Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Illeine Lieben sind meine Leser — das soll kein fades Kompliinent sein, sondern es ist eine Wahrheit bei jedem Schriftsteller, am meisten bei einem jüdischen, der ja dann kein allzu weites Herz zn baden braucht, da die Zahl dieser Lieben gewöhnlich — eine kleine ist. Doch nicht von der Noth der jüdischen Presse will ich heute reden, sondern von etwas Angenehmerem, nämlich von dem schönen Karlsbad. Ein intimer Konnex besteht ja zwischen Berlin und Karlsbad seit langer Zeit. Die Häupter unserer Gemeinde, unsere Rabbiner mit ihren liebenswürdigen Frauen, unsere Vorsteher und Repräsentanten, unsere Schulleiter kommen wie stets, so auch diesmal hierher, um dann neugestärkt an ihre schwierige Arbeit zurückzukehren. Iliid der bekannte Berliner Humorist hatte Recht, als er einmal im „Posthof" an einem schönen Morgen ausrief: „Jetzt fehlt nur noch Mahbaum, dann können wir sofort den Gottesdienst anfangen!" Von demselben liebenswürdigen Humoristen könnte ich noch manchen treffenben Witz anführen, der sehr wohl hierher passen würbe. Aber derartige Witze und geistreiche Impromptus verlieren doch zu sehr an Werth, wenn man sie niederschreibt uiid drucken läßt. Zhr eigenthümlicher Reiz beruht in ihrer unmittelbaren Entstehung uiib Mittheilung von Mund zu Mund. Daruni lesen sich auch die jüdischen Witze nicht so gut, als sie sich anhören. Gleichwohl inöchte ich es doch nicht unterlassen, mit einem solchen meine heutige Plauderei aiifznfrischeii. Drei polnische Glaubensgenossen reisen nach Karlsbad. Zwei von ihnen — sie sind aus Galizien — unterhalten sich lebhaft über die Versöhmnigs-Politik des Grafen Taafe; der Dritte schweigt und starrt in die Luft. Da frägt ihn der eine von den Beiden: „Nn, Herr Margolics, wie sind Sie gesinnt?" Und Herr Margolies antwortet kurz und stolz: „Wenn ich gesund wär', möcht' ich nicht nach Karlsbad fahren." Das ist ein polnisch-jüdischer Witz. Aber es liegt eine tiefe Wahrheit darin. Unstreitig liefern die sogenannten polnischen Ziiden hier ein sehr ansehnliches Kontingent der jüdischen Badebevölkernng. Sie fallen durch ihre Tracht und ihren Dialekt auf. Es kann nicht geleugnet werden, daß dies den jüdischen Badegästen aus Deutschland oft unangenehm wird und sicher schon hier und da zu peinlichen Erörterungen geführt hat. Während also dies 'öebahren den Inden „ein Aergerniß", ist es den Christen „eine rhorheit". Und doch ist beides kaum berechtigt. Im Zeitalter der historisch-politischen Individualitäten sollte man sich über diese Starrheit, iiiit der jene Leute an ihren langen Röcken und noch längern Peies hängen, nicht iinnöthig aufregen. Die „Scheere der Zeit" — ein schönes Bild, nicht wahr? — wird auch diese Röcke abschneiden und das „Rasirmesser der Zukunft" — auch dieses neue Bild schenke ich Zedem, der es haben will — wird bie Schinachtlöckchen beseitigen. Aber ein Anderes ist es um das Treiben und Gehaben dieser Leute. Sie sind oft sehr vordringlich, meist überlaut und stets neugierig. Freilich, wenn man bedenkt, aus ivelchein Lande sie hierherkommen, aus welchem Kulturniveau sie stammen, dann wird man Alles begreifen und Alles verzeihen. Jeder polnische Jude ist noch immer An Philosoph gegenüber jedem polnischen Bauer — das ist eine Dhatsache, die nicht wegzuleugnen. Und nun sollen diese Leute das Milieu einer immerhin höher« Kultur anfgeben, um auf das Niveau einer sicher weit niedrigeren hinabzusinkeii! Das kann ihnen doch wahrhaftig Niemand zumuthen. Iw Uebrigen steht es auch mit den Fehlern, die wir so gern an den polnischen Juden tadeln, lange nicht mehr so schlimm wie früher. Aber noch immer wird Alles auf ihr Kerbholz geschrieben. Die meisten jüdischen Witze sangen mit der stereotypen Einleitung an: „Ein polnischer Jude kam einmal" u. s. w. Seit einigen Tagen befindet sich auch die Kaiserin von Oesterreich hier. Die hohe Frau hat den einzigen Wunsch, allein zu sein und unbelästigt ihrer Kur zu leben. Die Neugierde der Badegäste wie der Eingeborenen ruht aber nicht, und so kann die Fürstin auf Oesterreichs Herrscherthrone nicht einmal das finden, ivas die einfachste Frau haben kann, nämlich Ruhe. Natürlich hat sich schon um die Kaiserin ein ganzer Legendenkreis gebildet, und ebenso natürlich ist es -- wie eine Bestätigung meiner obigen Behauptungen — daß zur Illustration der Neugier, welche die hohe Frau verfolgt, — ein armer polnischer Jude vom Volkswitz herangezogen wird. Man erzählt, daß ein solcher auf dem Wege zum „Jägerhause", den die Kaiserin allmorgenblich znrücklegt, sich postirt hätte und eine elegante Dame, die gerade vorbeiging, neugierig fragte: „Kommt die Kaiserin jetzt herunter?" Die Antwort lautete kurzweg: „Nein." Darauf der polnische Jude für sich: „Nu, sie muß gewiß Griechisch lernen." Es versteht sich von selbst und der Leser hat es sicher schon erratheu, daß jene Dame eben die Kaiserin selbst, die die neugriechische Sprache studirt, gewesen sein muß, wenn auch die ganze Geschichte sonst nicht wahr ist. Zu Anfang der vorigen Woche herrschte eine große Aufregung in der polnisch-jüdischen Kolonie. Ein „guter Jüd", d. h. ein Chassidirn-Rabbi war augekommen. Schon am andern Morgen hatte ich Gelegenheit, Se. Ehrwurden am Brunnen zu treffen. Tie Erscheinung war, daß ich's mir gestehe, wahrhaft imponirend. Eine stattliche, hochgewachsene Persönlichkeit mit lang herabwallendem grauen Bart, hoher, tiefgefurchter Stirn, milden, tiefliegenden Augen, einem freundlich-ernsten Gesicht, so schritt der Rabbi mit seinen beiden „Schamoßim" durch die Reihen bis zu dem Sprudel, um dort zu der Erkenntniß zu gelange», daß es doch noch größere Wunder gäbe als die seinen, oder selbst als die seiner bcrühniten und „heiligen" Vorgänger. Durch die Reihen der Gläubigen aber ging ein leises Flüstern: „Der Rabbi trinkt." Und nur Einer hatte den Muth, zu dem Rabbi hinzutreten und ihm, ehe er den heißen Becher an die Lippen führte, zuzurufen: „Doelm.jim!" Ein weniger iinponireudes Bild ist seit längerer Zeit in einem Bilderladen auf der „Alten Wiese" ausgestellt: Ein Polnischer Jude mit den Tefillin an Stirn und Hand und mit dem Talit über dem Kopf betend. Ein Krakauer Maler, Jan Styka, ist der Attentäter. Das Bild ist mit großer technischer Vollendung gemalt, aber keineswegs mit huniancr Gesinniiiig. Es liegt so viel Schlauheit und List in dem Blick dieses betenden Juden, daß man sich unwillkürlich abgestoßen fühlt. Das kann keine gläubige Inbrunst, kein inniges Erheben zu Gott sein, das ans diesem Munde kommt. So betet kein wahrhaft Frommer. Wie es scheint, hat der Maler das allgemeine Vorurtheil gegen seine jüdischen Heimathsgenossen getheilt. Es mag auch sein, daß er nach der Natur gezeichnet hat, aber wahr ist sein Bild darum doch nicht — und schön noch weniger. Da ist mir die alte „Karlsbader Idylle" doch noch viel lieber, die einem Zeichner der „Fliegenden Blätter" ihre Entstehuug verdankt und die, durch Photographien viel verbreitet, sicher auch den meisten Lesern bekannt geworden ist: Drei polnische Juden, die ans einer Bank im „Stadtpark" au einem heißen Soinniermichmiltag eingeschlasen sind. Mau kann dies Bild jetzt hier alltäglich sehen, aber nur, wer kein Herz im Leibe hat, wird darüber spotten! Es liegt soviel Gram und Sorge, so viel Kummer und Noth, aber auch so viel Geist und Intelligenz auf diesen Gesichtern; eine so große Märtyrer-