Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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»2!i von der aller anderen Maske» nnd war geeignet genug, schon aus diesem äußeren Grunde die Aufmerksamkeit auf die Träger derselben zu lenke». Den» während die meisten der anwesenden, ab und zu kommende» und gehenden Masken sich ihre Verkleidung mit den einfachsten Mitteln herznstellen gewußt hatten, wie beispielsweise mit einem nmgcwendetcn Pelz mit dem Fu>ter nach der Außenscite, oder mit einem aus Flachs gemachten langen Barte, zu welcher» uch ein Weiberanzug als Kontrast gesellte, rind ähnlichen dergleichen leicht herbeizuschaffenden Behelfen, glänzten die drei Masken, welche die Gruppe bau Vater, Mutter nnd Kind bildeten, durch die Pracht der bunten, fremdländischen Anzüge, durch die langen, herabwaüenden Geivünder in Hellen Farben, durch die strahlenden Gürtel um den Leib, durch die in weiß und roih verzierten Turbane auf ihren Häuptern ollen Anwesenden in die Augen. Man bot ihnen Wein und Back- HK’d, sie nahmen bescheiden, ohne mit widerlich klingender verstellter Stimme zimperlich abzulehnen. Man besah die Maske» von allen -eiten, ging um sie herum, betrachtete sie von rechts und links, nahm ihnen die Hände, lim irgend ein Merkmal zu erspähe» und zu erlennen, wer sie seien. Die Masken ließen ruhig alles dieses mit uch geschehen, nur wenn Jemand dreist genug war, in seiner Neugierde seine Visitationen bis auf die Larve auszudehnen, dann >chlhr er eine entschiedene Abwehr, die ihn von jedem weitern derartigen Versuche eines gewaltsamen Eindringens in das Maskenrecht und die Maskenfreiheit abzuhalten kräftig genug war. Fintel, die Frau des Hauses, sprach: „Nun liebe Masken! Ihr > hl, daß unser Errathen vergebens ist, also demaskirt Euch!" „Man muß eine Sache nicht so leicht aufgeben, wenn sie auch schwierig zu erreichen scheint," sagte die eine der drei Masken, und var die weibliche. „Sprichst Du, liebe Maske, mit dieser Meinung eine eigene Er- 'ahrung aus?" „Ich könnte nicht mit eigener Erfahrung prahlen, wenn diese Neinliiig nicht älter wär, wie ich selber bin." „So scheint es, daß Du Dir auf Deine Jugend mehr als auf leine Erfahrung zugute thust." „Wenn ich blos jünger sei» wiü als jene Meinung, könnt ich noch oainer so alt sein wie Methusalem, oder wenigstens wie Deine Urgroßmutter." „Doch möcht ich lieber Deine Schwester seüi, als Deine Urenkelin." „Wie, wenn ich Dich jetzt gleich beim Wort nähme?" „So sollst Du finde», daß Du Dich i» mir nicht getäuscht hast." „Ich thät's, wenn unser Spiel ein gleiches wär. Du könntest ober leicht dabei z» kurz kommen, denn ich sehe, was ich kaufe, Du aber siehst es nicht." „Du irrst, liebe Maske. Was Du an mir mehr siehst als ich ’Ut Dir, das sind höchstens meine Gesichtszüge; im klebrigen sehe und erkenn ich Dich, wie Dn mich." „Warum hast Du denn verlangt, daß wir uns demaskiren sollen?" „Brauch ich Dir denn zu sagen, was eine Minute im Leben "»es Menschen bedeuten und wirken kann?" „So verlangst Du es jetzt nicht mehr?" „Wenn ichs ihn, so thu ichs darum, weil jetzt die Maske nicht wehr nöthig ist." „Du glaubst also mich zu kennen?" „Mutter!" ries jetzt Finkel hell aus, „und Du kennst sie nicht? lu bist doch eine ganze Nacht mit ihr gefahren? Hast Dn sie denn wcht schon damals, ohne daß Tu es gewollt, in Dein Herz einschlossen?" „Was?" rief Jittesch erstaunt. „Da hast Du ihn," sagte Finkel, „da steht er vor Dir da, Dein Sohn, Dein längst beweinter Sohn mit Weib und Kind! Leugnet's, wenn ich nicht Recht Hab!" Die Masken fielen. Mutter und Sohn, Schwester und Schwester lagen einander in den Armen, die Kinder drängten sich dazwischen, geführt von Jakob Löb, und die Gruppe löste sich nun auf, um sich in anderer Weise sogleich wieder zu gestalte», denn der ilinarmungen zwischen den guten Menschen, die hier versammelt waren, gab es kein Ende. (Schluß folgt.» Fittrrarische MitlheUnngen. --- Paul Nathan: Der Prozeß von Tisz a - Eszlür. Ein antisemitisches Kulturbild. Berlin 3892. F. Fontane & Eomp. — Gerade zu rechter Zeit kommt dieses Buch. Es ist ein Prolog zu dem Prozeß in Xanten. Der Verfasser war zur Zeit des Prozesses in Nyiregyhüza und hat dort, an Ort und Stelle, die Eindrücke und das stoffliche Material zn seinem Kulturbilde gesannnelt. Das Buch ist also schon seit zehn Jahren fertig und nur deshalb nicht publizirt worden, weil man glauben durfte, daß die „rituelle Blutverleumdnng" nicht ferner gegen die Juden würde erhoben werden. Das war aber ein Aberglaube. Zehn Jahre, nachdem Herr Jstoczy im ungarischen Parlament jene schmachvolle Anklage erhoben, hat Herr v. Wackerbarth sie im preußischen Abgeordnetenhause wiederholt. Da hat es denn der Verfasser für richtig! gehalten, mit seinem Material hervorzutreten, und wir sind ihm dafür zu herzlichem Danke verpflichtet. Der erste Waffengang des Autors gilt dem Herrn v. Wackerbarth; Sah für Satz folgt er seinen Anklagen, Wort für Wort widerlegt er dieselben mit der scharfen Waffe der Geschichte und der Logik. Dann folgt in ausführlichster Darstellung das I antisemitische Kulturbild von Tisza-Eszl.ir. Zunächst das Ereigniß selbst und das Verhalten der antisemitischen Partei zu demselben, dann die Ausgestaltung der Legende, der Kampf um die Vernichtung der Angeklagten, der Prozeß wegen rituellen Mordes, der bekanntlich mit absoluter Freisprechung endete, dann der Prozeß über den Leichenschmnggel, endlich die Schlußbetrachtung des Autors, die die Moral des Antisemitismus in das rechte Licht stellt. In das Meritorische der Geschichte von Tisza-Eszlür nochmals einzugehen, ist wohl für unsere Leser unnöthig. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" hat den Prozeß genau verfolgt und alle einschlägigen Aktenstücke seiner Zeit veröffentlicht, i Gleichwohl können wir unseren Lesern nochmals die Lektüre dieses sehr werthvollen Buches empfehlen: es ist in der That ein Kulturbild, meisterhaft gezeichnet und gewissenhaft dargestellt, wie es selbst die Geschichte menschlicher Verirrungen nur selten darbietet. Der Verfasser hat sich j durch diese schwierige Arbeit den aufrichtigen Dank aller Freunde der i Humanität erworben. g-k. Sprechsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! Daß Herr Benas Levp meinen Ausführungen über eine Betheiligung am Komitee der Weltausstellung entgegengetreten ist, hat nach gefreut. Für Gedanken, die einigermaßen neu sind und dem üblichen Gedankengang nicht günstig liegen, ist Schweigen die gefährlichste Art der Gegnerschaft. Nur hätte ich gewünscht, daß er meine Bemerkungen richtig angeführt hätte. Herr Benas Levp schreibt: „Die Gesammtheit hat Vortheile — so schreibt Herr H. M. G. — aber weil ein Häuslein Antisemiten oder einige Unzufriedene die Inden für einen Mißerfolg verantwortlich machen würden, sollen wir uns von den Vorbereitungen imb den Zeichnungen zum Garantiefonds fern halten." Auch Herr Benas Levp führt diese Worte mit Ansiihrungsstrichen an — die übliche Forni bei wörtlicher Wiedergabe. Indessen habe ich nicht einmal dem Sinne nach Aehnliches gesagt. Meine Ansfiihrung lautete vielmehr: „Allerdings thnt man das Gute nicht des Dankes willen, aber man will doch wenigstens keine Unannehmlichkeiten davon haben. Ist zudem unsere Mitwirkung nöthig? Es sähe schlimm mit der Ausstellung aus, falls sie ans uns angewiesen wäre. Da das Gute von Anderen gethan werden kann, ohne daß es Haß gebiert, von Inden gethan aber nicht nnr den Förderern