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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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311 machen, irgendwie unangenehm auffallen würden. Sie sind weder laut noch zudringlich, weder kriecherisch noch stolz; unsere Damen kleiden sich nicht luxuriöser als die anderen, unsere Reichen sind eher bescheidener als die anderen; sie beobachten die gesellschaftlichen Sitten so gut wie die blaublütigsten Ritter und die vornehmsten Edelfranen. Und was die Bildung, die Kultur des Herzens anbelangt — nun denn, es sind hier Frauen gewesen, denen Goethe gewiß gern einen artigen Vers am Neubrunnen überreicht hätte, und Männer von sozialer Lebensstellung, von vornehmer Gesinnung und praktischer Klugheit, aus deren Umgang auch jeder „Arier" hätte Nutzen schöpfen können. Die wahre Formel auch für die modernen Juden hat schon Promethens-Goethe gefunden: Ihr seid nicht ansgeartet, meine Kinder. Seid arbeitsam nnd fanl. Und grausam, mild. Freigebig, geizig. Gleichet all euren Schicksalsbrüdern, Gleichet den Thieren und den Göttern! Was mir aber besonders wichtig und charakteristisch erscheint: das Schämen wegen ihrer Abstammung hat bei den modernen Juden nachgelassen, wo nicht ganz aufgehört. Weder zudringlich noch theil- »ahmlos gehen sie ihres Weges. Sie haben ihr Selbstgefühl wieder gefunden. Sie sind stolz auf ihr Judenthum, gerade weil es angegriffen wird. Das ist eine von den Errungenschaften der antisemitischen Periode, die wir ja nicht Unterschüßen dürfen. Immer nnd überall aber müssen wir uns so benehmen, daß man uns keinen Vorwurf inachen könne-wir werden euch keine Vorwürfe machen, wie ihr euch auch uns gegenüber benehmt! Das ist die Hauptsache. Selbstverständlich hat das wiedererwachte Selbstgefühl auch die lange zurückgedrängten Mächte des Glaubens wieder in ihre Rechte eingesetzt. Mancher jüdische Baron oder Kommerzienrath hat den Weg in die Synagoge, den er längst verloren hatte, wiedergefunden. Und das alte Zion kann, wenn es heute die Schaaren der Beter an einem Sabbath in der hiesigen Synagoge überschaut, lvohl mit Verwunderung fragen: „Wer hat mir all' Diese geboren?" Dabei fällt mir eine Bemerkung ein, die ich in der fragmentarischen Weise, auf welche ja ein Badebrief gegründetes Recht hat, hier kurz aussprechen will. Dr. Rippner hat jüngst in seiner geistreichen Weise das synagogale Badeleben gegen die Kultusreform ins Feld geführt. Ich erwiedere ihm in aller Bescheidenheit wie der Schüler dem Rabbi im talmndischen Disput: „Tommer verkehrt!" Gerade das religiöse Gehaben der Badegäste int Kurorte ist ein Argument für die Kultusreform! Ich sehe hier Männer, die zu Hause ihrem Rabbiner wegen der geringsten Neuerungen das Leben schwer machen, an den Klängen der Orgel am Sabbath andächtig sich erheben; ich sehe sogar zelotische Polen, die am Freitag Abend in der Synagoge an dem reformirten Gottesdienst theilnehmen, obwohl sie auch hier ein orthodoxes Privat-Minjan sich eingerichtet haben. Daraus folgt mit logischer Konsequenz der Schluß, daß die Reform des Kultus, soweit sie nicht durch örtliche Verhältnisse gehindert ist, als ein dringendes Bedürfniß sich erweist, demgegenüber auch das starrste Prinzip in die Brüche gehen muß. Es vollzieht sich in dieseni Badeverkehr verschiedenartiger Menschen aus fernen Ländern eine innere Wandlung, eine psychologische Dialektik, wie sie in solcher Strenge nur selten erscheint. Aber es ist eben ein Gesetz fortschrittlicher Entwickelung, die Idee innern Wachsthums, der sie alle gehorchen, gehorchen müssen. Der moderne Kommerzienrath so gut wie der alte Chassidim-Rabbe, die elegante Modedame aus Paris genau so wie die fromme Jüdin ans Czenstochau. So wie sie Alle hier aus einem Sprudel Genesung schöpfen, so müssen sie Alle auch zu einem Quell religiösen Heils wiederkehren, um geistig gesund zu werden. X. U Fitterarische Mitthellungen. * Gesammelte Schriften von Ludwig Philippson. Herausgegeben von Dr. M. Philippson. Lieferung 13 —16. (Breslau, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-Anstalt, vorm. S. Schottlaender.) Zu den Schriftstellern, die viel zu wenig gelesen und gewürdigt werden, und es doch verdienen, der großen Masse des deutschen Volkes vertraut zu sein, gehört auch Ludwig Philippson. Das empfindet man lebhaft bei der Lektüre feines historischen Romans „Sepphoris und Rom", dessen Fortsetzung die vorliegenden Lieferungen der „Gesammelten Schriften" enthalten. Der Roman spielt im vierten Jahrhundert und erweckt ebensowohl durch die anschauliche Schilderung der geschichtlichen Ereignisse und der Denkweise und Lebensverhältnisse einer weit 3imtcfliegenden Epoche, wie durch die Gestaltung und Entwickelung der Charaktere und die spannende Fabel das Interesse des Lesers. —- Dem verdienstvollen Unternehmen der Verlagshandlung ist der beste Erfolg zu wünschen. * Ein neues Konversations-Lexikon ist mit den: ersten Bande an die Oeffentlichkeit getreten — oder vielmehr eine neue, die 14. Auflage des hundertjährigen Stammvaters aller ähnlichen deutschen Werke: Brockhaus' Konversations-Lexikon. Der erste Band der ersten Auflage des alten berühmten Hausfreundes des deutschen Volkes wurde nn Jahre 1796 herausgegeben. Der anfängliche Erfolg ließ allerdings in keiner Weise die spätere weite Verbreitung ahnen, und das Unternehmen war am Eingehen, als Friedrich Arnold Brockhaus, der Begriinder der Firma, es kühn aufgriff und seine schöpferischen Ideen darin verkörperte. Was Brockhaus' Konversations-Lexikon in diesem ganzen Jahrhunderte für das deutsche Volk gewesen ist, bildet einen interessanten Theil deutscher Kulturgeschichte. Jede neue Auflage, und in besonders hervorragender Weise die jetzige 14. Auflage, zeigt, daß die Firma, deren Weltstellung durch das Werk begründet worden ist, unablässig an der Verjüngung l desselben arbeitet und immer neue Gedanken darin zum Ausdruck bringt. Was bisher technisch unmöglich schien, ist durch eine Musterleistung der graphischen Geschäfiszweige der Firma ermöglicht worden: das Werk beginnt, statt mit einem drinnen Hefte, sogleich mit einem umfangreichen kompletten gebundenen Bande zu erscheinen. Derselbe präsentirt sich schon äußerlich sehr vortheilhaft: Druck, Papier und Einband sind gleich vorzüglich. Beim Durchblättern sticht die Fülle der Abbildungen ins Auge. Dieser Band enthält nicht weniger als 71 Tafeln, darunter 25 Karten und Pläne und 8 Ehromotaseln, von denen besonders die letztern künstlerisch und technisch geradezu Unübertroffenes bieten. Die drei Doppeltafeln mit Völkertypen, welche die großen Artikel Afrika, Amerika nnd Asien illustriren, bieten nicht das übliche braune Einerlei sich ähnelnder Köpfe, sondern zeigen die feinsten Nüancen der thatsächlichen Farben der verschiedenen Rassen. Noch viel ließe sich über die planmäßig zusammengestellten bunten und in vorzüglichem Holzschnitt ausgeführten Abbildungen sagen, doch fordert auch der Text sein Recht. Hier ist ein System zur erstmaligen Durchführung gelangt, welches dem Ideale eines derartigen Werkes, der gemeinschaftliche Ausdruck der gesummten Geisteskultur der Menschheit zu sein, nahe kommt. Durch dieses System allein ist es möglich geworden, in diesen: ersten Bande anstatt der 3800 Stichworte der 13. Auflage deren 6800 unterzubringen, ohne daß die Lesbarkeit und Verständlichkeit der Artikel gelitten hätte. Dadurch allein ist auch erreicht, daß jedes Wissensgebiet die ihm im Verhältniß zu den anderen zukommende Behandlung erfährt und nicht etwa die Artikel in den Schlußbänden büßen müssen, was darin im Anfänge zu viel gethan worden ist. Unter den 350 Mitarbeitern der neuen Auflage beffnden sich, wie wir hören, erste Autoritäten der einschlägigen Gebiete, und die Artikel entsprechen in jeder Hinsicht ihrem Zwecke und dem neuesten Standpunkte der Wissenschaft. Die Artikel über Juden und Jndenthum sind objektiv und richtig, was mall von anderen Werken dieser Art nicht immer be-

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