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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-08 · Heft 28 (8.7.1892) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 28 (8.7.1892)
Date
1892-07-08
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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332 Hauptmann, Förster, der zu dieser Charge später als Burg gelangt war, zum Major befördert. Und dieser Major war früher Burgs Schüler und Untergebener, während er jetzt, da auch er an der Schule beschäftigt war, Burgs Vorgesetzter werden sollte. Burg entschloß sich, sich Gewißheit zu verschaffen, ob man ihn tibergehen wolle. Man erklärte ihm die Bevorzugung Försters durch zwingende Gründe. Man müsse auf Försters geschwächten Gesundheitszustand billige Rücksicht nehmen, da er, nach der Aussage des Arztes, nur noch kurze Zeit leben könne, und eröffnete ihm, daß er, seiner Reihenfolge nach, zum Major in Vorschlag gebracht werden solle, wofür man auch die Genehmigung des Königs glaube erwarteir zu dürfen. In der That wurde Burg am 27. März 1847 zum Major der Artillerie befördert. So ward Burgs sehnlichster Wunsch erfüllt, und er durfte das beglückende Bewußtsein in sich tragen, ohne Preisgebung seiner Ehre, ohne mit seinem Glaubensbekenntnisse elenden Schacher getrieben zu haben, an das ersehnte Ziel gelangt zu sein. Wohl wird der sich dem Staatsdienst widmende jüdische Jüngling, meinte Burg, noch manchen Kampf zu bestehen haben, manche Hindernisse mit Klugheit und Besonnenheit liberwinden müssen, da sich das Vorurtheil doch nicht urplötzlich beseitigen läßt. Aber er wird deshalb auch um so mehr auf sein ganzes Benehmen, auf sein Thun und Lassen, auf seine ganze persönliche Erscheinung achten müssen, sich vorsichtig vor Uebergriffen und Neberschätzungeu zu hüten haben, seine Handlungen, seine Sprache und Geberden einer strengen Kritik unterwerfen, sich anerkannt tüchtige Vorbilder zur Nacheiferung wählen und überhaupt mit großer Bescheidenheit auftreten inüssen. Das waren die Maximen, nach denen Burg sein Leben gestaltete. Manche Ehren häuften sich noch auf Blirgs Haupt. Am 0. Dezember 1850 wurde er voin Prinzen Adalbert zum Präses der Peusions-Zlischlißkasse für invalide Offiziere der Artillerie ernannt Am 26. August 1853 schloß Major Burg, der einige Tage zuvor von einer Badereise ans Putbus, neugekräftigt, zurückgekehrt war, seine Augen zum ewigen Schlafe. In der Fiille der Gesundheit und der Kraft raffte ihn die Cholera, eines ihrer ersten Opfer, hinweg. Sein Freund, Dr. Sachs, feierte das Andenken des Verstorbenen und bezeichuete in seiner gedankenreicheil Rede am Grabe, mit tiefem Einblick in das geistige Wesen des trefflichen Hingeschiedenen, die Treue als den Born, aus dem sein ganzes Leben, sein Denken und Empfinden hervorquoll, als deir Mittelpunkt, von dem alle seine Handlungen wie Radien ihren Ausgang nahmen. — So war es denn ein Leben seltener Trerie, das wir an unserem geistigen Auge haben vorüberziehen lassen zur Ehre des Judenthums und, wie wir hoffen, zu Nutz und Froinmen der Leser, insbesondere der jüngeren. -E» FEUILLETON -*&- Im Postwagen. Von M. A. Goldschmidt. (Fortsetzung.) Die Anderen fühlten wahrscheiillich ebenso tief oder sogar tiefer als ich, aber sie sahen nicht das gleiche Bild, sondern faßten die Sache mehr als Nationalsache auf, als eines der vielen Beispiele der Verfolgung gegen Juden, und kanlen in dieser Richtung in ein eifriges, bewegtes Gespräch. Dieses glitt an mir ziemlich gleichgiltig vorüber — weil diese Art Judenhaß, auf den sie hindenteten, nicht der schlimmste und eigentlich gar kein religiöser Haß ist — bis ich auf eine Antwort des Herrn Pollnk aufmerksam wurde, die er auf eine Bemerkung des Herrn Pertsch mit gehobener Stimme machte, als er über England sprach: „Ja, England! In England giebt es viel, was sie Toleranz nennen! Sie hassen einander, aber sie sehen mild auf einander. Kann Jemand unbemerkt dazu kommen, einem Juden einen Stoß zu geben, so thut er es; aber er darf nicht sagen, daß er es gethan hat, weil es ein Jude war; das ist gegen das Gesetz. — In England gilt es, ein reicher Mann zu werden! In anderen Ländern kann ein armer Mann gleich einem Hunde sein; aber ein solcher Hund, wie ein armer Hund in England ist — na! Da war solch ein armer Mann, aber sehr strebsam, ein hoher, kräftiger, hagerer Manu. Er wohnte in dem Theile Londons, den man City nennt. Damals durfte kein Jude eine Budike dort haben, Gott behüte! Wenn man ein Sohn eines City-Krämers ist, mag man gern einen Laden dort haben, wenn man auch Jude ist. Aber wie soll ein Jude der Sohn eines City-Krämers lverden, wenn Alle Christen sind? Aber der Mann, von dem ich spreche — er hieß Jsak Abraham — hatte Erlaubnis; erlangt, eine kleine Bnde bei der Panlskirche zu halten. Das ist eine sehr große Kirche. Ich bin selbst dort gewesen und habe sie gesehen. Um die Kirche geht ein halbrundes und sehr großes eisernes Gitter, und dicht an diesem Gitter stand seine Bude. Sie war gerade so groß wie ein Schilderhaus und dort verkaufte er Peitschen und Stöcke. Er hatte eine ganze Menge Söhne und er ließ sie alle mit Peitschen und Stöcken handeln. An jedem Morgen gab er jedem von ihnen so und so viele Peitschen und Stöcke und sagte: Sie kosten so und so viel, aber bietet Euch Jemand weniger, so verkauft Ihr dennoch, ein Anderer kauft und bezahlt mehr. Sic liefen alle um die Kirche herum. I» meiner Jugend, als ich das erste Mal in London war, habe ich sie selbst gesehen. Der Vater mochte den ältesten Sohn nicht leiden, weil er kein Talent zum Handel hatte. Er ging stets tvie im Traum. Er ging statt um die Kirche, oft in dieselbe hinein — nicht der Christen wegen, sondern weil sich in derselben viele große Figuren befanden, Marmorfignren zu Ehren derjenigen, die zu Wasser oder zu Lande Schlachten gewonnen hatten, und man kann es den Engländern nicht abstreiten, sie haben viele Schlachten gewonnen. Selbst der große Napoleon — wer vernichtete ihn? die Engländer. Das Herz mag Einem dabei bluten, aber das ist ihnen doch nun einmal vom Himmel bestimmt gewesen. Nun, Jsak Abrahams ältester Sohn, Ephraim, hatte eine unbesiegbare Lust bekommen, in die Kirche zu gehen, und eines Tages stand er mit seinen Stöcken und Peitschen dort und beschaute die Figuren, welche zu Ehren Nelsons, ihres Admirals, aufgestellt sind. Ich habe sie selbst gesehen. Ein Frauenzimmer, das England darstellt, bringt zwei Matrosenjungen zu der Figur des Nelson itttb zeigt auf ihn, und sie zeigt so deutlich, daß man fast hören kann, was sie sagt. Sie sagt: Gehet hin und kämpfet und riskiret Arme und Beine, Leben und Glieder wie er, dann bekomurt Ihr auch ein Monument. Ich habe es selbst gesehen; großartig ist es, das läßt sich nicht leugnen. Na, Jsak Abrahams Ephraim stand in der Kirche und beschaute das Monument. Was er dabei dachte, mag Gott wissen. Er war doch kein Matroseukind, er konnte also nicht diesen Weg einschlageu. Aber vielleicht hatte er Lust, zur See zu gehen. Er kam auf die See! Aber auf eine ganz andere Weise! Nun sollen Sie hören. Während er dort stand, kam ein Mann zu ihm; es war einer von den Handelsfreunden seines Vaters, ein Lederhändler, und er war Methodist. Es giebt in England unzählig viele Arten Christen, und eine Sekte davon nennt man Methodisten. Das sind die schlimmsten Tolufresser H. Als er Ephraim in der Kirche sah, wurde l) Fanatiker.

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