Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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348 nur der Arme am Tische, der Arme im Hause. Zu Rcb NoachS Zeiten war er der Gast, der geehrt und geachtet wurde. Verbarg sich doch nicht selten in der Hülle eines Bettlers ein großer Gelehrter! Wie's auch sei» mochte, der Anne war nicht arm. Man freute sich, ihn aufnehmen zu können. Hatte man doch in ihm ein Medium, an dem man eine Mizwoh ausüben, eine Mizwoh, mit der man das Konto im Schuldbuchc des ewigen Vaters ein wenig ausgleichen konnte. Der Arme wußte das lind war sich seines Berufs, der Mitwelt gegen so viele Sünden zu einer Wohlthat zu verhelfen, wohl bewußt, und er war deshalb stolz auf seine Würde. In der That, es warm jener Zeit eine Lust, ein Bettler zu sein. — Damit will ich durchaus nicht sagen, daß angesichts unserer Zeitverhältnisse ein solcher Zustand begehrenswerth erscheint, es könnte sonst vor lauter Hang zur Lust die Welt zu Bettlern werden. Aber ein bischen mehr Liebe der Gabe beifügen, nicht dem Armen geben, um sich seiner zu entledigen, auch nicht aus eitler Furcht und Hoffnung geben — das thut noth. Auch Du sollst Dich freuen, geben zil können; denn das vorhin erwähnte Streben zur Armuth „war doch nur ein Problema! Ist zu sage», zu sagen ein Problema!" Da hält man's lieber mit jenem Oestreicher, der meinte: „Armuth ist schrecklich! Man töunle mir eine Million geben und sagen, ich sollte arm sein — ich thät's nicht." Der Wohlthätigkeitssinn zu Reb Noach Bralls Zeiten ging nur zum ganz geringen Theile aus Hoffnung auf himmlischen Lohn hervor. Der Gcmcinsinn im Jndenthume war es, der die Hand de-; Bruders nicht sinken ließ. Das Band der Religion — dies gemeinsam gleiche Fühlen und Denken — knüpfte sie an einander, der wunderherrliche Glaube, daß sie Alle eines Aeltervaters Kinder seien, ruckte sie näher, der Druck von außen wirkte, daß sie sich nach innen fester zusannncnfügte». Der Unterschied zwischen Arin und Reich trat noch nicht so kraß als jetzt hervor. Sie waren ja Brüder, Kinder eines Vaters. Zwar an Werkeltagen gingen im Drange des geschäftlichen Lebens ihre Wege wohl auseinander, aber, wenn der Sabbath, der Tag des Herrn, kam, da fühlten sie erst recht ihre Gemeinschaft. Dieses Band der Seelen und Gemüther tönnle uns, der Nachwelt, der „Eiruw" versinnbildlichen, jener Draht, der an Stelle des „Thorwegs" die Häuser mit einander verband. „Tenn der Drakh ist so gut wie ein Thorweg, und ei» Thorwcg so gut wie eine Mauer, und eine Mauer ist so gut wie ein Haus." Ein Hans! — Nur ein Kerkow, der Hasser der Juden, konnte einen Eirrnv — das, was dem Volke nach altem Brauche heilig war, — zerstören, um die Juden zu verhöhnen und verletzen. Warum dies alles? Warum der Haß? Weil die Juden des Städtchens F. ihre Uhren nicht bei ihm repariren ließen, weil sie, die Gläubigen, den Glauben an seine Kunst nicht besaßen. Darum der Haß, darum ward Kerkow zum Judenfeind. Der Eiruw ist gefallen, die Kcrkows sind geblieben. Ja, es sind dieselben Kerkows. dieselbe Ursache zum Hasse, nur nicht so harmlos in der Rache wie ihr Ahnherr, sie sind boshaft und tückisch, verleumdend und gewalthätig. Der Eirutv ist gefallen? Nein er steht noch da. Zwar nicht jener Eirrnv, der an Stelle des Thortvcges errichtet ist und dem mit Hammer und Beil bciznkommen ist, unser Eiruw ist ein Band der Geister, Bande, die uns zu einem Ganzen verknüpfen, gegenseitig belehrend, helfend und rettend — ein Eiruw, der nicht nur die Häuser eines Städtchens verbindet, sondern Alle, Alle umschließt, die treu den Satzungen der Väter sind. Zrvei himmelhochstrebcnde Pfosten haben wir für unseren Eiruw errichtet: den „Deutsch- Jsraelitischeu-Gemeindcbnud" und die »Alliance Jsraelite", zwei Pfosten, die den großen Thorweg mit einander verbinden sollen; damit wir sind „ein Haus". Immer und immer wieder suchen die Kerkoivs den Eiruw zu zerstören, aber je größer die Wuth ist, ihn niederzulegen, desto fester ward unsere Kraft gestählt, ihn hoch zu richten und zu befestigen, denn fest steht unser Wille, wie unsere Väter zu bleiben „ein Haus". U Miscellen. * Herr Drumont und seine Mitarbeiter. Bekanntlich ist jüngst an den Tag gekommen, daß Hr. Gerin, welcher dem französischen Stöcker, Herrn Ed. Drumont, die Mittel zur Gründung seines Hetzblattes „La libre Parole“ geliefert hat, früher israelitische Bankiers um Geld für den damals von ihm geleiteten „National" anging, um sich gegen die Angriffe der Antisemiten zu vertheidigen. Zugleich hat sich der verantwortliche Redakteur der „Libre Parole“, Gaston Cremieux, als ein Jude entpuppt. Nachdem Drmnont zuerst eine Menge Leute als Semiten angegriffen hat, die es gar nicht sind, stellt sich jetzt heraus, daß er, der behauptet, jeden Juden schon von Weitem zu erkennen, sich für seine Agitation einen ganzen Stab von Juden angelegt hat. Drumont schwört, er habe keine Ahnung davon gehabt. Der Figaro spottet über diesen angeblichen Mangel an Scharfblick wie folgt: Drumont ist in seinem Büreau und klingelt. (Ein Büreaudiener tritt ein.) Drumont: Sehen Sie nach, Abraham, ob mein Zeitungsspediteur da ist. Diener: Herr Levy? Drumont: Ja wohl, Herr Levy; er soll zu mir kommen. — Sagen Sie Herrn Cohen, der die Abonnentenliste führt, und Ihrem Kollegen Mardochai, ich hätte mit ihnen zu sprechen. Diener: Mardochai ist in der Synagoge. Drumont: Ich will einmal nach der Expedition gehen. (Gelv hinüber.) — Ah, die Herren essen jetzt zu Mittag. Guten Appetit meine Herren! Ein Kommis: Wenn Sie nritthun wollen, Herr Direktors Drumont: Ei was, Sie essen Mazzes? Kommis: Ja, sie sind uns von unseren Ostern übrig geblieben. Drumont: Das Zeug schmeckt nicht schlecht, nur etwas trocken. - Und Sie, Salomon, Sie essen ja nicht? Kommis: Ich habe keinen Hunger; ich lese. Drumont: So, Sie lesen (Er blickt in das Buch.) Das ist hebräisch, wenn ich nicht irre? Kommis: Ja, es ist der Pentateuch. Drumont: Adieu, meine Kinderchen! (Geht in sein Büreau zurück. Nein, diese Erfindungen, die man über mich aussprengt; es ist wahr hastig zu arg! Es ist möglich, daß ich, wie man mir vorwirft, überalt Juden sehe, aber in meiner Umgebung habe ich wirklich noch keinen einzigen gesehen. * Der verjudete Bismarck. Aus Berlin wird den „Freien Blättern" geschrieben: Sehr geehrter Herr! Sie schreiben in Ihrer letzten Nummer: „Es würde uns hier nicht Wunder nehmen, wenn da- „Volk" ... Bismarck selbst zum Juden oder Judensprößling machte." Das ist übrigens geschehen, zwar nicht vom „Volk", sondern von Paafiw in seinem dickleibigen Buche. Er sagt es zwar nicht direkt, hegt aber Vermnthungen. Auf einem Bilde Koppay's steht Bismarck Hand in Hand mit feinem Sohne Herbert. In den verschlungenen Händen siel l Paasch das Zeichen der Zugehörigkeit der Alliance Jsraelite. Da : Pudor in Dresden in Richard Wagner einen Semiten wittert, ist Ihnen bekannt. Als dritten Semiten nenne ich den Papst Pio Nono. In seiner Schrift „Juda-Jesuitismus" spricht Ottomar Beta von dem Papa Pio Nono aus dem jüdischen Hause Ferratti. Sie sehen, daß jede Persiflage von den antisemitischen Behauptungen noch übertrunipft wird. * Die Nr. 27 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße Ld Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Der Prozeß von Tisza Eszlar. — Bodenbesitzreform und Antisemitismus. — Der norddeutsch Antisemitentag. — Korrespondenzen und Mittheilungen. Druck und Verlag von Rudolf Mone m Berlin. Verantwortlich für du Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin. 56. 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