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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-15 · Heft 29 (15.7.1892) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 29 (15.7.1892)
Date
1892-07-15
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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Religion, von der sie ihre Ideale, ihr Hoffen und Fürchten beleuchten lassen. Nach Herder haben alle Völker von der Religion Sprache, Schrift und jede frühere Bildung bekommen. Dieser Auffassung entspricht im gewissen Sinne der Satz Spr. d. W. K. 8 V. 30: pÖX lbjJX ITnxi “ Ta war ich bei ihm Pflegling, — ich hatte meine Freude mit den Menschenkindern; als Bildner, Künstler, im Bunde mit der Weisheit als Schöpferin aufgefaßt; auch deutet das Wort auf den Glauben, die Treue und Wahrheit. Das Kind bringt die Religion als der Wesenheit des Menschen ureigen in seines Daseins Erscheinung mit. Beigebracht kann sie ihm nicht werden, also auch nicht hineingeredet, nicht hineingelehrt. Aber von dem Augenblicke an, da sie sich durch die Nebel des sinnlichen Lebens hindurch ankündigt, kann und soll die heilige Flamme gewahrt und gepflegt werden, daß sie von innen heraus sich ungestört und ungetrübt entwickeln kann. Da ist es nun wieder die Mlltter mit ihrem reichen Gemüthe, welche die ersten Wahrzeichen erspäht und erlauscht und die zarten Keime mit dem Than der Himmels befruchtet. In dem Frühmorgen ist das seelische Leben noch zu sehr von dem sinnlichen Leben umsponnen; nur dieses klindigt seine Bedürfnisse an und fordert durch Weinen ihre Befriedigung. Ob sie ihn! gewährt wird, ist ihm keine Frage. Kann es vdr die dringlicher! und berechtigten Forderungen hingelegt und hingestellt, an des Dantes Pflichten denken und nach der Stillung Loblieder anstimmen? Es ist nur Empfänger und spricht eindringlich und unwidersprechlich: Ich will und muß. — Ihr sollt! Auch wundert es sich nicht darüber, daß die göttliche Vorsehung und menschliche Vorsicht seiner Forderung entgegen gekommen ist in der Vorsorge für Nahrung, Hiillnng und ( Wartung. Ta spricht wieder das Mutterherz: Ich will und muß, und so konnnt den! jungen Menschen die Religion im Bilde der Liebe entgegen. Bringt das Kind die Religion (welche in ihm träumend schläft) ohne Ausdruck, ohne That mit, so wird es mit dem Beispiel, mit der That empfangen, aufgenonnnen in die Geineinschaft der Menschen. Unter den: Beispiel soll sich allgemach die Hülle lösen und aus ihr die Gottesblume hervorkeimen, Knospen und Blüthen treiben. So entsteigt die Sonne der Nacht; — wenn dann die Stlavenketten des rein sinnlichen Lebens sich lockern, wenn dann die Vorbereitung zum Empfange der Gesetzestafeln liebend vorbereitet; wenn Neugierde und Fragen das Bedürfniß zum Empfange und die Freude, j die Nothwendigkeit der Mittheilung deutlich erkennen lassen, dann ist j es Zeit, die Flammenschrift zu verkünden und zu deuten und ihren Inhalt zmn Bewußtsein zu bringen. Gar sinnig führt daher die Hagada, hindeutend auf 2. B. M. 12, 27, die Knaben fragmd ein bei der Ausübung religiöser Ge-! brauche: Was sollen Euch diese Zeugnisse, Gesetze und Rechte? Sie j sollen die Handlungen (das Beispiel) an den Erwachsenen sehen und j dann belehrt werden. lieber das Wie und wann die Kinder zmn Beten angeleitet, mehr als angehalten werden sollen, darüber gehen die Ansichten weit aus-! einander. Die namhaftesten Pädagogen — Beneke, der vorzügliche! Pädagoge sin seiner gründlichen Erziehungs- und Unterrichtslehre, j 2 Bände), der seelen- und herzensknndige Jean Paul in seiner „Le- : Dana", auch der treffliche Niemeyer, stinnuen darin überein, daß j ein Versuchen verderblich werden kann. Sie warnen eindringlich! vor einem vorzeitigen Anhalten der Kinder zum Gebete. Was aus! freiem Herzenstriebe fließen nulß, was von geistiger Erhebung ge-! tragen werden soll, das verliert durch Zwang oder Gewohnheit an j Weihe, Würde und Wirkung. Zwang- oder Schaugottesdienst ist oder wird Heuchelei. Sieht das Kind Envachsene beten, so sehe es in Haltung, Miene Beispiel und Vorbild. — Wie richten sich die Blicke der unschuldigen Kinder schon frühzeitig nach Augen und Gesichtszügen ihm nahstehender Erwachsenen, wenn aus denselben Ungewöhnliches, als: Unmuth, Trauer, freudige Erregung re. spricht! So soll das Kind beten in der erhebenden, würdevollen, andächtigen Stimmung Anderer sehen, und es wird sich und '»Andere fragen: Was ist das? Nun wird ihm der Name des, an den das Gebet gerichtet, in Ehrfurcht genannt; und der Name soll nicht oft, und wenn, nur in heiliger Scheu ausgesprochen werden. Mit der ersten Hinwelsung auf den Höchsten öffne sich das Herz der Pietät, denn diese ist der Gcundton alles religiösen Lebens, Empfindens und Denkens. Die Pietät weiset zum Hinunel hinauf und verweiset zur Bethätiglmg der Religion gegen alle Menschen, gegen Alles, was da lebt?) U FEUILLETON Im Postwagen. Bon M. A. Golds chm i d t. (Fortsetzung.) Sv tont baS Osterfest nnd der Vater befahl Allen, an dem Abend bei ihm zu sein, nnd als der Sedertifch gedeckt war nnd die Hagada laut vorgelesen werden sollte, sagte der Vater: „Cs giebt noch eine andere Hagada, die Gott mir gestaiien lvird, heute Abend zuerst vorzutragen", und dann erzählte er die ganze Geschichte mit dem Wechsel nnd fügte schließlich hinzu: „Ephraim, mein Sohn, Du gingst an meiner Statt; nimm nun meinen Platz ein und gieb den Scder nnd sei das Oberhaupt der Familie." Aber die Brüder sagten: „Was nützt es, Vater, daß Du jetzt die Wechselgeschichle ans Dich-mimmst? Was wird die Folge sein? Jetzt haben lvir Einen in der Familie, der dcporlirt gewesen ist; in Zukunft werden wir Zweie haben. Einer, der dort gewesen ist, und Einer, der cs hatte sein sollen. So werden die Leute sprechen. Kannst Du die Welt verändern?" Hier schwieg Herr Pollak. Wir Alle fragten eifrig: „Nun, wie endete die Geschichte?" „Wie die Geschichte endete? Nun ganz einfach, Ephraim kehrte nach Australien zurück." Es würde sicherlich noch mehr darüber gesprochen worden sein, allein der schnell fahrende Wagen führte uns an einem Handwerksburscheu vorüber, der ziemlich ärmlich gekleidet war und auf bloßen Füßen cinherschritt, während ein Paar guter Stiefel ans dem Ränzel sestgeschnallt war. Indem er in den Wagen hineinsah, rief er laut: „Da fahren die verdammten Inden, während ich gehen muß!" Gleich darauf gelangten wir an einen bedeutende» Hügel nnd mußte» daher langsam fahren, so daß der langbeinige Handwcrksbursche uns wieder erreichte. Herr Pollak nahm eine Silbermünze aus der Tasche und reichte sie ihm, ohne böse oder milde auszusehen. Der Geselle nahm die Gabe mit einem Blick an, den er schalkhaft zu machen suchte, während es ihm leicht anzusehen war, daß ihm jetzt das Fluchen vorhin lei) that. Als wir wieder ein Stückchen von ihm entfernt Ivaren, sagte Herr Pollak mit unveränderter ernster Miene: „Im anderen Leben wird er vielleicht fahren, während wir gehen, und er wird mich vielleicht zwingen, ihm für eine Gabe zu danken. Wer weiß das? Aber das, was inan hat, hat man." ') Bergt. die weitere Ausführung in Diesterwegs Rheinische Blätter für Erziehung nnd Unterricht 1885, „Autorität und Pietät."

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