Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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345 Herr Pertsch sagte darauf: „Sein abgerissener Rock erinnert inich an eine Geschichte." „Lassen Sie hören," sagte Herr Pollak. „In einer Stadt in Böhmen lebte ein Rabbi, der das heilige Wort kannte. Er hatte drei Söhne, und als der älteste in die Welt hinaus wollte, erlaubte ihm der Vater, sich etwas zu wünschen, durch das er sein Glück machen könnte. Der Sohn wählte die Schönheit. Wohin er kam, wurde er auch von den Frauen geliebt, und er würde sich sehr glücklich dadurch gefühlt haben, wenn ihn die Männer nicht ul demselben Verhältniß gehaßt hätten. Er kehrte deshalb zum Vater zurück und erbat sich noch die Gabe, daß kein Mann ihm etwas thun könne. Da sagte der Vater: „Du nimmst einen Wunsch von Deinen Brüdern; aber Du hast gar gefährlich gewählt, daß ich Dir zu Hilfe koinmen muß. Dein Wunsch soll erfüllt werden." — Da zog der Sohn wieder hinaus in die Welt und wurde wieder glücklich, bis eines Abends ein Weib aus Eifersucht ihm eine spitze Radel ins Herz stach. Als der zweite Sohn davon ziehen wollte und der Vater alich hm die Erfüllung eines Wlmsches znsagte, wühlte er Stärke. Infolge dessen siegte er überall, wohin er kam; aber er schlug so viele Menschen zu Krüppel, daß er jeden Augenblick fürchten mußte, angeklagt und verurtheilt zu werden; es kostete ihm viele Mühen, dieser viefahr zu entfliehen. Vergebens bestrebte er sich, sich friedlich und sanftmüthig zu verhalten, aber sobald er nur die Leute berührte, griff er zu hart zu und brach ihnen Arme und Beine. Schließlich achte er einen klugen Mann und bat ihn um seinen Rath. Dieser versprach ihm auch zu helfen; aber er müsse ihm zuschwöreu, daß er hm in allen Dingen gehorchen wolle, und das that der Starke. Da »achte der kluge Manne ihn zu seinem Hausknecht. Als endlich der dritte Sohn das Vaterhaus verlassen wollte, agte der Vater: „Für Dich habe ich nichts, was ich Dir geben tonnte, und vielleicht ist das besser so; denn was Deine Brüder gewünscht haben, ist ihnen übel bekommen. Der liebe Gott hat Dir ein gutes und dankbares Herz gegeben; geh' also mit Gott und »e-h zu, tvozu es Dich führen wird." Der Sohn zog hinaus in die Welt als Handwerksbursche. Er kam einmal auf seiner Wanderung an einer Landstelle vorüber, die einem Juden gehörte; er ging hinein, um ein kleines Reisegeld zu erhalten. Der Besitzer war nicht zu Hause, aber dessen Frau war anwesend, bei der zufällig eine andere Frau zu Besuch ich fand. Wie es so oft geht: mau ist viel wohlthätiger, wenn Rudere als Zeugen zugegen sind. Der Handwerksbnrsche bekam gierst reichlich zu essen und dann einen Reiseschilling. Als er daun gehen wollte, fühlte die Hausherrin Mitleid mit ihm wegen seines abgetragenen Rockes und sagte: „Bleiben sie noch, ich werde in cr Garderobe meines Mannes etwas finden, das Sie gebrauchen tonnen." Sie kam auch bald mit einem blauen Leibrock mit blanken >tnöpfen zurück, den der Bursche außerordentlich hübsch fand. Da r fast fürchtete, daß man die Gabe, tvcnn er sie lange betrachten würde, ihin wieder abnehmen könnte, zog er den Leibrock schnell über de» anderen und eilte dankend davon. Indem er ging, kehrte i-i° daher den beiden Damen den Rücken zu und diese sahen nun, daß der eine Schooß abgerissen war, und obschou sie den armen Mscllen beklagten, mußten sie bei diesem Anblick unwillkürlich laut anslachen. Er war über den Rock mit den blanken Knöpfen entzückt der nach vorne in voller Schönheit prangte, und glaubte, die Damen lachten aus Freude darüber, daß sie ihn so gut ausgestattet hätte», wandte sich zu ihnen um und dankte mit lächelndem Gesicht, worauf ne noch lauter lachten. Er schritt nun muthig weiter, und wo er auf seinem Wege Leute traf, lachten sie, was ihn gar nicht in Verwunderung setzte, da er selbst so froher Laune war. Er kam daun durch eine Stadt, wo der Richter am Fenster seiner Wohnung stand. Dieser litt an einem inner» Geschwülst, das der Arzt nicht ohne eine Operation erreichen konnte. Als er den Handwerksburschen so glücklich und zufrieden in dem Leibrock mit dem einen Schooß vorübergehen sah, mußte er so heftig lachen, daß dadurch das Geschwülst aufging und er augenblicklich große Linderung fühlte. Er sandte seinen Diener hinter dem Gesellen her, der ihn zu dem Richter brachte. Dieser sagte nun zu ihm: „Hier ist ein Gulden. Den sollst Du für die gute Wirkung haben, die Du durch den Leibrock mit dem einen Schooß hervorgerufen hast." Da sagte der Geselle: „Ach, was nützt mir Euer Gulden? Ihr habt mir die zufriedenen Gesichter für immer genommen und das Beste obendrein: „Meine Dankbarkeit gegen die Frau, die mir den Leibrock gab." „War das Dir da? Beste?" fragte der Richter. „Gewiß," antwortete der Bursche. „Du bist also dankbar! Dann bleibe bei mir, damit ich Dir Gutes thun kann!" Man sprach mm davon, wie sonderbar und in mancher Beziehung unglücklich es sei, daß entweder der liebe Gott selbst oder einer seiner betrauten Männer im Augenblick der Roth gegenwärtig sei, wenn man recht eigentlich der Erfüllung eines Wunsches bedürfe. „Was würde man gern dafür geben!" sagte Herr Pertsch halb im Ernst, halb im Scherz, bevor er selbst seine Worte hörte. Darauf nahm Herr Nathan das Wort und sagte: „Darüber hat der liebe Gott ja selbst einst mit Enoch und Elias gesprochen." „Wie das?" fragte Herr Pollak. Herr Nathan fuhr fort: „Wenn ich sage, daß der liebe Gott darüber gesprochen hat, will ich damit keine Sünde begehen. Der Herr hat nur zu seinen Auserwählten gesprochen, und wer bin ich, daß ich das wiederholen sollte, was der Herr zu Enoch und zu Elias gesprochen hat? Aber wenn cs mit der Ehrfurcht stimint, zu sagen: Man legt dem lieben Gatt die Worte in den Mund." „Lassen Sie uns sie hören! Erzählen Sie, Herr Nathan!" rief Herr Pollak. Da erzählte Herr Nathan tvie folgt: „Man sagt — aber ich trage nicht die Verantwortung dafür, wenn darin eine Sünde liegt — daß der Herr, gesegnet sei sein Name, sich einst mit Enoch und Elias auf die Erde begeben habe. Sie verstehen mich wohl. Das ist gar nicht wahr. Aber wenn man nichts Böses damit meint und keine Gotteslästerung begeht, kann man es dennoch sagen. — Also kam der liebe Gott mit Enoch und Elias nach einer Stadt. Es war Pesiachabend; alle Familien saßen am Sedertisch; die Hunde bellten, als sich die Fremden näherten. Elias, der voranschritt, drehte sich um und sagte zu Enoch: „Das ist ein Empfang für den Herrn und uns Beide." Dazu antwortete Enoch scherzhaft: „Der Empfang ist wichtig. Die Hunde erinnern sich, was Du ihren Vorfahren versprochen hast: Die Hunde sollen Jesabel fressen au den Mauern Israels"?) Elias sagte: „So haben also die Hunde schärfere Sinne als die Menschen, die keine Ahnung davon haben, wer ihnen nahe ist! Wenn sie das wüßten, wie würden sie empor springen und den Herrn mit Bitten und Gesuchen bestürmen, wie sie es thun, wenn ein König in ihre Stadt cinzieht! Und welch ein König ist dies! Der liebe Gott sagte — Sie verstehen mich wohl, er sagte es Elias Prophezeiung, 1. Buch der Könige, Kap. 21, B. 23.