Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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326 Nichtsdestoweniger wird es sich nach wie vor keine Gemeinde nehmen lassen, ihren Rabbiner nach Bedürfniß zu wählen, nach seiner religiösen Richtung, nach seinem moralischen Charakter, nach seiner wissenschaftlichen Bildung und seinen bisherigen Leistungen, nicht aber nach dem Komitat oder Bezirke, in dem er das Licht der Welt zu erblicken das Glück oder Unglück hatte — trotz der siebenundscchzig braven Knaben! 9 Von unseren Glaubensgenossen in Nußland. Bon Moritz Scherbe! in Gumbinnen. Die sozialen Zustände bei unseren Glaubensgenossen, wie sic gegenwärtig in dem benachbarten Rußland vorhanden, sind von so beklagcnswerther Art, das; sich der Außenstehende kaum einen Begriff davon zu machen tut Stande ist. Das daselbst vorwaltcnde Gefühl des Hasses und der Verachtung gegen die Juden, sowie die durch die Korruption des Bcamtenstandes nnterminirte Rechtspflege im heiligen Zarenreiche fördern mitunter für den Bekenner des Judcnthnins Zustände zu Tage, die in irgend welchem Kulturstaat ihresgleichen nicht finden und am besten durch folgende Thatsachen illustrirt werden. Vor einigen Monaten drangen in der Nachtzeit mehrere maskirte, bis an die Zähne bewaffnete Männer in das Schlafgcmach des jüdischen Kaufmannes N. Braunstein in Mariampol. Sie hatten sich Eingang verschafft durch künstliches Aussägen des Schlosses, was indeß erst von dem Ucberfalleucn bemerkt wurde, als die Briganten vor ihni standen. Diese forderten ihn aus, alles sich in seinem Besitze befindende Geld hcrauszugebcn, wenn er und seine Frau nicht unter ihren Händen ihr Leben ende» wollten. Der also Bedrohte, cingcschüchtert durch den Ernst, womit man den Mvrdpla» auszuführcn sich anschickte, gab dem Verlangen nach, worauf sich die Räuber unter Mitnahme der Silbcrsachen, die umhcrlagen, entfernten. Am Tage vorher waren bei Braunstein 6000 Rubel siir an den Fiskus gelieferte Lcderwaarcn ciugegaiigen. Solches hatte man wahrscheinlich erfahren und dem Gelüste nach dem Gclde Gewährung verschafft. Indem oberen Stockwerke desselben Hauses befindet sich das Offizicrsknsino, und die verkappten Räuber sollen Soldaten gewesen sein. In Wystiten, einem llcinen russischen Städtchen unweit der Grenze, wurde bei einem Juden eingcbrochcn und 200 Rubel gestohlen. Der Dieb wurde wohl ermittelt, behauptete indeß, daß er nur 120 Rubel entwendet und man ihn daher für diesen Diebstahl von 200 Rubel gar nicht verantwortlich machen könne. Gewiß eine Rcchtsvcrdrcherei, um welche die alten Sodomitcn den braven Russen beneidet Hütten. Allein schon der Umstand, daß ein Christ wegen eines bei einem Juden verübten Diebstahls zur Verantwortung gezogen werden sollte, ließ die christliche Noblesse des Städtchens nicht Ruhe finden. Daß ein Jude von einem Christen sich bestehleir ließ — das mußte geahndet werden, und bald darauf war der Racheplan entworfen rmd ausgcsührt. Der Apotheker, der Grcnzdirektor und der Grenzosfizier thatcn sich in einer Nacht zusammen und unternahmen unter Führung des Wujt eine Haussuchung bei dem Bestohlenen nach defraudirten Waaren. Und, o Wunder! wo früher gar nichts vorhanden von dem, was man suchte, da fanden sie glücklich vor: ein Pack preußischer Lichte, eine Flasche Schnaps und mehrere Stücke Zeug — sicherlich ans purer Liebe für den Bestohlenen von den Suchenden mitgebracht. Das corpus delicti war mm glücklich da, man konnte dem Juden und seiner Frau etwas anhängen. Beide werden wohl ihre vier bi° sechs Monate abzusitzen haben. In deinselben Wystiten beschlossen vor ungefähr vierzehn Tagen mehrere Rusien, einen Juden in seinem Hause zu überfallen und ihn seines Geldes zu berauben. Sie wurden indeß dabei von der Polizei abgefangen. Und solchen Unbilden und Vergewaltigungeir sind die Juden jahraus jahrein jenseits der Grenze ausgesetzt. Tiefer hinein in Polen und Rußland soll es noch viel schlimmere Dinge geben. Raub und Mord an einem Juden geübt, gelten als keine Verbrechen. Man sollte meinen, daß bei einer solchen Behandlung der Juden eine Ausweisung derselben gar nicht nöthig, sondern daß eine Helle Flucht von ihrer Seite aus dein Lande stattsinden müßte, wo ihr Menschenrecht so ganz und gar ohne Anerkennung bleibt. Das wäre auch attisch der Fall gewesen, wenn die Armen gewußt hätten, wohin sie sollten. Bis die Kolonisirungsidee ihre glückliche Verwirklichung gefunden haben wird, wird der Jude in Rußland schon sein trauriges Schicksal tragen müsien. Allein dieser traurige Druck auf das bessere meiffchliche Bewußtsein, dieses Jgnoriren der höheren Scelcnbedürfnisse einem ganzen Volksstamme gegenüber konnte unmöglich ohne verderbliche Folgen bleiben und ist es auch nicht geblieben. Beides erzeugte mit der Zeit jene ästhetischen Unschönheiten und charakteristischen Untugenden, die den polnischen Juden niedriger stellen als seine übrigen Glaubensgenossen, sie wurden gezüchtet von der riicksichtslosen Behandlung, die der Zar einem großen Theil seiner Unterthanen zu Theil werden läßt, und wenn jener Ausspruch eines Staatsmannes: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient", irgendwo seine Anwendung findet, so ist eS hier, wo sie systematisch entmenschlicht werden. Man kann die Inden Rußlands für das, worin sie gegen die Bekenner bcs* Judenthums anderer Staaten zurückstehen, nicht selbst vcrantlvortlich machen. Die soziale und politische Misere, in welcher sie leben, Hai ihren Fortschritt mit der Zeit gehemmt. Bon jeder kulturellen Einwirkung abgeschlossen, die von außen kommen könnte, von der unmenschlichen Behandlung niedergedrückt, die ihnen im eigenen Lande zu Theil wird, hätte ein Wunder geschehen müssen, um die Inden Rußlands anders zu machen, als sie wirklich sind. Ein wahres Glück war und ist noch jetzt dabei, daß Diejenigen, welche man der moralischen Verkümmerung so gewissenlos preisgegeben, indem man ihnen die Bildungswcge verschloß, welche für den Kulturmenschen Lebensbedürfnisse sind, im Bereiche ihres religiösen Lebens! für die Erhaltung ihres sittlichen Bewußtseins gesorgt haben. Wo waren denn sonst die Schulen, welche ihnen, der Aufgabe eines jede» Staates gemäß, hätten gegeben werden müssen, um sie klar und logisch denken zu lehren, wo die Bildungsstätten, in welchen der Mensch zur Humanität, zum Edelsinn erzogen werden soll? — Nichts von all dem war da. Die Inden waren vielmehr nur angewiesen auf die Lehren ihrer Religion — sie haben sie moralisch nicht untergehen lassen; sie waren angewiesen auf das Studium der religiösen Gesetzbücher — und dieses hat sie vor geistiger Verdumpfung und Versumpfung bewahrt; — aber das Leben »nb die Welt wollen mehr. „Bei uns wird noch viel gelernt," — sagte mir jüngst mit Stolz einer dieser armen Juden ausRußland — und er fuhr fort: „selbst die am Tage schwer arbeitenden Handwerker, sie finden sich am Abend zum gemeinsamen Stndium des Talmud im Bethamidrasch zusammen." — Das ist schon etwas für die Weckung und Pflege des Geistes, man möge sonst über die praktischen Zwecke des Tatmudstudinms denken wie man wolle. Aber der Mensch lebt in der Welt und mit der Welt — er soll mit ihr leben, — und hier zeigt sich der Mangel der dazu gehörenden Kenntnisse. Unter manchem Andern