Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
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334 Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (Schlup.) Etwa vier Wochen »ach diesem fröhlichen Purimfeste saß dieselbe (Gesellschaft beini „Sedermahle"; es war der Passahabend. Sie feierten bei ungesäuerten Broden das Fest des Auszuges der Israeliten aus dem Lande der Sklaverei. Auf dem Tische stand die mit dem in Servietten eingehüllten „Mazoth" und die anderen vorgeschriebenen Sachen, als da sind: bittere Kräuter, gebratenes Lammfleisch, gesottenes Ei n. dgl., wohlbeladene silberne „Sederschüsseln", das schönste Symbol jüdischen Lebens rmd Empfindens, woran sich noch iin spätesten Alter eines jeden Israeliten die weihevollsten Erinnerungen aus der Kindheit! knüpfen, wie die Erinnerungen des Christen an den Ehristbaum am! Weihirachtsabend. Josef, zmn Glauben seiner Väter, in seine alte; thenre Heimath zu Mutter und Schwester wieder zurückgekehrt, sollte das Gliick genießen, nach langer Entbehrung dieses poetische Fest im Kreise der Seiuigen wieder begehen zu dürfen. Marie, seine Gattin, sollte von dem Kreise nicht ausgeschlossen bleiben, der sie als liebende Tochter und Schwester freudig ausgenommen hatte. Obenan am Tische saß Jakob Lob, der würdige Hausvater, das weiße Sterbegewand um den Leib gehüllt, ihm gegenüber, an der andere» Schmalseite des Tisches Josef. Die beiden Breitseiten des Tisches wurden von den drei Frauen und den beiden Kindern eingenommen. Die beiden Männer füllte» die silbernen Becher mit Wein. Ein Becher wurde gefüllt und für den Propheten Eliah hingestellt. Nannerl sah allen den Vorrichtungen mit kindlicher Neugierde i zu, und wie sie an jenem Tage vor dem Christabend nach dem Christkindlein gefragt hatte, so fragte sie letzt auch nach dem Propheten Eliah, ob er denn wirklich kommen und den Wein, der da für ihn hiiigkstellt worden, ganz allein austrinken werde. Der Vater gab lächelnd zur Antwort: „Ja! sei jetzt nur still, der Prophet Eliah wird schon kommen." Man hob die „Sederschiissel" in die Höhe und sprach die schönen einladenden Worte: „Wer hungrig ist, der speise mit uns, wer bedürftig ist, der trete ein und feiere mit mrs das Ueberschreitnngsfest!" — und in diesem Augenblicke war es Josef, der dem Fenster gegenüber saß, als hätte er an dem Fenster ein Gesicht gesehen, das mit unheimlicher Miene hereingrinste. Er faßte sich, warf noch einen Blick nach dem Fenster, aber die unheimliche Gestalt war verschwunden; es war ein Traumbild, ein Phantasie, die plötzlich, wie sie aufgestiegen, wieder in ihr Nichts zerronnen war. Nun wurde der ganze Hergang von dem Auszuge der Israeliten ans Aegypten nach Brauch und Vorschrift erzählt. Wie unsere Vorväter Anfangs Götzendiener gewesen, wie Abraham den einen einzigen Gott erkennen tonnte, wie seine Nachkommen, die Söhne Jakobs nach Mizraim gezogen, und wie sie dort geknechtet wurden unter Pharao und aufschrieen zum Himmel, daß Gott ihre Stimme gehört. Wie der Ewige über Mizraim die zehn großen Plageil gebracht und unsere Vorväter herausgeführt aus dem Lande der Knechtschaft. Hieran reihten sich die Lob- und Jubellieder, die Psalmen und Dankgebete an den, der Israel erlöset hat. Und nun folgte die fröhliche Mahlzeit. Während des Essens würzten heitere Gespräche das Mahl und Nannchens wiederholte Frage, ob denn der Prophet Eliah bald kominen werde und warum er denn noch immer nicht komme, war bald scherzhaft, bald ernsthaft von einem oder anderen der Anwesenden beantwortet worden. Die Zeit rückte vor; die Mahlzeit war vorüber, man sprach das Tischgebet uiid schickte sich an, die zweite Hälfte des Sederfestes mit Lob- und Dankliedern zu begehen. „Jetzt," sagte Josef zu dem Kinde, „jetzt, Nannerl, geh hin und mach die Thür auf, daß der Prophet Eliah hereinkommen kann." „Ich fürcht mich," sagte das Kind, „ich furcht mich; ich trau mich nicht!" „Fürchten thust Du Dich vor dem Propheten Eliah?" sagte dn Vater lächelnd und erhob sich vom Stuhle, schritt der Thüre zu, um sie zu öffnen. In dem Augenblicke, da er sie öffnete, fiel ein Schuß, und Jas-; sank tödtlich getroffen zur Erde nieder. „Herr der Welt!" riefe» zugleich Jittesch, Finkel und Jakob Lö>>. „Jesus Maria! erstirbt!" rief Marie, da sie den geliebte» Manu zu Boden stürzen sah. Alle waren vom Tische aufgesprnnge», b c Kinder fingen an, zu weinen, Marie warf sich auf den Leichnanu aber es war vorbei, sie konnte ihn nicht ins Leben zurückrufen. De Verwirrung wurde allgemein, es wurde Lärm gemacht, Nachbarn kamen durch den Schuß erschreckt herbei. „Wo ist der Mörder? Wo? wo?" dies war der allgemeine Rin. und in dieser allgemeinen Verwirrung bemerkte mau nicht, daß Marne das Zimmer verlasse» und sich fortgeschlichen habe. Endlich fiel ihre Ablvesenheit doch ans, man rief nach ihr. „Wo ist Marie? wo in sie hingekominen? Sie war ja den Augenblick noch da! Weh geschrieen, daß ich das erlebt Hab!" Solche Rufe der Verzweiflung brausten durch eiirander. Man griff nach Lichtern, man leuchtete hinaus, in das Vorhaus, auf den Hof, nirgends eine Spur der Entflohenen, alles Suchen vergeben- Da warf Finkel zufällig einen Blick in den Brunnen, der im Hof stand, und fuhr zusammen mit dem Rufe: „Schema Jisrol! wa Hab ich gesehn!" Der Ruf lockte die Menge herbei, inan sah in den Brunnen hinab und Grausen erfaßte sie Alle: Marie hatte sich in den Brunnen hinabgestürzt. Sie ward mit Anstrengung heranfgezogen, aber nicht mehr zmu Leben. Sie war todt. Das treue Weib war dem geliebten Gatten verzweiflungsvoll in den Tod gefolgt. Man legte die beiden Leichen neben einander, hier hatte die große Unruhe ihrer Herzen ein Ende Honza stellte sich selbst dem Gericht. Er wollte der Strafe deweltlichen Gerechtigkeit nicht entgehen. Man brachte ihn an den Ort der Frevelthat. Da er Mariens Leiche neben der Leickn Josefs erblickte, brach er, der starre Mann, in bittere Thrünen aus „O Marie! Marie! göttliches Wesen," rief er, „das Hab ich niän gewollt! Ich habe Dich geliebt, wie kein Anderer auf dieser Welt Warum hast Du Deinem alten Vater das angethan!" Der alte Niederhuber war auf die grauenerregende Nachricht von dem Tode seines Kindes herübergekommen, imb da, an den entseelten Hüllen der beiden Kinder, die auf Erden der Qualen so viel erduldet reichten sich der alte Niederhuber und die alte Jittesch die Hand. „Wir beide," sagte die Frau zu Meister Niederhuber, „haben einander nichts vorzntverfen. Gott hat uns beide hciingesncht, es is; sein göttlicher Wille, und lvir müssen es ertragen. Wir zwei aber stehen einander jetzt näher, als lvir einander bisher gestailden. Denn was nils bisher von einander getrennt hat, unsere Kinder, die sinn todt, aber was nils jetzt verbindet, das ist unser gemeinsamer Schmer; um die Verlorenen und - unser gemeinsamer Trost in diesein Enkelkind." „Darf ich denn jetzt noch ihr Großvater sein?" fragte Niederhube. betrosfen. „Ja," gab Jittesch zur Antwort, „ja, Meister Niederhuber! Ihr sollt ihr Großvater sein und bleiben! Ich will sie erziehen, aber ic!> will sie Euch nicht entfremden, aber hoffen lvir zu Gott, daß ff einmal glücklicher sein lvird, als es ihre Eltern gewesen sind." Schweigend schüttelte der alte Niederhuber die Hand der alten Jittesch und ging seiner Wege. Jittesch ilnd Finkel aber setzten sich zum dritten Mal auf die Erde. Ende.