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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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312 haupten kann. Zu all diesen Vorzügen kommt noch der bei dem Reichthmn des Gebotenen sehr mäßige Preis. Jeder der je 1000 Seiten starken 10 Bände mit insgesammt 9000 Abbildungen auf 900 Tafeln und im Texte kostet gebunden mit Lederrückeu und Lederdecken 10 Mk., doch ist das Werk auch in 265 Heften zu 50 Pf. nach und nach zu beziehen, um weniger Bemittelten die Anschaffung zu erleichtern. Wir behalten uns vor, bei dem Fortschreiten des Werkes öfters auf dasselbe zurück" zukommen, können es aber schon jetzt unseren Lesern aufrichtig empfehlen ^rnl Morgenlande lebte einst ein Weiser, Cn Ein stiller Meister, ein Prophet der Liebe, Ter Sanftnmth und der Duldung frommer Lehrer. Zu seinen Füßen saßen ernst intb schweigsam Von Nah und Fern die vielgetreuen Schüler, Ten süßen Worten seines Mundes lauschend, Tem mild und klar der Weisheit Born entströmte. Da horchte Jeder sinnend auf und suchte Des Meisters Wort ins offene Herz zu fassen. Damit von dannen er gebessert wandle. Und besser war er schon, wenn er empor nur In dieses Weisen edle Züge blickte. In dieses Antlitz, voll der reinsten Güte, Der Herzenseinfalt und des Seelenfriedens, Das ehrfurchtsvoll im Schmuck des weißen Bartes, Im Schmuck der greisen Silberlocken prangte. Versöhnung war des Meisters ganzes Wesen, Und wenn er sprach, da leuchtete sein Auge, Sein Angesicht war wie verklärt vom Scheine, Vom ros'gen Abglanz höh'rer Himmelswonne: So glich er fast dem Seher aus der Vorzeit. Und wieder hat auf einen Tag versammelt Der hohe Meister seine treuen Jünger, Um in dem reichen Wechselstrom der Nede Sich über Geist und Inhalt des Gesetzes, Wie über Gott und Welt und Weltregierung Belehrend zu ergehen, bis er endlich Auf's Himmelreich und auf des Lebens Fiihrung Zu sprechen kam und also tröstend fortfuhr: „Es steht geschrieben: Liebe Deinen Nächsten! Doch wie? Wie sollst Tu Deinen Nächsten lieben?. Tu sollst ihn lieben wie Dich selbst, so heißt es Nim fragt Ihr wohl: Wer ist denn unser Nächster? Ich sage Euch: Wer Euerer Bruderhilfe Bedürftig ist und der auch, dessen Wunden Zu heilen Ihr vermöget, zu verbinden. Und heilig sei Euch Eu'res Nächsten Leben Wie Euer eigenes, da der Mensch vom Ew'gen Geschaffen ward in seinem Ebenbilde: So sündigt der, der wider seinen Bruder Die Hand erhebt und Böses von ihm redet. An Gott und seinen! Werke, das sein Eigen. Im Geiste Gottes sind wir Alle Brüder, E i n Herz, e i n Fleisch, e in Blut und eine Lehre Ward allen Menschen als ihr Theil gegeben. Das Gottesreich auf Erden zu begründen." Und wieder sprach ein anderrual der Meister: „Es trat zu mir aus offnem Markt ein Heide Und ging nlich an, ich solle ihn das ganze Gesetz in Kürze und in Eile lehren. So lange er auf einem Fuße stehe; Dann wolle er von seinem Glauben lassen Und sich zu meinem überzeugt bekennen. Was glaubt Ihr wohl, das ich dem Mann' erwiedert? Ich sagte ihm: Was Dir, mein Sohn, nicht lieb ist. Was Dir verhaßt, das thu auch nicht den Andern! Hierauf beruht die ganze Gotteslehre; Dies ist der Grund, die Wurzel, alles Andere “- g i U e l. Ist nur Erklärung: Jnn'ge Menschenliebe, Die Liebe zur Gesammtheit ist das Wesen Der Neligion, sie ist das Wesen Gottes, Und Gott erkennen heißt nichts Anderes, als ihn Mit ganzem Herzen lieben, denn die Liebe Wird wieder nur durch Liebe ganz ergründet." Und wieder sprach ein andermal der Meister: : „Barmherzigkeit und Mitleid und Verzeihung! Das Herz ist Staub, mit Thränen angefeuchtet, Sticht Stahl und Stein, und Ihr sollt Eu'rem Gotte, Dem Ewigen, nachwandeln freudigen Herzens. Siömtt Ihr das wohl? Ich sage Euch, Ihr könnt es. Wenn Ihr wie er barmherzig seid und gnädig. Denn er, der groß an Gnade ist und Mitleid, Er neigt zur Gnade gütig hin die Wage, Wenn schon das Zünglein schwankend sich will senken: Aus seinen! Vaterherzen strömt die Milde Wie Balsam lindernd auf die Seelenwunden Der armer! Siinder, die zu ihn! sich wenden Und um Vergebung ihrer Sünden bitten. Was Einer thut, das trifft ihn selbst! Wie glücklich Ist der, der nicht gesündigt hat! Wer aber Gesündigt hat, der bessere sich, auf daß ihm Vergeben werde in dem ew'gen Leben." Und wieder sprach ein andermal der Meister: „Seid von den Schülern Arons: also seid Ihr Des Friedens Freunde, Freunde aller Menschen Und dem Gesetze nähert Ihr die Herzen! Die schließen sich dann fester an einander,; Vom heil'gen Band der Lehre mild umschlungen. Und Heil entsprießt dann ihrem frommen Wandel: Ein guter Name ist ihr Lohn auf Erden .... i So soll es sein, doch hört auf meine Worte: i Jedweder Mensch, der einen guten Namen; Sich hier erwirbt, erwirbt ihn für sich selbst nur, i Wer aber sich die Kenntniß des Gesetzes j Mit Fleiß erwirbt, verdient das ew'ge Leben, j Gesetz und Lehre, Schrift und Offenbarung!! Ist denn nur einmal Gott der Welt erschienen? j Ich sage Euch, er steigt noch heut' hernieder! In alle Herzen, die nach ihm verlangen. Und die ihn suchen, werden ihn auch finden.; Ward Offenbarung uns denn nur gegeben,; Um sortzulebeu auf vergilbten Blättern,! In todten Zeichen eingesargt, begraben?! Lebendig ist der Geist und lebenschaffend, Turch's weite All in Strömen ausgegossen Berührt er sluthend auch die Menschenseele, Und Offenbarung ist auch die Vernunft.! Wenn Ihr Euch still und ernst versenkt mit Andacht! Ins heil'ge Wort der großen Gotteslehre, > Dann wird der Geist am Geiste bald lebendig j Und feiert endlich seine Auferstehung:! Zum ew'gen Leben kommt Ihr durch die Lehre,! Jedoch zur Lehre nur durch die Vernunft!" Und wieder sprach ein andermal der Meister: „Ich eile täglich aus der Lehrversammlung Stach Haus, um einen lieben Gast zu pflegen. Ihr fragt: Wer ist der Gast denn, lieber Meister: Ich sage Euch: der Gast ist meine Seele, Die muß, so lang' ich mit der Welt verkehre. Zurückgedrängt sich fügen, aber endlich Verlangt sie doch ihr Recht: es muß ihr werden! Dann pfleg' ich Rath mit meiner reinen Seele Und lausche still in mir den leisen Stinnnen, Die heben an in: Flüsterton zu sprechen: Wenn ich nicht mir, wer denn mir? Niemand sonst! Wenn ich allein ftir mich, was bin ich dann? Und wenn nicht jetzt, wann denn? .... So aus der Tiefe Erheben sich geheimnißvolle Fragen. Die Räthselworte such' ich Euch zu lösen: In rneinem Innern ankert tief ein Etwas, Das ist!nein Ich, mein eig'nes geist'ges Wesen, Das denkt in mir und macht!nir erst zu Eigen, Was außer mir in Raum und Zeit gewesen. Und was da ist: Kein Andrer denkt für mich! Ich selbst muß selbst die Welt mir neu erschaffen. In meinem Geiste bau' ich sie mir auf: Wer außer mir kann denn für mich sie denken? So seh' ich sie mit meinen eig'nen Augen, Und soll den Blinden nicht den Weg ich zeigen? Geschrieben steht: Wohlan denn. Alle, die Ihr Bedürftig seid und durstig, kommt zum Wasser . . . Mein Geist umspannt in sel'gem Drang die Menschheit! Von ihr Hab' ich mein bestes Theil empfangen. An Leib und Seele trag' ich ihre Spuren, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft, Sie haben mich zum reifen Mann gebildet. So will ich denn zum Dank der Menschheit geben Das wen'ge Gute, das ich selbst empfinde, Das selbst ich bin, und das ich selbst noch habe. Und wenn nicht jetzt, wann denn? Es steht geschrieben: Die Eifrigen sind früh bereit zum Guten, Denn Niemand weiß, ob er's noch morgen thun kann. Sv aber Einer ineint, daß mehr er thue. Der Andre aber weniger, so wisset: Thu' Einer mehr davon, thu' Einer wen'ger: Darauf nur kommt es an, daß stets in Dennlth Das Herz gerichtet sei auf Gott im Himmel!" — So lehrte einst vor vielen hundert Jahren Ein weiser Meister fern im Morgenlande Die stille Schaar der wißbegier'gen Jünger Bescheiden, anspruchslos und ohne Aufsehn: Ein Seelenarzt, ein Freund und ein Berather. Des Guten Saat, er hat sie ausgestreut und Getragen ward sie von den treuen Schülern In alle Welt und eingesenkt geräuschlos Im Herzensgrund von Millionen Menschen, Allwo sie keimte langsam im Verborg'nen. Bis eines Tages nach des Meisters Tode Ein Schüler aufstand, der vom Meister abfiel. Und Ernte hielt auf fremdem Feld mit Andren. I)r. 8. A. Weiss. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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