Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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336 und Leidensgeschichte, in grauer Borzeit beginnend und bis in die frische Gegenwart sich fortziehend, ist ihnen mit herber Runenschrift eingeprägt, das; man angesichts dieses Bildes nur mit Georg Herwegh beten kann: „C Gott der Armuth, laß sie weiter träumen!" (i. K. * Fittrrarrsche Mittheilungen. — M (* <■ li;ij il öl cliiijil, Von Kraft zu Kraft. Zur Belehrung und Erbauung für Schule und Haus. Frankfurt a. M. 1892, I. Kaufmann. -- Klarheit, Einfachheit, Verständlichkeit sind die unerläßlichen Eigenschaften oinc-ö guten Unterrichts, auch in den Fächern, welche blos zum Verstände des Kindes sprechen; in den an das Genlüth sich wendenden Fächern genügen diese Eigenschaften noch nicht, sondern es ist erforderlich, das; der kindliche Ton getroffen werde. Zu diesen letzteren Fächern gehört in erster Linie der Religionsunterricht; und wenn der aufrichtige Schulmann sich nid)t verhehlen wird, das; auf iotncnt Zweige der Schulthätigkeit schwächlichere Früchte reifen als auf dem des Religionsunterrichts, so weis; er auch, das; dies zrlm großen Theile darin seinen Grund hat, das; den kindlichen Ton zu treffen eine der schwersten 'Aufgaben der pädagogischen Kunst bildet. Vorliegendes Buch, das, wie aus dem Vorwort zu ersehen, aus dem Englischen übersetzt ist, verdient das Lob, das; es den kindlichen Ton in überraschender Weise getroffen hat. Verfasser wie Uebersetzer sind nicht genannt; ou$ dem Inhaltsverzeichnis; ersieht man, daß die 30 Kapitel des Buches von 4 Verfassern — 10 Kapitel von der Herausgeberin, 5 von L d. R., 3 von E. R. und 12 von L. E.— geschrieben sind, und der Uebersetzer lüftet im Vorwort das Geheimnis; einigermaßen, indem er verräth, das; die Verfasserinnen „der Damenwelt der höchsten jüdischen 'Aristokratie Englands angehören"; er will mit dieser 'Angabe „der jüdischen Damenwelt unseres Vaterlandes das leuchtende Beispiel geben, das; zur eiilgehenden Beschäftigttilg mit der Litteratnr und der Geschichte Israels, sowie zur Begeisterung und Wirksamkeit für die Erziehung zur Religion keine Stellung und kein Rang 51t hoch sein kann". — Um so mehr verdient es die wärmste Anerkennung, daß die edlen Verfasserinnen Dirn ihrer Höhe nicht nur in die Schulstube herunterstiegen, sondern auch zur kindlichen Anschauung und kindlichen Denkungsart herunterznsteigen vermochten, und zwar auch da, wo sie sich an die armen Klassen der Fabrikmädchen, der Dienstboten^', wenden, was in dem Bild) nicht selten geschieht. Man merkt es dem Buche an jeder Stelle an, das; es ausschließlich der reinsten Liebe zur Menschheit und der Ueberzeugnng, daß echte Religiosität allein die Menschen glücklich machen kann, seine Entstehllng verdankt. Es verdient darum die Aufmerksamkeit nicht wwx der Schulmänner, sondern auch der Familien imb in letzteren besonders der Mütter! Der Uebersetzer schließt mit Recht sein Vorwort mit der Mahnung: „Möge unsere Damenwelt die Lehre beherzigen, die ihr in diesem großen Beispiele gegeben ist! Möge die Kraft dieses Beispiels neue Kräfte wecken: „Von Kraft zu Kraft!" (4. :: G e s a m m el re S ch r i f te n v 0 n L u d w i g P h i l i p p s0 n. Herausgegeben von Tr. M. Philippson. Lieferung 21—24. (Breslau, Schlesische Bnchdrnckerei, Kunst- und Verlagsanstalt, vorm. S. Schottländer.) Die vorliegenden Lieferungen bringen nach Schluß der historischen Novelle „Hispauia imb Jerusalem" drei Erzählungen: „Fordernis; und Hemmnis;", „Die Gegensätze", „Erzählungen eines Großvaters", die den Beweis liefern, das; Philippson nicht nur die Ereignisse und Gestalte;; längst vergangener Zeiten in voller Kraft und Lebensfülle uns vor Augen zu führen weiß, sondern das; er auch die .Konflikte der Gegenwart zu begreifen und in dichterischen Gebilden zu verkörpern im Stande ist. — Berger, H., Hohe .Kreise, Novelle; Mainz, Joh. Wirth'sche Hosbuchdrnckerei A.-G., 1692. Mit großem Geschick führt uns der bekannte Verfasser ein charakteristisches Lebensbild vor Das Bestreben, die Schwächen unserer Zeit wirksanr zu schilderu und uns zur Erkenntnis; zu bringen, verdient alles Lob, denn in der Erkenntnis; der Schwächen und Fehler der Menschen liegt der Grund und der Anfang zu seiner Besserung. Der Verfasser hat in vorliegender Novelle eine solche Schwäche unserer Zeit aufgedeckt und trotz der prägnanten Kürzein geislrreiche Weise die .Konflikte geschildert, welche diese Schwäche in Herä und Haus, Geist imb Gemüth herbeiführen können. * Im Interesse unserer Leser glauben wir heute schon darauf hin weisen zu sollen, daß von „Meyers Kleinem Kouversations Lexikon", dem bekannten, in Hunderttausenden verbreiteten Nachschlage buch ersten Ranges, demnächst eine neue, fünfte, gänzlich umgearbeitetc und erweiterte Auflage erscheinen wird. Dieselbe soll eine Vermehrung um 7—8000 Artikel, eine reiche illustrative Ausstattung und größer? deutliche Schrift erhalten. Die 'Ausgabe wird zunächst in 60 wöchent liehen Lieferungen zu dem erstaunlich niedrigen Preis von 30 Pf. erfolgen, eine bequeme Gelegenheit zur Erwerbung dieses kostbaren Kleinods, di? selbst der Unbemittelte nicht versäumen sollte. * Kprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Die Nr. 23 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" enthält einen Bericht aus Berlin, der nicht nur die Art, wie manche Nebengemeindeu Beihilfe beanspruchen, sondern auch solches Ersuchen an und für sich be mängelt. Das Ersuchen wird als „Bettelei" bezeichnet und als Motiv der Amtirung der Nebengemeinde-Leiter die Lust am „Vorsteherspielen" angegeben. Gestatten Sie mir einige Fragen: 1. Ist es etwa auch „Bettelei", wenn, wie schon öfter geschehen die jüdische Großgemeinde Berlin die Beihilfe Wohlhabender in Anspruch nimmt, falls ihre Mittel nicht ausreichen, den an ihre Wohlthätigkeits Institute gestellten Anforderungen zu genügen? 2. Ist eine jiidische Religionsunterrichts-^tnstalt, die wie die unsrig? armen Kindern Freischule gewährt, welche sonst religiös-sittlich verkomme;! würden, kein Wohlthätigkeits-Jnstitut in des Wortes bestem Sinne? 3. Hat nnfer Cirkular, das wir hier beilegen, etwas Anderes be zweckt als die Erlangung einer Beihilfe zu Gunsten solcher Kinder? 4. Allerdings ist uns von einer gewissen Stelle — die wir vor de; Hand nicht namhaft machen wollen — bedeutet worden, daß solch.; Kinder, denen die beiden Religionsschulen der Großgemeinde zu entfern * j liegen oder deren Eltern kein Schulgeld entrichten können, eben feinen i Religionsunterricht zu erhalten brauchen; ist diese Ansicht menschlich, ist sie jüdisch? 5. Da Sie und Ihr Korrespondent diese Frage wohl verneinen, würden Sie nicht die Güte haben, Juden ausfindig zu machen, die weniger „vorsteherspiellustig" sind als ich und meine Kollegen und mehr bedacht auf die religiös-sittliche Bildung der jüdischen Kinder armer Ettern im „Osten" Berlins? Wir wollen ihnen gern, von Herzen gern die Sorge fiir dieselben überlassen. Da Sie „ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse" ver treten, darf ich Sie wohl um baldgefällige Veröffentlichung gegemvärtigen Schreibens bitten. Hochachtend Berlin, 29. Juni. M. Löwinsohn, Vorsitzender des Vorstandes der Gemeinde B'ne B'rith, Geehrte Redaktion! In Nr. 24 der „'Allgemeinen Zeitung des Jndenthums" rügt Herr A. Zimmermann, das; der Kaddisch Jossom als Aberglaube bezeichnet wird. Ich kann jedoch die Ansicht des Herrn Professor Steinthal mir würdigen. Dieser Aberglaube ist aus der sogenannten „Massecheth Kala", herausgegeben von Nathan Koronel (Wien 1864), entnommen; angeblich aus einer alten Handschrift, welche schon im fünfzehnten Jahrhundert von Kabbalisten eitirt wurde, nämlich: „Rabbi Akiba soll einen Ver storbeneu getroffen haben, welcher ihm klagte, daß er täglich verbrannt werde, weil er im Leben ein Sünder war. Auf Veranlassung Akibas sagte des Sünders Sohn das Kaddisch, und dieser wurde von seinem Leiden befreit." Ich halte diese Mittheilung für mehr noch als Aberglauben, da im Talmud hiervon nichts erwähnt ist und Rabbi Akiba schon im zweiten Jahrhundert gelebt hat. Die Ansicht des Herrn Zimmermann, daß die messianische Zeit auch die Auferstehung mit einschließe, steht im Widerspruch mit dem Talnntd Sanhedrin 99n, da dort Samuel anderer Ansicht ist. Lissa i. P., 20. Juni. F. Goldschmidt. Druck und Verlag von Rudolf Moin m Berlin Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauchwitz Berlin.