup feinen Verkehr?; Zeuge: Junkermann: Nein, den habe ich aus bestimmten Gründen j abgebrochen. Bertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer: Waren Sie nicht am 4. Juli mit Wesendrup zusammen verreist? Zeuge Junkermann: Nein. Bertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer: Haben Sie den Wesendrup aut 4. Juli nicht in der Stadt Goch getroffen? Zeuge Juttkermann: Das weiß ich nicht. Bertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer: Wir werden die Richtigkeit beweisen. Präs.: Herr Bürgermeister halten Sie den Mölders für einen glaub würdigen Mann? Zeuge: Mölders ist Gärtnereibesitzer und trinkt wohl bisweilen etwa über oen Durst, namentlich att Sonn- und Feiertagen, ich glaube aber daß er wissentlich keinen Meineid leisten wird. Präs.: ftmuteit Sie uns etwas über die Familie Ullenboom sagen Zeuge: Die Ullettbooms sind anständige Leute und meiner Meinun, nach vollständig glaubwürdig. Präs.: Können Sie uns über Wesendrup etwas sagen? Zeuge: Wesendrup ist ein sehr geschickter Steinmetz, aber ein d-.1, Truttk ergebener, ganz verbummelter Mensch, der in Folge seines litb u liehen Lebenswandels wirthschaftlich sehr heruntergekommen ist. Wesenden, ist auch ein sehr jähzorniger, roher Mann, der seine Frau stets m mißhandelt hat. Es ging sogar in Tanten das Gerücht, daß seine Frai in Folge der Mißhandlung ihres Mannes im Wochenbett gestorben sei Ich halte den Wesendrup für sehr wenig glaubwürdig/ Wesend;,» unterhält mit seiner Haushälterin ein intimes Liebesverhältnis;. 0 arbeitet vielfach auswärts, schickt aber nichts für seine Kinder, die ii Folge dessen der Armenverwaltung zur Last lieget;. Staatsanwalt: Verkehrte Wesendrup mit Mölders? Zeuge: Jawohl. Präs.: War Wesendrup im Stande, auf Mölders Einfluß am $ mitten? Zeuge: Jawohl, Wesendrup ist dem Mölders geistig überlegen ttai ist wohl im Stand, denselben zu beeinflussen. Verth. Rechtsanwalt Fleischhauer: Können Sie uns etwas über bui Verhältnis; zwischen Wesendrup und Junkermann sagen? Zeuge: Wesendrup und Junkermann sind Halbschwäger; dieselbe! waren lange verfeindet; es ist mir aber aufgefallen, daß nach dem Mord die beiden Leute sich wieder befreundeten. Bertheidiger: Hat Junkermann nicht vielfach öffentlich behauptet daß Buschhoff der Mörder sei? Zeuge: Jawohl, Juttkermann hat in ben Wirthschaften das gro» Wort geführt, Junkermann ist, wie man zu sagen pflegt, ein richtige Schwadroneur und hat stets behauptet, daß Buschhoff der Mörder fei. Bertheidiger: Hat Junkermann in Tanten antisemitische Flu» schriften vertheilt? Zeuge: Es sind wohl in Tanten viele antisemitische Schriften, tri die „Dortmunder Reform" u. s. w., vertheilt worden, ob sich aber atni Junkermann an dieser Vertheiluttg betheiligt hat, kann ich nicht sagai Die antisemitischen Schriften wurden zumeist im Hotel Wilkens in Tante, vertheilt, in diesen; Hotel hat auch Junkermann vielfach verkehrt. Präs.: Was können Sie uns über den hier auch als Zeugen ik ladenen Mallmann sagen? Zeuge: Mallmattn hat sich an den Unruhen, die nach dem More in Tante;; gegen die Israeliten stattfandeu, in hervorragender We 1 betheiligt. Wenn ich des Abends mit meinet; Beamten die Straf inspizirte, bmttt befand sich Mallmann gewöhnlich in den ersten Reihe, der Skandalmacher und leistete meinen Äufforderungen, sich zu entfern.'! oder wenigstetts nicht stehen zu bleiben, keine Folge. Präs.: Mallmann war also gewissermaßen Agitator bei de, Krawallen gegen die Juden? Zeuge: Jawohl. Präs.: Halten Sie den Mallmann für glaubwürdig? Zeuge: Nein, keineswegs. Bertheidiger Rechtsanwalt Fleischhauer: Ist es dem Herrn Bürger meister bekannt, daß Buschhoff sich am 9. Juli bei ihm beschwerte, W Mallmann ihn förmlich auf der Straße verfolge und ihm Mörde nachrufe? Zeuge: Jawohl. Bertheidiger: Buschhoff hat in Folge dessen Sie um Schutz gebeten Zeuge: Jawohl. Bertheidiger: Hat nicht einmal Mallmann das Gerücht verbreit4 er habe gesehen, wie die Tochter des Angeklagten, die Hermine Buschhon die Leiche in einem Sack in die Küpperssche Scheune getragen habe? Zeuge: Jawohl. Der Zeuge betnerkt int Weiteren, daß, als er die Leiche zum erste, Male gesehen, der sehr geschickte Halsschnitt den Verdacht in ihm rcg. macht/ einer der in der Nähe wohnenden jüdischen Schächter habe da Mord begangen. Der folgende Zeuge ist der Polizei-Sergeant Schlöhr. Dieser ie kündet, daß er sofort nach Auffindung der Leiche nach menschlichen Spure! gesucht, er habe aber tun auf dem Gartenweg Fußspuren entdeckt. Dn> Thor fand er verschlossen, doch konnte eine starke Person die Flügel io weit auseinanderdrücken, daß ein Mensch durchkriechen konnte, Jyt\;i Hegmann habe ihm erzählt, als Buschhoff att; Abend des Mordes ztt Hu kam, habe sie förmlich geahnt, daß Buschhoff der Mörder sei. Präs.: Wann erzählte Ihnen das die Frau Hegmann? Zeuge: Einige Wochen nachdem Morde. Es erscheint alsdann als Zeuge der Gärtnereibesitzer M ö l d e 1 * Dieser bekundet auf Befragen des Präsidenten: Er sei am Peter-Par^ tage des Morgens gegen 9 Uhr in feinen Garten gegangen, er sei dor etwa V4 Stunde geblieben, sei alsdann nach dem Clever Thore gegange> ttttb habe dort in der Gastwirthschaft von Kluge einen Korn getrunken j Gegen 10 Uhr sei er nach der Cleverstraße gegangen und habe dort i sehen, wie aus dem Hause von Buschhoff aus dem Hausflur ein Arii' > herauslangte und einen kleinen Knaben in das Haus zog.

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