Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Schreiben von seinen Kindern. Es kam gar weit her dieses Schreiben, es kam ausAmsterdam. Marie berichtete in wenige», aber eindringlichen Worten, wie unerträglich ihr der qualvolle Zustand ihres Mannes gewesen sei, nnd wie sie kein anderes Miitel zu seiner Rettung gesehen habe, als ihn fern von den beengende» Eindrücken seiner Umgebung in sich selbst gesunden zn lassen. Sie bat den Alten um Verzeihung wegen des Schreckens, den sie ihin durch ihre Flucht bereitet, aber das Heil ihres Mannes und ihres Kindes habe ihr zu sehr am Herzen gelegen. Der alte Niederhuber schrieb auf den Brief keine Antwort, er schwieg still, und hatte auch nicht gern, daß man mit ihm von der Sache rede. Brigitte konnte sich freilich nicht so leicht ein Blatt vor den Mund nehmen; an der Art, die wir an ihr kennen zu lernen schon manche Veranlassung hatten, liest sie sich auch über die Angelegenheit aus und schimpfte recht derb und weidlich über die nichtsnutzige Zeit, über den Leichtsinn der Welt, und wie das Alles in früheren Zeiten ganz anders zugcgangen. Brigitte hatte, wie die Leute draußen auf dem Dorfe von ihr sagten, das Maul auf dem rechten Fleck und sprach immer grad von der Leber weg; auf Honza aber machte der stille Kummer seines Meisters einen größeren und tieferen Eindruck als Brigittens Wortschwall und als alte ihre Deklamationen von Hcidenthum und Teufel »nd Hölle, Flamme und Scheiterhaufen. Ailch er sprach nicht viel über die Sache, und darin glich er allerdings seinem Herrn und Meister; nur konnte er sich nicht enthalten, die Sache, wie es nun einmal in seiner Natur lag, auch vom humoristischen Standpunkt anzuschanen »nd dabei die Bemerkung fallen zn lassen, daß sich nun doch auch ivie im Evangelium Josef und Maria ans der Flucht, und wenn auch nicht auf der Flucht nach Aegypten, so doch auf der Flucht nach Amsterdam befunden hätten. Aber nicht nur ins Dorf hinaus, auch in die „Gasse" war ein Brief aus Amsterdam gekommen, welcher die merkwürdige Neuigkeit mittheilte. Josef hatte denselben an seine Mutter gerichtet, nnd diese, welche wegen Schwäche der Augen schon seit einiger Zeit selbst auf ihre Lieblingslektüre aus dem Menorath-hamoor verzichten mußte, ließ sich das Schreibe» von Finkel verlese». Der Brief lautete, wie folgt: „Geliebte und theuerste Mutter-Leben bis zu hundert Jahren! Wie soll ich es anfangen, vor Dich hinzntreten und Dich für all den Kummer, den ich Dir Jahre hindurch bereitet Hab, um Verzeihung zu bitten, womit soll ich mich rechtfertigen für das Leid, das ich Dir zugefügt, und den Schmerz, den ich über Euch Alle heraufbeschworen? Mein Kopf schwirbelt mir vor Gedanken, die sich darinnen herninwälzen, und die Feder zittert in meiner Hand so stark, tvie das Herz in meiner Brust Pocht. Ich muß anfangen mit dem Ende, denn ich kann das Wort nicht länger zurückhalten; ich bin wieder, wer ich gewesen bin, ich bin zu dem Glauben meiner Kindheit zurückgekehrt. Ich wünsch Keinem, der mir Gut's gönnt,; daß er es erfahren soll, was ich erfahren Hab. Glaub mir, Mutter-; Leben! Alles das, was mir Finkel, meine gute Schwester, wie sie , zu mir gekommen ist, um mich abzuhalten, gesagt hat, aste Er-! innerungen, die sie mir aufgezählt hat aus meiner Kindheit, Astes! das Hab ich mir selbst gesagt, und wie sie da bei mir gesessen ist, > nnd jedes Wort von ihr war ein Pfeil, den sie in das Herz hineinj gebohrt hat, da wär' ich ihr gern um den Hals gefallen und hütt'! ihr gesagt: Ja, Finkel-Leben, Du hast Recht, komm, führ mich zurück! zu meinen Eltern, führ mich heim zu ihnen, ich will thun, was sie! von mir wollen. Aber da Hab ich mir es vorgestellt, was Ihr von I mir habt haben gewollt, und es hat sich in mir das Herz im Leib! hermngedreht, ich Hab den Gedanken nicht ertragen können, daß ich sie, die ich einmal in mein Herz eingeschlossen Hab, verlassen nnd vergeffen soll! Ach, was ist das für eine Zeit für mich gewesen! Nun muß ich Dir sage», daß ich seit jener Zeit nur selten eine ruhige Stund gehabt Hab. Wie ich die Nachricht von dem Tod des Vaters der Friede soll mit ihm sein, erfahren Hab, was ich mir da für Vorwürfe gemacht Hab und wie mich das Gewissen gepeinigt hatdavon kannst Du Dir keine Vorstellung machen, und ich kann Dir das nicht beschreiben. Ich Hab ihn unter die Erd gebracht — Hab ich mir vorgeworfen -- ich bin es, der an seinem Tode schuld ist, der Dir Deinen Mann und meiner Schwester den Vater geraubt hat. Ach, was Hab ich ausgestande», wenn ich mir vorgestellt Hab, wie Ihr daheim auf der Erde sitzet und weint und trauert um de» Hingeschiedenen und klagt mich an vor Gott, daß ich es bin, über den er sich in seinem Kummer das Herz abgegessen! Im Paradies soll er ruhen, und er ruht gewiß dort zur Belohnung für die Leiden, die er hier auf Erden ausgestanden und die ich ihm verursacht Hab. Wie weh hat es mir gethan, daß ich nicht einmal um ihn Hab trauern können, ivie es sich gebührt, daß ich mich nicht Hab können, niedersetzen auf die Erd so wie Ihr, daß ich mir nicht Hab eine Kerieh geschnitten, wie hat es mir mein Herz zerrissen, daß ich, sein Sohn, ihm nicht Hab können Kaddisch nachsagen! Ich weiß noch nicht, wie ich das übertebt Hab. Der Mensch kann mehr ertragen, als man meint, und Gott schickt ihm, wenn er auch noch so tief gefasten, seine Tröstungen. So hat er mir auch bald darauf mein Kind geschenkt, mein Channele. Leider Hab ich ihr damals, wie sie ist geboren worden, nicht können diesen Namen geben, und ivas mir hätt ein Trost sein sollen, ist für mich nur eine Quelle neuer Traurigkeit geworden. Wie Hab ich mich damals gefreut darüber, daß Ihr nicht zur rechten Zeit eingetroffen seid, denn es wär mir ja doch unmöglich gewesen, von ihr zu lassen, selbst wenn sie mich vor Deinen Angen verstoßen hätt. Aber ich Hab diese Freude abgebüßt, Mutterleben; sie hat nicht lang gedauert, diese Freude, und ich Hab seit der Zeit, wie ich Dir schon geschrieben Hab, nur selten eine ruhige Stunde gehabt. Aber ich wist nun suchen, aste die Traurigkeit, die ich Dir verursacht Hab, zn vergelten, und ich hoff, Gott wird mir dazu seinen Beistand geben. Dein verirrter und rückkehrender Sohn Joffes." Hatte dieNachrichtausAmsterdam auf dem Dorfe draußen die Gemächer in Aufregung versetzt nnd Zorn, Haß, Rachegefühl, Mitleid und Bedauern hervorgerufen, so war dies Alles noch nichts, verglichen mit der Verwirrung, welche sie in der „Gasse" hervorrief. Daßein Sohn ausder „Gasse" von seinem Glauben abgefallen, das war wohl ein harter Schlag, aber es ist so etivas in oer Welt schon vor Josef vorgekommen; daß aber ein Mensch, der sich losgelöst von den Seinigen, zu dem Glauben seiner Väter wieder znrückkehrt, daß seine Frau, die Ehristin, nichts dagegen gethan, das war etwas so Unerhörtes, oaß man im Zweifel war, ob man es glauben dürfe. Allein was die Angen sehen, glaubt das Herz, nnd bald sollte den Leuten in der „Gasse" durch die Thatsache seiner persönlichen Gegenwart aller Zweifel an die Möglichkeit eines so außerordentlichen Falles benommen werden. Es war am Abend des Pnrimfestes. Jakob Löb »nd Finkel, das dreijährige Wolwele und die Großmutter Jittesch saßen bei Tische nach froh genossenem Mahle. Masken kamen und gingen, die einen mehr, die anderen mindere Aufmerksamkeit erregend, die eineil länger, die anderen kürzer verweileiid, je nachdem ihr Witz geeignet war, ein lustig angeknüpftes Gespräch in launiger Weise fortznführen niid weiterznspinncn oder nicht. Unter Anderem erschien eine Maskengruppe, bestehend aus drei Personen: aus Vater, Mutter und Kind. Die Tracht, in der sie erschienen, unterschied sich in auffälliger Weise