Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1892)
- Date
- 1892-07-01
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Am Schlüsse meines ersten Briefes habe ich mit kurzen Worten er „jüdisch-theologischen Präparandic" Erwähnung gethan, die unser Rabbiner Herr Dr. Caro im Berein mit dem Lemberger Kultusoorstandc ins Leben zu rufen beabsichtigt. Ich bin mm in der Lage, nach den genauen Informationen, die mir der Herr Rabbiner freundlichst ertheilte, darüber einiges Nähere mitzutheilen. Die Präparandic verfolgt einen doppelten Zweck: sie soll zruiächst denjenigen, die sich dem Stridium der jüdischen Theologie widmen wollen, während der letzten drei Jahre ihres Ghmnasialstudiums eine umfassende Anleitung zum Studium der Judaica geben, ferner soll sie dem in Galizien vielfach empfundenen Mangel an jüdisch gebildeten Religionslehrern durch Errichtung eines dreijährigen Kurses für Religionslehrer abhelfcn. Das Budget der Präparandic ist mit circa 10,000 Gulden jährlich bemessen, die Ausgaben für die im Gebäude derselben zu errichtende jüdische Bibliothek, wohl die erste im Lande, mit einbegriffen. Der Plan ist wirtlich nicht übel. Ter trostlose Zustand des Religionsunterrichtes in den ösientlichen Schulen, die vollkommene Unkenntnis; alles Jüdischen, die unter der Schuljugend herrscht, machen eine solche Lehranstalt unbedingt uothwendig. Vielleicht wird diese Präparandic dazu beitragen, daß auch der „nichtoffiziellc" Theil unserer Jugend, die Studirendcn aller Fakultäten, sich einige Kenntnis; vom Judenthum, seiner Geschichte und Littcratur aneignen. Es wäre freilich schon hohe Zeit. In Czernowitz, der Landeshauptstadt von Bukowina, ist durch das vor zwei Monaten erfolgte Ableben des dortigen Landesrabbiners Dr. Igel (eines gewesenen Schülers Luzzatos in Padua) der Landesrabbinerposten vakant geworden. Vor einigen Wochen verbreiteten polnische Blätter die Nachricht, daß sich Rcichsrathsabgeordnetcr Dr. Bloch um den Czernowitzer Posten bewerbe. Letzterer erklärte jedoch in seiner „Qcsterreichischen Wochenschrift", es sei dies ein „schlechter Witz" eines Czernowitzer Journalisten, da er, Dr. Bloch, gar nicht gesonnen sei, seinen jetzigen Beruf aufzugeben. Interessant ist das Gerücht, das in der letzten Zeit verlautet, wonach die Czernowitzer Gemeinde mit der Besetzung der Stelle drei Jahre warten wolle, um sich „mi ttlerwcil e zu erholen". Li non e vero, e ben Irovato. Zum Schlüsse noch ein „Maiblümchen" au» der polnischen Presse. Ich habe im vorigen Briefe kurz den Wahlkampf erwähnt, der sich im letzten Monate im Wahlbezirk Stanislau-Tysmienica abspielte. Die Inden siinimten für den liberalen Kandidaten Hofmokc, nachdem von mancher Seite vergeblich der Versuch gemacht wurde, die jüdische Kniwidatnr des Lemberger Kultusvorstehers Dr. Heinrich Gottlieb aufzustellcn. Die konservative polnische Presse, die über den Fall ihres Kandidaten, des Professors Milcwski, untröstlich ist, erfand nun folgendes interessantes Geschichtchen: Baron Rothschild sei die Wahl Milewskis unbequem gewesen, weil Letzterer ein Gegner der Valuta-Regulirung sei. Er habe daher 20,000 fl. nach Stanislau geschickt, »m dessen Wahl zu hiutertreibeu. Ter Einfall ist kindisch, aber göttlich schön. Man denke sich die Situation: der konservative Professor, der auf der rechten Seite des Hauses sitzt, wird gegen eine Vorlage sprechen, auf die die Regierung ein so ungeheures Gewicht legt. Die in Warschau erscheinende „Prawda" bemerkt hiezu mit Recht, seine Protektoren im Polenklub würden ihm hiefür eine Lehre crtheilen, die ihm übel bekommen möchte. Aber die antisemitische Presse läßt sich durch solche Eiuwünde nicht einschüchtcrn. Dieses geistreiche Geschichtchen hat solchen Beifall gefunden, daß beinahe sümmtliche Blätter, sogar der liberale „Dziennik Polski" in Lemberg, dasselbe wiederholten. So etwas macht immer Spaß. * Jüdisches und Alttestamentlrches im nichtjüdischen Schriftthmn. Von Rabbiner Dr. Seiner in Darmstadt. Unter der Ueberschrift: „Schrift und Dichtung" brachte Nr. 20 d. Bl. unter Anderem eine Reihe von Beispielen, wie Biblisches und Nachbiblisches bezw. Jüdisches in den Citaten und Schilderungen unserer Dichter und Schriftsteller gar oft Entstellungen erfahren, welche auf die Sachkenntniß der betreffenden Autoren ein seltsames Licht werfen. Das ist wohl ein unerschöpfliches Thema. Die fragliche Erscheinung begegnet dem kundigen Lehrer so oft und so allgemein, daß sie ihm kaum noch auffällt. So hören und sehen wir auf rmseren Bühnen immer vom Neuen, wie in Gutzkows „Uriel Acosta" zu Sabbath-Eiugang der fanatische Rabbi Santos in der Villa des reichen Manasse erscheint, um dein ungläubigen Acosta, der sich daselbst als Gast in guter Gesellschaft befindet, die gräulichsten Flüche an den Kopf zu werfen. Das soll den offiziellen Akt der jüdische» Exkommunikation darstellen! Welch eine Ungeheuerlichkeit von religions- und sittengeschichtlicher Unwahrheit! Doch wir nehmen es hin, meist sogar ohne jede kritische Gegeuregung. Daß auch sehr gelehrte Autoren sich bloßstellen, sobald sie auf Alttestamentliches oder Jüdisches zu sprechen kommen, dafür noch ein Beispiel. In einer Fußnote zu seinen Essahs über Religion bemerkt John Stuart Mill (d. Ansg. von Lchiiiausf'S. 83): „Die Gerechtigkeit gegen die großen jüdischen i Gesetzgeber gebietet uns, eingedenk zu bleiben, daß die Vorschrift:! Liebe deinen Nächsten als dich selbst, bereits im fünftens!) Buche i Moses stand." Ein Druckfehler ist bei dieser Schreibweise kaum anzunehmen, zumal Stuart Mill fortführt: „Und daß cs dort steht, ist in der That sehr überraschend!" Ja, es ist sehr überraschend, wenn ein Autor von dem Range eines Stuart Mill den Fundort eines solchen epochemachenden Satzes nicht beffer kannte oder zu kennen suchte. Hätte er sich dieses mehr angelegen sein lassen, wie es ja wohl geschehen wäre, handelte es sich um ein Diktum irgend eines griechischen 'oder römischen Autors; hätte er den ihm so merkwürdigen Satz im dritten Buche Mosis, Kapitel 19, wo er sich wirklich findet, im Zusammenhang nachgelesen: er wäre vielleicht von der Hoheit und Reinheit der dort verkündeten sittlichen Gebote noch mehr überrascht gewesen, aber nicht darüber, daß der Satz „dori steht". Als scharfsinniger Logiker, der er war, hätte Stuart Mil! unschwer herausgefrinden, daß dieser Satz am angeführten Orte »ich! zusammenhangslos und nicht zufällig steht, sondern daß er dort den ganz konscguenten Abschluß jener Reihe sittlicher Forderungen bildet die ihm vorangehcn, wie dies H. Steinthal so schön und so treffend in seiner Ethik S. 122 ausführt. Ja, bei etwas eingehenderer Be schäftigung mit der Religion des sog. alten Testaments wäre cs Wji auch nicht entgangen, daß folgerichtig das Gebot der Nächstenliebe sich nur aus dem biblischen Monotheismus ergiebt. Doch scheinen uns diese und ähnliche litterarische Sünden unserer wenn ich so sagen soll, Laienschriftsteller meist harmlos und lcicku verzeihlich. Nicht in gleichem Maße harmlos und verzeihlich erschein! uns die Art, wie christliche The vl og en, protestantische und katholisch freisinnige und orthodoxe, das alte Testament citiren oder vielmehr nicht citiren. In den christlichen Predigten und bez. Religionslchr bücher», ja sogar nicht selten in wissenschaftlich sein sollenden Schriften werden alle alttestamentlich en Sätze schlechthin als neutestamentliche citirt, sobald sie auch im neuen Testamente gelegentlich angeführt werden. So wird in einem „mit Approbation sämmtlichcr Erzbischöfe und Bischöfe Bayerns" bereits in vielen Auslagen erschienenen, auch im hiesigen Gymnasium eingeführten „Lehrbuche der