Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1892)
- Date
- 1892-07-15
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
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343 Präs.: Hat Ihnen Ihr Sohn nicht erst etwas davon erzählt, nachdem Mölders etwas Aehnliches erzählt hat?. Zeugin: Das weiß ich nicht. Der Ehemann der Vorzeugin, Drechslermeister He ixt er, bestätigt die Bekundungen seiner Gattin. Er habe am Vormittage des Peter- Paulstages das kleine Joanchen mit anderen Kindern in der Nähe der Küppersschen Scheune auf dem sogenannten Porteweg spielen sehen. Präs.: Wann war das? Zeuge: Etwa gegen 10 Uhr. Der Zeuge bekundet im Weiteren, daß Buschhoff an dem Peter-Paulstage bei der Pumpen-Kirmes sehr schweigsam gewesen sei, während er sonst sehr viel diskutirt habe. Auch sei es ihm ausgefallen, daß Busch hoff an jenem Nachmittage Kegel gespielt, während er sonst inrmer Karten gespielt habe. Ferner sei es ihm (dem Zeugen) ausgefallen, daß Buschhoff nicht in die Scheune gegangen sei, wo der Leichnam gelegen hat, und daß, als er den Buschhoff am andern Morgen besuchte,' dieser gezittert habe. Buschhoff bemerkt: Er hatte am Vormittage des 29. Juni 1891 einige geschäftliche Differenzen und sei mithin zmn Diskutiren nicht aufgelegt gewesen. Daß er gezittert habe, bestreite er. Jetzt infolge der 'weiteren Schicksalsschläge zitterte er wohl bisweilen, damals habe er nicht gezittert. Die Scheune, wo der Leichnam gelegen, habe er deshalb nicht betreten, weil dies ihm, da er zum jüdischen Priesterstamme gehöre, seine Religion verbiete Jetzt thue es ihm allerdings leid, daß er diese Sünde nicht gethan, dann wäre ihm vielleicht das viele Unglück, das über ihn und seine Familie gekommen, erspart worden. Es werden alsdann eine Anzahl kleiner Mädchen und Knaben nn Alter von 6 bis IO Jahren vernonnnen, die am Vormittage des Peter-Paulstages mit Buschhoff auf dein sogenannten Portewege gespielt haben. Die Kinder vermögen etwas Wesentliches nicht zu bekunden. Die folgende Zeugin, Frau Körner, bekundet, daß sie am Tage nach dem Morde der Buschhoff'schen Familie eine Photographie habe zeigen wollen. Die Buschhoffs haben sie in die Hinterzimmer nicht hineingelassen. Auch sei es ihr (der Zeugin) ausgefallen, daß die Frau Buschhoff und ihre Tochter furchtbar blaß ausgesehen haben. Präs.: Sie haben einen kleinen Sohn, namens Stephan? Zeugin: Jawohl. Präs.: Wie alt ist das Kind? Zeugin: 9 Jahre. Präs.: Was hat ihnen der kleine Stephan erzählt? Zeugin: Stephan erzählte mir: Am Vormittage des Peter-Paulstages habe Frau Buschhoff den kleinen Joanchen in ihr Haus gerufen und dem .Kinde Kirschen gegeben, damit er einige Gänge machen solle; von diesem Augenblicke sei der kleine Joanchen nicht mehr zum Vorschein gekommen. Ich fragte den Stephan, weshalb er sich die Kirschen nicht verdient habe, der Kleine aber antwortete: Frau Buschhoff hat uns fortgejagt. Präs.: Wann hat Ihnen das Ihr Sohn erzählt? Zeugin: Am 7. Juli. Präs.: Wie kam es, daß der Kleine Ihnen das erst am 7. Juli erzählt hat. Zeugin: Ich habe über den Mord nicht gesprochen, weil ich den Bnschhoff der That nicht für fähig hielt. Ich habe auch die Erzählung meines Sohnes nicht geglaubt. Als er mir aber genau erzählte: wie Frau Buschhoff die Thür aufgemacht u. s. w., dann sagte ich zu meinem Manne: Nun scheint doch die Sache wahr zu sein, wir sind jetzt verpflichtet, sofort Anzeige zu machen. Schreinermeister Vehlow, der hierauf als Zeuge erscheint, bekundet, daß der Gastwirth Schaut die Nachricht von dem Morde brachte, als er mit Buschhoff und Anderen in der Schaut'schen Gastwirthschaft Kegel schob. Sehr bald sei auch Siegmund Buschhoff zu Schaut gekommen und habe gesagt: Der kleine Joanchen sei in die Häckselmaschine gefallen und dadurch zu Tode gekommen. Hierauf wurde gegen 8Uhr Abends die Sitzung auf Mittwoch vertagt. (Fortsetzung folgt). Pädagogische Briefe. Von A. Treu, Seminarlehrer in Münster. VIII. „HJinctßcilt (vollkommen) sollst du sein dem Ewiqen deinem Gotte." (5 B. 'M. ls. 13. „Wenden wir nnL endlich zu dem Religiösen im Menscheu, so erinnern wir uns, wie allmächtig dasselbe unser ganzes Gemüth erfaßt, einen wie hohen ästhetischen Charakter dasselbe besitzt. Die ganze Weltgeschichte zeigt aber, daß die Religion eine allg mein-menschlich-nothwendlge (ästhetische) Produktion ist." Dittes. Was Ihnen, werthe Freundin, die Hauptsorge zu sein scheint und was vor allen Dingen jeder. Mutter die Haupt- und Herzenssache sein muß, das hätte ich in den bisherigen sieben Briefen kaum genannt — vielleicht wohl gar absichtlich verschwiegen? Wirklich? — Die Religion? Die Erziehung zur Religion? Wie sie den Kindern beigebracht, an gebildet, vielleicht gar hineingebildet wird? — Denken Sie aber ja nicht, ich hätte gescheut oder mich gefürchtet, das Wort zu nennen, welches Völker zu blutigen Kriegen aneinander hetzte und „Menschenopfer unerhört" forderte; über das seit tausend Jahren und länger gesprochen, geschrieben und gepredigt wird, — weil oder obgleich ein breiter und tiefer Redefluß über Religion zuweilen im schroffen Widerspruche mit der Bethätigung derselben Dessen steht, der sie in bezaubernden Redekünsten anzupreisen versteht. Uebten die Menschen sie und sprächen weniger davon! — Und doch sind Bildung zur Wahrhaftigkeit, die Forderung der Wahrheit, die Freude am Schönen, die wir eingeführt haben, ihre holdseligen, beglückenden Töchter. Nach der heiligen Urkunde rief der Schöpfer in sechs Tagen seine Welt und darin den Menschen ins Dasein. Und der Mensch zeichnet sich von den leblosen Dingen, wie von Allem, was außer ihm lebt, durch sein Ahnen eines Unendlichen, das in Allem waltet — durch das Suchen nach einem geheimnißvollen Uebersinnlichen aus. — Nach der Bildung des Menschen in des Schöpfers Ebenbilde weihte er den siebenten Tag, auf daß dieser seine leuchtenden! Strahlen über das erstandene Werk zurückwerfe und auf das Leben! und Thun in der kommenven Woche sein Licht ansgieße. j Die Nacht mit ihrem geheimnißvollen Walten stirbt ab; matt j erbleicht der östliche Himinel mit seinen Sternen; röthliche Feuerpünktchen, rothe Streifen flammen auf und verkünden uns die An-; kunft des Morgenlichtes, der segenspendenden und Alles erfreuenden Sonne. Nun ist sie für uns aufgegangen, nachdem sie die andere Erdhälfte beschienen. Sie war vorhanden, als wir im Dunkel schliefen und träumten. So wandelten die Menschen im Dunkel; aber in der Kindheit des Menschengeschlechtes regte sich in eines jeden Menschen Herzen Furcht, Hoffe» und Dank, das Ahnen eines Unendlichen, eines über Allem, in Allem waltenden Wesens. Wie das Kind durch unartitulirte Laute nach der Sprache ringt, so suchten die Menschen unbewußt nach dem Ausdrucke für ihre tiefinnerlichen Regungen und Empfindungen für das Heilige, ihnen noch Unaussprechliche. — Sie suchten nach Zeichen, in die sie ihre Gefühle kleideten. Das war Gottesdienst, und das Lallen wurde Gebet. Und ein Völkchen, dessen Vorfahren schon im Namen des Ewigen gewandelt, war in körperlichen und geistigen Druck geraihen, so weit seiner Menschenwürde, seiner geistigen und leiblichen Freiheit beraubt worden, daß seinem Gedächtnisse der Name dessen, den seine frommen Vorfahren erkannt und bekannt hatten, abhanden gekommen war. Da erschien sein Befreier, sein Lehrer; er brach ohne Schwertsteich die Sklavenkeite und führte nach kurzem Lehramte seine Pflichtbefohlenen vor den heiligen Berg und brachte unter Flammenzeichen ihnen in zehn kurzen, einfachen Worten die Religion zum Ausdrucke und zum Bewußtsein. — In dem ersten dieser Worte wird an Erlebtes, an empfangene Wohlthat erinnert. Es werden dann die Lehr-Wanderjahre in der Wüste fortgesetzt und bei den Einzelfüllen, in dieser Schule der Praxis zeigt der Lehrer aus Gottes Walten und bringt damit die Pflicht zum Bewußtsein; und als die Wüstenwanderung sich dem Ende neigte und der große Lehrer von seinem Amte und seinen Schülern scheiden soll, da schreibt er (5. B. M. 31, 9) das Buch aller Religionsbücher, die Thora, übergiebt sie zur Wahrung und. Beachtung den Priestern, die da die Bnndeslade dem Volke vorantragen müssen. In jedem Menschenkinde spiegelt sich eine Welt im Kleinen: die Geschichte der Menschheit und Böller wiederholt sich in der Geschichte einzelner Familien wie einzelner Menschen. Für alle diese ist es die