Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-22 · Heft 30 (22.7.1892) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 30 (22.7.1892)
Date
1892-07-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227962--48991-3269658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

rt den An llt werden! den oberen rd die ein rhung vor! Studenten ff, die sie cken haben, lumenthal, I jiteebergci; I r Fakultä, > Rev. Dr : von b.r| Bö. Jahrgang. Ur. 30. Allgemeine Berlin, 22. Juli 1892. eitung öes Audenchuins. Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. ''iese Zeitung erscheint wöchentlich. Nionnements-Preis.- Durch Buchhandel, r ost oder direkt von der Expedition in Berlin Witter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. tedacteur: Gustav Karpeles. durch dl- Berlin n »er ihn ver i nicht ver isch gerne l! Jüdisch Zeit cii lnnenschli'n : Publiku m! travagan aschaft zur ob st von er Judr" gunkte u'■ zum Pren. Zoseuzu!r '.E. Rosen ael R o l o ders gegen Nldet wire, eschiedeu^n, 'littet henn zerufeu. dozeut, ui, nute Gronaus sein u| ie Arbeil nt werden.I n ist biourj dem Wa e üben Um tuten durchI re beschlau igen 111 ai.nl ers. Ta tftrrttioiKii. | ie Königin eeuward'H; einer on Üe Speis-?! t ihm be: das ölteii eeuwarden, lu-Oranieu t sich Herr ,Poseidon" ische Regie- ,000 Pfund lin. |L- Begründet von Nablrmer Dr Ludwig phiUppson-Sonn. Verlags-Grpedrtion: Lerlin, Lerufakemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AÜgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nndolf Mosse, Berlin. 3 tt l| fl 11 ♦ Leitartikel: Was nun?—Der Knabenmord in Xanten. (Forts.)— Begriff des christlichen Staates. Von Dr. Bäck. — Wie sotten wir Gemeindei> iotbeken gründen? Von Heinrich Löwe. — Feuilleton: Im Postwagen. v',\i M. A. Goldschmidt (Schluff). — Doktor Immergrün. Von Wilhelm ich ldbäum. — Literarische Mittheilungen. Der iSemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. T meidemühl, Jnowrazlaw. Braunschweig. Einbeck. Straßburg. Frankfurt a. M. ch m. London, Lissabon, Cincinnati. — Bon Rah und Fern. — Sprechsaal. — scetten. as nun? Berlin, 20. Juli. Ter Prozeß Buschhoff ist abgeschloffen, das Urtheil ist gesprochen, lautet auf Freisprechung des Angeklagten. Weit über die Grenzen üschlauds hinaus aber hat dieser Prozeß die allgemeine Auf-! rksamkeit erregt und selbst wichtige politische Fragen, wie das Duell ' privi-Bismarck und die englischen Wahlen, in den Hintergrund gelugt. Wvhlgeuierkt, es war nicht der Fall Buschhoff an sich, auch l,t einmal das Blutmärchen oder vielmehr die Blutlüge, welche je allgemeine Aufmerksamkeit im Auslande erregten, sondern viel- : hr das Kulturbild des Antisemitismus und seiner Folgen, welches - hier vor der erstaunten Menschheit aufrollte! In der That, so [i'U Bosheit und Niedertracht, so viel Fanatismus und Dummheit :te man in Deutschland nicht mehr für möglich gehalten. Das ist ein trauriges Resultat des Prozesses. Aber auch ein reuliches ist zu verzeichnen. Buschhoff ist freigesprochen, sein Mitigeklagter aber ist verurtheilt, moralisch verurtheilt, von der uzen gebildeten Welt auf das Schärfste verurtheilt. Und dieser ckangeklagte ist bekanntlich der deutsche Antisemitismus, der die uze schmähliche Hetze veranstaltet hat, dem kein Mittel zu schlecht, i Ziel zu niedrig ist, um nur die verhaßten Juden zu treffen. Täuschen wir uns nicht, so wird der Prozeß Buschhoff ein cndepnukt im öffentlichen Leben werdet!. Der deutsche Geist ist oß und frei wie kein anderer. Die größten Ruhmesthaten der >esie, der Kunst und der Wissenschaft verdankt ihm die Menschheit, u bcr ein Jahrhundert hat er nun schon die Welt mit seinem Glanze leuchtet. Da mußte nothwendig ein Rückschlag erfolgen. Es ist mirig, daß wir gerade in dieser Zeit leben, da der deutsche Geist mittet seine Flügel sinken läßt — aber cs ist eben unabwendbar. >d wer die Geschichte der Menschheit von einem höhern als dem rchthurmsstandpunkt der Alltagspolitiker überschaut, der wird in all' sen Wirrungen einen Kausalnexus erkennen, der wird aber auch irost in die Zukunft schauen, weil er genau weiß, daß der deutsche eist wohl ermatten, aber nicht sinken, daß er wohl zurückgehen, aber si für immer schwinden, und vor Allem, daß er seine große Weltssion der Humanität sicher einmal trotz aller Verirrungen und Trübungen des freien Gedankens erfüllen wird. Das ist unsere Hoffnung, das ist unser Patriotismus. Blicken wir so voll Hoffnung in die ferne Zukunft, so dürfen wir uns aber doch auch über die Gefahren keineswegs täuschen, die die nächste Zukunft in sich birgt. Ein tiefer Abgrund von Rohheit und Fanatismus hat sich vor den erstaunten Blicken der Kulturwelt aufgcthan; wir haben gesehen, daß das Mittelalter noch wirksam ist in den Herzen und in den Köpfen moderner Menschen; wir haben erkannt, wohin der Haß die irregeleiteten Geister zu führen vermag. Große moralische und politische Lehren können wir Alle aus dem Prozeß Buschhoff schöpfen: die Regierungen, die Parteien, die Einzelnen, soweit sie solchen Lehren und Ideen zugänglich sind. Der verurtheilte Antisemitismus ist allerdings hievon ausgenommen. Er will und wird nichts lernen. Er ist von keiner sittlichen Idee erfüllt, und darum muß er untergehen. Bon blindem Haß allein kann eine politische oder soziale Partei nicht leben. Und selbst diejenigen, welche objektiv oder gar wohlwollend bisher jener Bewegung gegenübcrgestanden, haben nun erkannt, wohin sic führt, was ihre Tendenz und ihr Ziel sei. Das ist für uns eines der wichtigsten Resultate des Buschhoff-Prozesses. Wenn wir die antisemitische Politik recht verstehen, so hat sic in letzter Zeit einen gewaltigen Sturmlauf gegen das Judenthum zu unternehmen beabsichtigt. Von verschiedenen Seiten sollte der Angriff zugleich erfolgen. Im Fall Löwe sollte den Juden Vaterlandsverrath, im Prozeß Buschhoff Ritualmord nachgewiescu werden; dazwischen sollte durch Broschüren und Flugblätter („Talmud-Auszug", „Judenbordelle" u. s. w.) die Volkswuth aufgcstachelt werden. Und dann sollte die große politische Aktion im Parlament erfolgen, die inindestens mit Aufhebung der Emanzipation, wo nicht gar mi^ Vertreibung der Juden hätte abschließen können. Dies mag wohl der Gedankengang der antisemitischen Politiker gewesen sein. Nun denn, ihr Sturmlauf ist diesmal glücklich abgeschlagen sie haben in allen entscheidenden Punkten Niederlagen erlitten. Was nun? Ja, was nun? So müssen wir vor Allem fragen. Es hieße den Feind unterschätzen, würden wir uns jetzt in Siegesfrcude einwicgen und glauben, daß er seine böswilligen Angriffe aufgegeben. Wir müssen vielmehr noch immer auf der Warte stehen und zu „Kampf und Gebet" jeden Augenblick bereit sein. Wir haben es mit einem hartnäckigen Feind zu thuu, mit einem hinterlistigen und boshasten, der nicht einmal das Gesetz des Waffenstillstands achtet, und darum schauen toir nicht ohne Sorge in die nächste Zukunft und fragen, angesichts der tiefen Erbitterung des Gegners über die erlittene schmähliche Niederlage, sicher nicht ohne Grund: Was nun?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.