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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-07-01 · Heft 27 (1.7.1892) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 27 (1.7.1892)
Date
1892-07-01
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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320 Sn glücklich sich i»i» auch Burg i» seiner Stellung als praktischer Soldat fühlte, so sollte doch seines Bleibens nicht lange in Danzig sein. Tenn er wurde air die auf Veranlassung des Prinzen August und des General-Lieutenants von Rauch in Berlin errichtete Artillerie- und Ingenieurschule zum Lehrer im Artillerie-Zeichnen mit einer jährlichen Gehaltszulage von 250 Thalern berufen. Der Abschied von seiner Brigade, insbesondere von seiner Kompagnie, zeugte von der großen Liebe und Achtung, die sich Burg in seiner Stellung bei Vorgesetzten und Untergebenen erworben hatte. Sechs Tage und fünf Nächte brauchte Burg, um nach seinem Bestimmungsort Berlin zu gelangen, woselbst eine Stellung seiner harrte, die seinen innigsten Wünschen so ganz entsprach. Wer will die Freude schildern, die Mutter und Sohn empfanden, als sie nach langer Trennung einander wieder, in den Armen lagen, um nun das Glück des Zusammenlebens voll und ganz zu genieße». Der Kreis der Schüler, denen Burg sich zu widmen hatte, setzte sich aus Portepee-Fähnrichen und Offizieren des Artillerie- und Ingenieur-Korps zusammen. Die Lehrmethode wich insofern von der bisher üblichen ab, das; der Unterricht, der früher nur rein mechanisch aus eine den Geist nicht so befriedigende und dabei ermüdende Art crtheilt wurde, durch Burg in wissenschaftliche Bahnen gelenkt ward und einen wissenschaftlichen Eharakter erhielt, der die Lernenden zum Selbstschaffen anregte. Nachdem Burg, dessen Lehrmethode Anfangs in der Schultommission großem Widerstande begegnete, durchgedrungen und für seine Methode Anerkennung errungen, erhielt er vorn Prinzen August den ehrenvolle» Auftrag, ein Lehrbuch nach der von ihm eingeführten Methode auszuarbeiten, das auch in den neun Brigadeschulen der Artillerie eingeführt werden sollte, damit die vor; dort auf die Artillerie- und Ingenieurschule kommandirten Schüler derart vorbereitet seien, daß Burg nicht in jedem Jahr neu beginnen müsse. Burgs Lehrbuch gewann große Anerkennung und verschaffte dem Verfasser manche ehrende Zeichen des Beifalls ans der Hand von Fürsten und hochgestellten Militärs. Im September 1820 übertrug auch der Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz uuserem Burg den mathematischen Unterricht in der ersten Klasse der Garde-Divisions-Schule. Aber auch schmerzliche Empfindungen sind unserem wackeren Burg nicht erspart geblieben. Einst, erzählt er uns in der Geschichte seines Dienstlebens, wurde er zu einer Gesellschaft bei einem hohen Civilbeamten eingeladen, wobei er einen Professor der Berliner Universität zum Tischnachbar erhielt, dessen Wohlgefallen er zlivor schon beim Kartenspiele durch sein joviales Wesen sich erworben hatte. Da an dem Abend die Oper „Josef in Aegypten" im Theater gegeben ward, so lenkte sich das Gespräch auf die Juden, die, wie einer der Tischgäste meinte, niemals das Handeln und Schachern lassen könnten und beträfe es selbst den eigenen Bruder. Hiermit erhielt das Gespräch eine judenfeindliche Richtung. Jeder wußte etwas anderes Gehässiges mitzutheilen, und man kann sich die Stimmung unseres Burg vorstelleu, der in seiner, zartesten Empfindungen so tief verletzt ward. Ta legte sein Tischnachbar, der Professor, seine Hand auf den im Nachsiuuen versunkenen Burg und ermahnte ihn also: „Herr Lieutenant, Sie sind noch ein junger Mann. Hören Sie meinen Rath und nehmen Sie sich vor dieser bösen, bösen Nation in Acht. Ziehen Sie sich zurück, wenn Sie mit Juden in Berührung kommen, es hat der Verkehr mit ihnen noch Niemandem Segen gebracht." Aufs Tiefste gekränkt erwiedcrte Burg: „Das wird wohl schwer angehen. Bon meinen lieben theueren Verwandten werde ich mich niemals zurückziehcn »ud von mir selber, — das ist nnmöglich. Immerhin aber," fuhr er fort, „ist es empörend, noch in unserer Zeit von gebildeten Männern solche menschenfeindliche, mittelalterliche Gesinnungen zu hören." Das Wort wirkte wie ein Donnerschlag auf die Gesellschaft. Versuche, sich zu entschuldigen, die der Professor niachte, wies Burg mit der Bemerkung zurück, daß es einer solchen nicht bedürfe, da er im Gegentheil insofern sich zu Dank verpflichtet fühle, daß er durch ihn um eine große Erfahrung reicher geworden sei. Man mag sich vorstellen, unter welchen schmerzlichen Empfindungen Burg die Gesellschaft, die sich bald trennte, verlassen hat. (Schluß folgt/« U FEUILLETON i Im Postwagen. | Bon M. A. Goldschmidt'). I Während eines Aufenthalts in Köln am Rhein beabsichtigte ich, einen Ausflug nach einer kleinen Stadt zu machen, wohin tveder Eisenbahnnoch Dampfschiffs-Verbindung statthatte, und als ich an« « Abend nach meiner Ankunft in den Speisesalon des Hotels eintrat! um ein Abeudbrod einzunehinen, fragte ich den Wirth, auf welch, j Weise ich mein Ziel am besten erreichen könnte. Er antwortete mir j es träfe sich sehr glücklich für mich, denn es sollte am nächsten Tag, « eine große Auktion auf einein Schlosse in der Nähe der kleinen Stad! stattfindeu. Es säßen drei Herren am andern Ende des Salontz die einen Extrapostwagen für den nächsten Morgen bestellt hätte» Ich bat den Wirth, diese Herren zu fragen, ob sie mir erlauben würden, mit ihnen gegen Zahlung meines Antheils fahren zu dürfen und nach Verlauf von einigen Augenblicken kam er mit der Ein « ladung zurück, diese drei Herren zu begrüßen. Es waren Juden; der Eine hochgewachsen, mit breiten Schulter» und großem Kopfe, rothem Gesicht und schwerem, krausem Haar:! der Zweite war klein, hager und blaß, der Dritte fast kugelrund, Ich würde den Ersteren für einen Gerber oder Pferdehändler, de» Zweiten für einen Philologen und den Dritten für einen Restaurateiu gehalten haben; sie waren jedoch, wie sich bald erwies, alle Drei Kaufleute aus verschiedenen Städten ain Rhein. Der schwere Mann fragte, woher ich sei, und als ich antwortete „Aus Kopenhagen," fragte er: „Aus Kopenhagen? Kennen Sie dor! einen Dr. Wolfs?" „Ja, er ist Gemeinde-Rabbiner." „Bitte, nehmen Sie Platz. Wollen Sie auch zur Auktion?" „Nein, ich bin nicht Kaufmann." „Was sind Sie denn?" „Ich habe studirt." „Studirt? Mein zweiter Sohn soll auch studiren, aber mei»; ältester wird beim Handel bleiben. Weshalb? Das Studiren bringt nichts ein. Wer studirt, muß eine Stütze im Rücken haben» Ich fand das sehr verständig gedacht, obschon nicht sehr fei» ausgedrückt, was freilich sein Aenßeres auch nicht erwarten ließ. Aber er hatte auf diese Weise ziemlich deutlich zu erkennen gegeben, das: er vermögend sei. „Ja, Sie können mitfahren," fügte er hinzu, „und Sie brauche» dafür nichts zu bezahlen; der Wagen fährt ohnedies dahin." Als ich bei der Bezahlung meines Antheils beharrte, gab er nach, und zwar mit einer unbeschreiblichen Handbewegung, die ebenso deutlich wie Worte besagte: „dummstolz". Nach kurzer Verabredung über die Zeit der Abfahrt trennte ick mich von ihnen, fest überzeugt davon, eine langweilige, ja vielleich! 0 Deutsch von Emil Jonas.

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