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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-01 · Heft 27 (1.7.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 27 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Am 19. d. fand im Saale der „Eintracht" hier der zweite Gemeindetag des westfälischen Gemeinde-Verbandes statt. Die Versammlung, welche von 50 Delegirten aus! 19 Verbands-Gerneinden besucht war, nahrn einen in jeder Beziehung be-! friedigenden Verlauf. Geleitet wurde dieselbe von dem ersten Vorsitzen-! den, Herrn M. Katzenstein, Bielefeld, welcher um 9l. 2 Uhr Morgens die! Verhandlungen mit herzlichen Begrüßungsworten an die Erschienenen! eröffnete. Zu Punkt 1 der Tagesordnung, Berichterstattung über die seitherige Thätigkeit, lag ein gedruckter Bericht des Vorsitzenden vor, ans dem wir Folgendes entnehmen: Der Verband besteht erst seit einem Jahre; nichtsdestoweniger haben sich ihm bereits 30 Gemeinden angeschlossen, unter ihnen die sämmtlichen großen und die meisten mittleren Gemeinden unserer Provinz. Als eine seiner wesentlichsten Aufgaben betrachtet der Verband die Einrichtung eines geordneten Religions- : Unterrichtes in armen, mlbemittelten Gemeinden — und es giebt ihrer i eine ganze Anzahl in Westfalen — durch Gewährung pekuniärer Unter- 1 stützung und Zuweisung geeigneter Lehrkräfte. Wie aus dem Berichte hervorgeht, ist die Thätigkeit des Verbandes gerade auf diesen! Gebiete eine ersprießliche und erfolgreiche gewesen, so daß ihm der deutsch-! israelitische Gemeindebund in Berlin seine besondere Anerkennung dafür ausgesprochen hat. Als ein weiteres Mittel zur geistigen Hebung und Förderung der kleinen, leistungsunfähigen Gemeinden betrachtet der Verband die Vertheilung von geeigneten, gedruckten Predigten, sowie das Abhalten deutscher gottesdienstlicher Vorträge in denselben. Auch ans diesen! Gebiete ist die Thätigkeit des Verbandes laut Bericht eine befriedigende und erfolgreiche gewesen. Um die lästige Wanderbettelei in geordnete Bahnen zu lenken, bildete der Verband ferner während des laufenden Geschäftsjahres nach dem Muster des überaus segensreich ivirkenden Central-Armen-Berbandes in Bochum eine zweite ähnliche Vereinigung mit dem Vororte Bielefeld. Derselben sind bereits sieben Nachbargemeinden als Mitglieder Leigetreten; hoffentlich gelingt es energischer Agitation, auch die bisher noch indifferenten Gemeinden der guten Sache zu gewinnen. Zur thatkräftigen Unterstützung der unter dem Drucke der Verhältnisse schwer leidenden russischen Juden bildete der Verbands-Ausschuß im Anschluß an das deutsche Central-Komitee in Berlin ein Provinzial-Komitee für Westfalen, welches seither eine rege Thätigkeit entfaltet hat. Von den übrigen Punkten der Tagesordnung heben wir als besonders wichtig zunächst die Vorlage des neuen Normal-Lehrplan-Entwurfes für den jüdischen Religiousunterricht an Volks- und höheren Schulen bis zu Ober- Tertia einschließlich hervor. Der Entwurf wurde einstimmig angenommen, mit der Maßgabe, daß noch etwaige Verbesserungsvorschläge spätestens bis zun! 15. Juli dem Ausschuß zur Berücksichtigung einzureichen seien Auch wurde beschlossen, unter Zugrundelegung des genehmigten Normalplans nunmehr Spezial-Pläne für die verschiedenen Unterrichtsanstalten auszuarbeiten. Dieser einstimmig gefaßte Beschluß ist mit besonderer Genugthuung anzuerkennen, weil dadurch voraussichtlich der auf dein Gebiete des Religionsunterrichtes in Bezug aus die Stoffvertheilung herrschenden Ungleichheit und Zerfahrenheit ein Ziel gesetzt und die so wünschenswerlhe Einheit wenigstens für Westfalen erreicht wird. Ein Gleiches gilt von den: weiteren Punkte der Tagesordnung, welcher die Ausarbeitung eines einheitlichen Gebetbuches zum Gegenstand hatte. Es wurde unter Genehlnigung der seitherigen Kommissionsarbeit beschlossen, den Entwurf eines neuen Gebetbuches nach den von der Kultus-Kommission aufgestellten Grundsätzen durch hervorragende Fachgelehrte ausarbeiten zu lassen und alsdann dern hierzu einzuberufenden Gcmeindetage zur Prüfung und eventuellen Genehmigung vorzulegen. Nach der einmüthigen Stimmung der Versammlung dürfte auch auf diesem Gebiete die erwünschte Einheit und Gleichmäßigkeit nicht allzu lange mehr auf sich warten lassen. Von besonderem Interesse auch für weitere Kreise dürfte Punkt 7 der Tagesordnung sein, welcher einen Antrag der Gemeinde Herford auf Annahme einer Resolution behufs Beseitigung der sogenannten zweiten Feiertage an dem Passah - und Laubhüttenfeste zum Gegenstände hatte. Trotzdem der Referent, Herr Dr. Hulisch-Herford, in vorzüglicher, formvollendete^ Rede für die Annahlne des Antrages eintrat, sprach sich doch die Versammlung mit überwiegender Mehrheit gegen denselben aus, so daß die Gemeinde Herford ihren Antrag noch vor der Abstimmung zurückzog. Bei voller Würdigung der von Herrn Dr. Hulisch vorgebrachten Gründe ist doch das Votmn der Versammlung schon nur dessentwilleu begreiflich zu finden, weil man sich eben von alten, lieb gewordenen Gewohnheiten nicht gern trennt. Um 3^ Uhr Nachmittags schloß der erste Vorsitzende, nachdem ihm vorher der Dank der Versammlung für die vorzügliche Leitung der Geschäfte ausgesprochen war, den zweiten ordentlichen Gemeindetag. — Ein sich anschließendes Festmahl, bei welchem Herr L. Jnnkermann-Bielefeld in zündenden Worten ein Hoch auf den Kaiser ausbrachte, in das Alle begeistert einstinnnten, beschloß die ernste Arbeit des Tages. Der nächstjährige Gemeindetag findet auf Beschluß der Versammlung in Dortmund statt. Nach der vorzüglichen Stimmung der Theilnehmer an den diesjährigen Verhandlungen, sowie nach dem überaus befriedigenden Ergebniß der letzteren ist sicher zu erwarten, daß der Verband immer neue Mitglieder werbe, und so int Lause der Zeit eine Centralstelle werde nicht allein für die 30 Verbandsgemeinden, sondern für sämmtliche Gemeinden Westfalens. E. Frankfurt a. M., 22. Juni. Unter ungewöhnlich lebhafter Betheiligung fanden heute die Ergänzungswahlen zum israelitischen Gemeindeausschuß für drei ausscheidende und für das nächste Jahr nicht wieder wählbare Mitglieder statt. Der im vorigen Jahr begründete „Freisinnige Verein für israelitisches Gemeindeleben", der zum ersten Mal seit seinem Bestehen Gelegenheit hatte, in Aktion zu treten, entfaltete eine äußerst ruhige Agitation, aber auch die Gegenseite war nicht weniger thätig. Wenn es auch dein jungen Verein noch nicht ganz gelungen ist, die von ihm vorgeschlagene Liste durchzusetzen, so darf er doch mit dem Resultat der Wahl zufrieden sein. Hat er doch den Erfolg aufzuweisen, den gegenüber dem innerhalb der hiesigen Gemeinde immer stärker werdenden Andringen der Orthodoxie verhängnißvollen Jndifferentismus der freisinnigen Gemeindernitglieder zu besiegen, und wenigstens auf einen der von ihm vorgeschlagenen Kandidaten die meisten Stimmen zu vereinigen Auch die beiden übrigen von ihm nominirten Kandidaten erhielten eine erhebliche Stimmenzahl. Es wurden insgesannnt abgegeben 474 giltige Zettel, und es erhielten Stimmen: Jonas Wertheim (Freist Verein) 275, J>. med. Jaffe 260, Alfred Rosenthal 223, Benj. Haas 213, Mor. Cahn 206 (Freist Verein), Professor Oelsner (Freist Verein) 204. Die nächstgrößte Stimmenzahl erhielten: Salomon Nathan, Felix Edenfeld, Nath. Rosenberg. Aus diesen neun hat der Polizeipräsident drei in den Ausschuß zu berufen. Auch die beibeu gewählten Herren Jaffe und Rosenthal sind Mitglieder, wenn auch nicht offizielle Kandidaten des freisinnigen Vereins. Oesterreich-Ungarn. # Wien, 27. Juni. Wie ich eben erfahre, ist Herr Dr. Jonathan Wolf, bisher Religionslehrer an einem hiesigen Gymnasium, zum Hilfsprediger der jüdischen Gerneiude gewählt worden — eine Illustration zu Ihrem letzten Leitartikel. Herr Dr Wolf ist ein tüchtiger Schulmann und gewandter Redner — darüber herrscht kein Zweifel; aber er hat keine Probepredigt gehalten und ist doch gewählt worden. Dr. Wolf, der bisher Jellinek hie und da vertreten, wird seine Stellung wohl bald antreten. Frankreich. H Paris, 20. Juni. Der Bericht der „Alliance israelite universelle" für das Jahr 1891 ist veröffentlicht worden. Derselbe weist eine ulnfassende Zunahme der Komitees und Mitarbeiter auf. Nekrologe werden den Heimgegangenen Mitarbeitern Professor Dr. Grätz, Oberrabbiner Dr. Wolff-Kopenhagen, Rabbiner Dr. Wedelt und Anderen gewidmet. Die weiteren Theile des Berichtes beschäftigen sich mit den Israeliten Rußlands und dem Hilfswerk zu ihren Gunsten, sowie mit den Israeliten in Rtnnänien, Maroceo und Corfu, deren Nothlage rationelle Hilfeleistung nöthig machte. Die Mtttheilnngen über die Elementarschulen und das Lehrlingswerk sind ein erfreuliches Zeichen von der stets wachsenden Kultur, welche die Alliance im Orient zu fördern bestrebt ist. Der Bioliothek sind Geschenke in größerer Anzahl zugewandt worden. Die Einnahmen des Eentralkomitee im Jahre 1891 belaufen sich auf 686,104 Frcs., worunter vom Baron. Hirsch ein

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