Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1892)
- Date
- 1892-07-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin. 8. Juli 1892. 56. Jahrgang. Nr. 28. Allgemeine eitung des Dudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, j Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. j Nedac 1 cur: G ustcrv Karpeles. Begründet von Nabvrner Dr Ludwig Philipplon-Konn. Vertags-Erpedition: Lerlin, Jerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judeuthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Ausländer. — Von unseren Glaubensgenossen in Rilszland. Von Morii; Scherbe!. — Das Judeiühum in Aew-Aork. Voit L. Landau. — Major Burg. Von Dr. M. Sil berste in. (Schlnsz). — Im Postu'agen. Von Ai. A. Goldschmidt. (Fortsetzung). — Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (Schlich). — Aus dem Karlsbade III. — Literarische Mit- - theilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. > Breslau. Meiningen, Worms. Nürnberg, Wien. Briiml. Paris, London. — Bon Nah und Kern. — Miseellen. — Briefkasten. — Geschäftliche Notizen. Ausländer. Berlin, 4. Juli. I» verschiedenen jüdische» Blättern lesen wir die folgende ',iemlich gleichlautende Notiz aus Altona: „Die Herren Hermann Heymann lind Biathias Wetzlar haben als Delegirtc der Gemeinde Ende voriger Woche beim Minister des Innern die Bitte vorgetragen, die von der Gemeinde mit überwiegender Majorität vollzogene Wahl von Dr. Rosenfcld-Oroshaza znm Oberrabbiner zu bestätigen. Der Minister des Innern crwicdcrte den Herren, daß siebennndscchzig reichsangehörige, zum Theil stellenlose, znm Thcil in kleineren Stellen sich befindende jüdische Beamte sich mit der dringenden Bitte an ihn gewandt hätten, fortab der Wahl eines Ausländers zum Rabbiner die Bestätigung zu versagen. Jndeß wolle der Minister die Altonacr Angelegenheit nochmals in wohlwollende Erwägung ziehen." So weit die Notiz. Wir gestehen offen, das; wir erst genaue Informationen eingezogen haben, ehe wir dieser Nachricht irgend welche Glaubwürdigkeit beimeffen konnten. Wir hielten es eben für unmöglich, das; sich in unserem Lager siebenundsechzig Menschen befänden, die einer solchen Handlung fähig wären. Mit tiefer Wehmnth gestehen wir es heute ein, daß wir uns bitter getauscht haben. Aber wir meinen, daß alle betheiligten Faktoren nicht ruhen und nicht rasten sollten, bis sie die Namen dieser siebemmdsechzig braven Knaben erfahren haben. Wir meinen ferner, daß dies auf legalem Wege nicht allzu schwer zu erreichen sein würde. Wir meinen aber auch endlich, daß das Resultat sodann nur ein negatives sein würde. Tenn wir sind fest überzeugt, daß kein einziger dieser siebenundsechzig Biedermänner auch nur einen halbwegs bekannten oder achtungswcrthcn Namen trügt. Unfern Standpunkt zu dieser Sache haben wir bereits zu wiederholten Malen klar gelegt. Wir halte» das Hineintragen der Nationalitäten-Frage in die inneren Angelegenheiten des Judenthnms für ein wahnwitziges Beginnen. Die Rassen- und Nationalitätenidee ist die Nährmutter des Antisemitismus, und dessen Geschäfte besorgen diejenigen, welche derartige Fragen bei uns aufwerfen. Es ist wahrhaftig der Sorge und des Streites genug in Israel, als daß es nöthig wäre, noch einen neuen Zankapfel in die Gemeinden zu werfen. Seit Jahrhunderten sind die Israeliten treue Bürger des Staatesin dem sie leben und in dem sie den Schutz der Gesetze genießen. Das wissen die Fürsten wie die Völker sehr genau. Und selbst die Antisemiten wissen es, wenn sie es auch, oder vielleicht gerade weil sie cs so geflissentlich in Abrede stellen. Aber niemals ist es irgend einem eingefallen, zu behaupten, daß die religiöse Gemeinschaft mit den Juden anderer Länder den Patriotismus beeinträchtige. Da keine Religion auf ein Land beschränkt ist, könnte man ja denselben Vorwurf gegen jede Religionsgenossenschaft erheben. Erweist sich derselbe als absolut hinfällig, wozu der Lärm, wozu die Ausländer- Frage? Wir fragen nicht: Wozu die Denunziation? Denn deren Zweck ist leider nur zu klar. Man beachte nur den Zwischensatz: „zum Theil stellenlose, znm Theil in kleineren Stellungen sich befindende Beamte". Es war also der Brodpnnkt, der diese Leute auf jene abschüssige Bahn getrieben hat. Wo aber dieser Faktor nicht mitspricht, erscheint die Aufwerfung der Ausländer-Frage geradezu unbegreiflich. Der Rabbiner oder Lehrer ist der Vertreter des jüdischen Geistes, der jüdischen Lehre in der Gemeinde. Dieser Geist des Jndenthums — wir sagen das mit Stolz und unbeschadet unserer innigen Anhänglichkeit an die theure deutsche Heimath — ist aber derselbe in allen jüdischen Gemeinden. Und genau so wie die Wissenschaft mit Stolz auf ihre Juternationalität pocht, wie sie keine Schranken und Grenzpfähle kennt, genau so wie heute und zu allen Zeiten Professoren von Czcrnowitz nach Heidelberg, von Jena nach Innsbruck, von Freiburg nach Chicago berufen werden, genau so werden die jüdischen Gemeinden keinen Anstand nehmen, einen Rabbiner zu berufen, der ihren berechtigten religiösen und wissenschaftlichen Anforderungen entspricht, gleichviel wohin derZufall auch seine Wiege gestellt haben niag. Die hervorragendsten Rabbinate in Oesterreich (Wien und Pest) sind mit Norddeutschen besetzt. In Prag waren die Tempelprediger bis auf die Gegenwart stets Norddeutsche. Und so ist es auch umgekehrt. Und so wird cs auch bleiben. Nicht die Nationalitäten-, sondern die Bedürfnißsrage wird in diesem Punkte entscheiden. Und bezüglich der Kantoren hat schon vor Jahren der gewiß eminent sachkundige Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Berlin, der ja auf diesem Gebiete die verschiedenartigsten Erfahrungen zu machen Gelegenheit hatte, hie bisher unwiderlegte Behauptung aufgestellt, daß wir ohne die polnischen Chasanim überhaupt unmöglich auskümen. Erfreulicher Weise gilt dasselbe nicht für Rabbiner und Lehrer.