Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
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327 oier bi- Tagen und ihn Polizei Juden lein in Raub l. Man en eine e Flucht cnschenre auch wohin klichung murigeS öcwußtganzeu Folgen mit der lgenden, aubensndlung, werden :s Land I findet, m kann licr des tvorttich en, hat en Einder uni Lande : Juden Ein welche gegeben. Kultur- Lebens n. Wo es jede» lar und hen der - Nichts gewiesen t unter - eligiösen ng und wolle» igst »nt »selbst > Abend isch zu lege des kalmud- »er Welt eigt sich Andern mochte ich blos Folgendes anführen, um darzulegen, wohin die llitvekanntschast mit den besseren gesellschaftlichen Berkehrsgepflogenheiten ,-ort führt; vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, hierin Wandel;u schaffen. Ich befinde mich hier bei der kaiserlichen Retourbrief-Oeffmingss 'iommission des Regierungsbezirks. Mir ist es aufgegeben, von un-!? cstcllbaren, jüdisch geschriebenen Retourbricfen den Absender zu ukvgnosziren. Solches ist leicht geschehen, wenn Ortsangabe und Unterschrift vorhanden und deutlich zu lesen sind. Nun finde ich aber nur zu oft von den jenseits der Grenze aufgegebene» Briefen die erstere gar nicht vor und von der letzteren zuweilen nur den Bornamen oder, wenn der Stammname vorhanden, denselben mit einer Undeutlichkeit eingestellt, daß in der That Hieroglyphenkcnntiiisse dazu gehören, ihn herouszufinden. Die Schreiber solcher Briefe sind sonst nicht Uiapp in ihren Begrüßungsformeln und Anreden und auch nicht geizig in den Ehrentiteln, die sie dem Empfänger ertheileu; —allein >ic Ortsangabe ist nicht da und die Unterschrift, wenn sie vorhanden, nie oben angegeben. Da lasse ich mich zuweilen auf den Inhalt ocs Briefes ein, um vielleicht hierdurch den Schreiber oder die Schreiberin iennen zu lerne». Was ich hier zu erfahren bekomme, betrübt nach, aber cs macht mich hinsichtlich der Lösung meiner Aufgabe nicht klüger. Da beklagt sich eine Mutter in herzzerreißenden Worten ihrem Sohne gegenüber über dessen langes Stillschweigen, sie be- 'chwört ihn, ihrer nicht zu vergessen, sie bittet ihn, sie in ihren alten lagen nicht ohne Trost und Stütze zu lassen. Doch sie hat nicht ininal die Gcnugthuung, ihren Brief zurück zu erhalten, denn die Ortsangabe fehlt in ihm und der Poststempel weist'S nicht aus, weil die Juden drüben in den kleineren Städten alle diese Briefe mf die Grenzstation bringen, wohin der Poststempel zeigt. In einem anderen Briefe bcschtvört eine Frau ihren Man», sie und ihre Kinder nicht der Verzweiflung zu überlassen, sich ihrer doch;u erbarmen und ein Zeichen des Lebens von sich zu geben, Auch vier fehlt das, was Auskunft über die Schreiberin geben kann, wo ne wohne und wie sie heiße. Solche Briefe betrauern dann eine längere Zeit auf dem Postarchiv ihre verlorene Heimath und werden saun vernichtet. Zuweilen befindet sich in einem Briefe ein Päckchen Zizith oder nne Mesusah. Im ersten Falle bemerkt daun der neben mir sitzende Postbeamte: „Da ist wieder so eine Waarenprobe", und im zweiten Falle: „Da haben wir wieder eins der wichtigen Dokumente". — Diese durch ihre Bestimmung geheiligten Gegenstände werden, wenn >ie nicht au den Absender zu bringen sind, ebenfalls verbrannt. Am schwierigsten indeß wird die Sache, wenn „eingeschriebene" Briefe uorkommen, wenn sie Geld oder Geldwerth enthalten. Wir haben lchon Faste gehabt, wo 20 Rubel Papiergeld und noch mehr in Briefen sich befanden, wir haben schon Wechsel über Tausende von Rubeln darin vorgefunden, ohne die Absender ermittcl» zu können. Dann bittet mein Mitarbeiter mich wohl, mir doch zum Aufsuchen oes Absenders Mühe zn geben; allein ich vermag doch hierin eben io wenig etwas zu thun wie er selbst. Wie wenig unsere Glaubensbrüder drüben in Rußland mit dem Wesen des Postverkehrs und der Aufgabe der Post bekannt sind, geht auch schon daraus hervor, daß sie oft auf der Rückseite des Briefes noch bemerken: „Lemuii liasehem bitte nochmals den Brief abzugeben an meinen geliebten Alan», oder meine gute Tochter." Daß die Post sich nicht auf besondere Gefülligkeitsbezeigungen cinläßt und nicht einlnssen kann, das wissen die Leute nicht. Bis zu einer solchen Unkenntniß der Weltgebräuche konnte jedenfalls nur das System der Abschließuug führe», welches man den Juden in Rußland gegenüber bewahrt. Alle die Eindrücke für eine bessere und höhere Lebensanschauung, wie sie unsere Jugend in Deutschland täglich Gelegenheit hat, in sich aufzunehmen, sie fehlen dort, wo ohnedies der Intelligenz kein weiter Boden gegeben, den Juden aber das Ideal für ein höheres Schaffen und Streben täglich mehr aus den Augen gerückt werden muß. Wie viel Begabung, wie viel Schöpfungskraft dabei verloren geht, dies zu ermessen, hat die russische Regierung sich noch niemals veranlaßt gesehen, und wie sic heute Millionen ihrer Staatsangehörigen ins Elend treiben kann, weil diese eben nicht zur griechisch-orthodoxen Kirche gehören, so hat zu allen Zeiten bei ihr das Prinzip obgewaltet, den jüdischen Stamm nicht zu seiner natürlichen Entwickelung gelangen zu lassen. Blau > überschreite die Grenze, gehe hinüber und schaue zu, wie alle Juden schaffen und arbeiten auf dem schmalen niedrigen Plätzchen, das man ihnen für ihre Thütigkeit frei gelassen hat. Da ist keine Arbeit so schwer, keine Beschäftigung so niedrig, die von ihnen nicht ausgenommen und freudig betrieben wird, wenn es gilt, Brod für sich und die Seiiügen zu schassen. Maurer, Schmiede, Karrenschieber und Lastträger, Droschkenführer, Schornsteinfeger und Dachdecker — was sie sein mögen, Altes bewegt sich emsig und sucht vorwärts zu kommen. Wie viel Nützliches könnte nicht zu Tage gefördert werden, wenn diesen Menschen auf allen Gebieten die freie Bewegung gestattet würde! Wir wissen nicht, und kein Mensch weiß cs, ob das Projekt des Baron Hirsch seine glückliche Realisirung finden wird. Allein l schon der Gedanke, dem Elend der Juden im Zarenreiche ein Ende zu bereiten, ist fromm, groß und erhaben genug, um von allen denen gesegnet zu werden, die noch Gefühl für unverdiente Leiden und Unterdrückung haben. 9 Das Iudtnlhum in Uew-Dork. Von L. Landau. Nichts Erstaunlicheres weiß uns die Kulturgeschichte zu erzählen, als die Wunder der raschen, üppigen Entwickelung der amerikanischen Kultur. In weniger als vierhundert Jahren hat die jugendlich elastische, kraftstrotzende neue Welt die alte eingcholt, ja auf allen Gebieten der Technik, des praktischen Lebens, auf vielen Gebieten der Bolkswirthschaft sie überholt. Nur noch der brodloscu Poesie, der Kunst und den nicht unmittelbar in Industrie und Envcrb umzusetzenden Wissenschaften kommt der vicltauscndjührige Borsprung der alten Welt zu Statten. Dies ganze Wunder tropischen Kulturwachsthums sehen wir jetzt an der Geschichte des Judenthums in Amerika sich wiederholen. Jung an Jahren, aus den dürftigsten Anfängen emporgediehcn, hat cs die Gemeinde der alten Welt überflügelt in Allem, was den Gegenstand der zärtlichsten Fürsorge und des Stolzes einer jüdischen Gemeinde bildet, in den Anstalten für Unterricht, Krankenpflege, Wittwen- und Waiscn-Bersorgung, Erziehung zur Er' werbsthütigkeit. Dabei sehen wir aber unausgesetzt und in neuerer Zeit mehr als zuvor, frisches Rohmaterial für diesen unter Amerikas warmer Frciheitssonne, auf Amerikas gesundem, jungem Boden, rasch sich vollziehenden Kulturprozeß heraukommen. So können wir drüben nicht nur die vollkommensten Blüthen und Früchte amerikanischer Civilisation, sondern den ganzen Vorgang der ersten Aussaat, der Pflege, der Wartung und der Veredlung in allen seinen Stadien gleichzeitig beobachten. Es ist wie eine Art Ausstellung des gesammten Entwickelungsganges der jüdischen Gemeinde Amerikas in allen charakteristischen Momenten des Prozesses. Mit schönem und daukenswerthem Wohlwollen beobachten die vorurtheilsfrcien und einsichtigen Amerikaner, die den Werth des