Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
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328 mit dm Juden eingeführten Kultur-Elemcmes richtig zu schätzen wissen, jenen Werdegang. Amerikas vornehmste Monatsschrift, das „Century Magazine" bringt in den letzten Heften eine eingehende Studie über das Judenthum in New-Iork. Einiges, das bei uns weniger bekannt, für die dortigen Zustände aber besonders bezeichnend ist, sei hier in getreuer Uebersetzung wiedergegebeu: Kein Volk hat mehr Verständnis; für die Vortheile einer gründlichen Bildung als die Juden. Biblische und talmudische Schriftsteller Preisen ihren Werth. Ja, einige der Letzteren schreiben die Zerstörung Jerusalems mir den Mängeln der damaligen Jugenderziehung zu. Es giebt unter den Kindern der Juden weit weniger träge und nachlässige als bei denen anderer Rassen. In den Elementaruud Lateinschulen, auf der Frauen-Unibersitüt und der Hochschule New-Borks ist der Prozentsatz der jüdischen Studirenden ein verhältnißmässig bedeutender, aber ebenso hervorragend sind ihre Fähigkeiten. In der Mathematik sind sie die Ersten. Während sonst in unseren Tagen überall ein gewisser Gegensatz zwischen den Angehörigen verschiedener Rassen und verschiedener Glaubensbekenntnisse emporkcimt, findet man hier so wenig Hast zwischen Inden und Christen, wie etlva zwischen Protestanten und Römisch-Katholiken, ja fast noch weniger. In den Privatschnlen tritt der Unterschied allerdings mehr hervor, doch mehr von Seiten der Eltern als der Kinder. Jüdische Eltern haben nichts gegen die gemeinschaftliche Erziehung ihrer eigenen Kinder mit denen Andersgläubiger. Manche Christen aber glaube» neuerdings Einspruch erheben zu müssen gegen eine solche Gemeinsamkeit. Die meisten der eigentlichen jüdischen Religionsschulen sind vom Ideal einer Schule leider noch weit entfernt. Unsauber, überfüllt, durchdrungen von Speisegerüchen und Tabakrauch, fast gefährlich durch die Nähe ansteckender Krankheiten, zeichnen sic sich durch lässige Disziplin aus, durch die Unfähigkeit russischer oder polnischer Lehrer, englisch zu sprechen, und durch die scharfen Kehllaute der hebräischcir und jüdisch-deutschen Sprache. Die auf Vervollkommnung der Gcmeindceinrichlungen eifrig bedachte Gemeinde - Verwaltung ist indes; zur Zeit ernstlich bemüht, einen Wandel zu schaffen. Religionsunterricht auf Kosten der Gemeinde wird den Kindern durch die „Hebräische Frcischul-Gescllschaft", welche eine Anzahl Schulen eingerichtet hat, gewährt. Der Unterricht findet statt an Wochentagen von 4 bis 0 Nachmittags, am Sonnabend von 9 bis 12 Vormittags. In einem dieser vielen Institute nahmen am 1. Februar 1891 749 Mädchen und 876 Knaben am Unterricht thcil. Jede Klasse hat fünf Abthcilungen. In der höchsten lernen die Schüler die Gebete, Bibel und den Katechismus. Das geureinschafllichc Hersagcn des Hebräischen, gefolgt von vortrefflicher englischer Uebersetzung, ist buchstäblich vollkommen zu nennen und prägt sich dem Zuhörer tief ins Gedächtnisi. ES sind alles Schüler öffentlicher Institute, wie auch die mcistei! Lehrer öffentlichen Anstalten angchören. Getragen durch ernste Vorsätze und begeistert für ihre Aufgabe, scheinen alle glücklich in ihrer Arbeit. Die 1,oiiis hawn - Town- und Daily-School, ein Muster an vortrefflichen Einrichtungen, wird an manchem Sabbalh von etwa 36» jüdischen jungen Mädchen, zum grössten Theil slavischcr Abstammung, besucht, die ihre Gebete, Bibelstellcn und Psalmen fliesicnd und mit innigem Verständnis; hersagen. Die Mildthütigkcit waltet hier praktisch und einsichtsvoll. Die Hungrigen werden mit Milch und Brod gesättigt, die Bedürftigen mit Schuhen und Kleidern versorgt. Beschäftigung wird ausfindig gemacht für die, welche in der Anstalt in den technischen Zweigen des Putzmachens. Zeichnens oder in den gewöhnliche» Elementen englischer Bildung unterrichtet worden sind. Dies ist jedoch nicht die einzige Gewerbeschule unter jüdische, Leitung in New-Iock, und in allen spielt die Religion eine Hauptrolle. Tie Hebrew Free School Association, die Aguklar Free Liberary Society und Young Mens Hebrew Association bilden gemeinsam die Hebiew Educational Alliance und werden d-mnächll das Haus, welches als Hebron- Institute bekannt ist, bewohnen. Alle Anforderungen der Hygiene sind da berücksichtigt. Es ist genü gender Raum für große allgemeine Versammlungen vorhanden, Bibliothek und Lesezimmer, Werkstätten, Kochschule, Bäder u. s. w. sind zur Stelle. In dies Gebäude soll auch die Gewerbeschule für Mädchen, die sich bisher am St. Mark's Place befand, verleg, werden, ein Institut, in welchem mehr als zweihundert Mädchen in die Geheimnisse des Nähens, Zuschneidcns und Zeichnens eingeweih, werden. Die Stickereien, welche die Zöglinge anfertigen, sind künst lerisch so vollendet, daß sie schon oft Preise von der „Gesellschaft für dekorative Künste" erworben haben. Was von den Privat- und Gemeindeschrilen gesagt ist, hat auck Geltung für diejenige», welche mit jüdischen Wohlthätigkeits-Anstnltcn verbunden sind. Das israelitische Armen- und Waisenasyl, dar „Israelitische Technische Institut", Erziehungs- und Waisenanstaltcn sind herrliche Beispiele für den Wohlthätigkcitssinn wie für die praktisch, Einsicht und den großartigen Styl der amerikanischen Juden. Da-- Waisen-Jnstitut beherbergt etwa fünfhundert halb oder vollständig Verwaiste, meist Knaben im Alter von vier bis vierzehn Jahren. Gründliche Ilnterweisung in den verschiedenen Handwerken bildet den Haupttheil der Erziehung. Die Zeichenklassen leisten ganz Vortrefflicher, dank des guten Unterrichts. Der Gesundheitszustand der Zögling, ist, trotzden; einhundertundzehn Knaben in einem Saale schlafen ein ausgezeichnet guter. Das Krankenhaus, mit verhültnißniäßw wenig Patienten, liegt ganz isolirt. Die Synagoge des Hanse-:- groß, freundlich und einladend, ist Allen zugänglich. Das Grundstück ist Gemeindcgut, erstreckt sich bis znm North River und besitzt, zun; Entzücken all derer, die Freude haben au eine, schönen Landschaft, einen großen Speiscsaal mit der herrlichsten Aussicht. Die Knaben treten hier in militärischer Ordnung ein. Fünf mal in der Woche haben sie Exerzier-Unterricht, am Sonntag Parade- Exerzieren. Bei der Bürgerparade am 1. Mai 1889 wurde da- Waiscnasyl durch ein Bataillon von sechs Kompagnien vertreten, das aus dreihundert Knaben unter dreizehn Jahren bestand; voraus zog ein von den Knaben gebildetes Musikkorps. Am folgenden Thauksgiving-Day empfingen sie stolz aus der Hand des General William T. Sherman ein prächtiges Banner als Anerkennung für ihre musterhafte militärische Haltung und vortreffliches Marschiren. Die Unterhaltung dieser Anstalt mit ihren vorzüglichen Lehrer» wird bestritten durch Subskription, Legate und die städtische Kasse. Sic tostet jährlich etwa 108,500 Dollars, wobei ein Theil der 25,00» Dollars miteinbegriffen ist, welche an die „Bereinigten israelitischen Wohlthütigkeitsaiistalten" vertheilt werden. Das Gemüth lind Herz einer aufgeklärten Religiosität zeig, sich besonders in dem „Montesiore-Heim für Invalide". Das Gebäude bildet eine hervorragende, architektonische Zierde der Stadt und bietet allen Leidenden eine willkommene Zuflucht, sofern ihre Krankheit nicht ansteckend ist oder aus einem Gehirnlciden besteht. Dae Haus wurde im Jahre des hundertsten Geburtstages Sir Moso> Montcfiore's eröffnet, zu Ehren seiner edlen Menschenfreundlichkcil und besitzt die besten ärztlichen und hygienischen Hilfsmittel. Dae- Jnstitnt übt seine nülden Werke mit ganz besonderer Sorgfalt und mit dem größten Zartsinn. Ein Arbeitszimmer für genesende Frauen ein Schachspiel-Zimmer für Männer im Verein mit einem prächtigen Gewächshaus mit farbigen Scheiben und behaglichen Stühlen für