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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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310 „Und Du. Marie?" „Ich werde Dir folge», wohin Du gehst, bis an das Ende der Welt! bis wir eine Stätte finden, wo Du Deinem, ich meinem Glauben nachleben darf!" „Marie," rief Josef, „was räthst Du mir! Du, eine fromme Ehristin!" „Bor Allem bin ich Dein Weib, bin Mutter! Dir gehöre ich an, wohin Du gehst, muß auch ich gehen; was Dein Friede nothwendig macht, muß auch mir gefallen. Was soll aus unserem Kinde werden, wenn die elterliche Liebe seiner Jugend fehlt und Zweifel, Mißtrauen statt Vertrauen unb gläubige Zuversicht in seine junge Seele gepflanzt werdend Nein, Josef, ich sehe, welche Verwirrung die Erinnerungen Deiner Kindheit in Deine Seele gebracht haben; laß nns unser Kind davor bewahren; suche Dir einen andern Ort, wo Du den Einwirkungen, unter denen Du bisher geseufzt hast, überwinden kannst, und thue, was der Friede Deiner Seele fordert." „Und Du kannst Dich von dem Orte Deiner Geburt, von Deinem Vater trennen?" „Mein Vater wird mich nicht verdammen, wenn ich meine Pflicht thue; das Weib aber hat eine oberste Pflicht, zu ihrem Manne zu stehen und bei ihin auszuhalten in Bedrängnis;, Roth und Gefahr bis an den Tod!" Kurze Zeit darauf erzählte man sich in dem Dorfe, daß Josef sein Haus verkaufen werde. Der alte Niederhuber war billigerweise erstaunt, eine ihn so nahe berührende Neuigkeit aus fremder Leute Mund zu vernehmen, und er schenkte dem Gerücht auch keinen Glauben. Die alte Brigitte schlug die Hände über dem Kopf zusammen über die Bosheit der Leute, und was solche Müßiggänger, die dem lieben Herrgott den Tag stehlen, nicht alles für freche Lügen aushecken nnd aussinnen. Selbst Houza, dessen Blick in den meisten Fällen weiter reichte als der seiner Umgebung, schwur in seinem Aerger, es solle ihm nur Niemand mit solchen Ammengeschichten in die Fleischbank kommen, er sei im Stande und haue so einem frechen Maul mit dem Hackmesser den Schädel ein — und doch war das Gerücht keine müßige Erfindung. In aller Stille war der Verkauf vor sich gegangen, und während der Niederhuber spöttisch lächelte, Brigitte sich verwunderte und Houza sich ärgerte und fluchte, daß mau über Josef solche Alte-Weiber-Geschichten in die Welt setze, war das Haus bereits grundbücherlich an den Käufer übertragen und eingezeichnet. Josef und Marie hatten die Vorbereitungen zu ihrer Abreise in aller Heimlichkeit veranstaltet und hatten dieselbe endlich mitten in tiefster Nacht, wo Alles im festen Schlafe lag, ins Werk gesetzt. Als ob sie Verbrecher wären, flohen sie aus ihrer Heimathstätte unter dem Schutze des nächtlichen Dunkels, und waren weit, weit fort, als sich das Gerücht von ihrer plötzlichen Abreise, welches die früheren Gerüchte an Merkwürdigkeit noch überbot, des andern Morgens im Dorfe verbreitete. Da brauchte nun nichts mehr auf ein eitel Geschwätz und Gerede gegeben werden, es konnte sich Jeder, der Lust hatte, mit eigenen Augen überzeugen, daß von einem Josef, von Marien, sowie von dem kleinen Nannchen nichts zu sehen und nichts zu entdecken war. Nicht nur das Haus war verkauft, sondern auch Alles, was sich darinnen befand: Tische, Bänke, Stühle, Schränke und Kasten, Betten und Geräthschaften, kurz Alles, was zur Einrichtung eines Hauses gehört, und womit sich die Flüchtigen auf der Reise nicht schleppen konnten. Alles stand da und gaffte das Haus an, als ob da ein Wuuderthier zu sehen gewesen wäre. Der alte Niederhuber wußte weder, was er thun, noch was er denken solle, ob er wache oder träume, Brigitte suchte jeden Winkel ans, um die Verlorenen auszufinden, als ob es sich hier um ein bloßes Versteckenspielen gehandelt hätte, der Görg lachte höhnisch und voll Schadenfreude, Honza aber stand erschüttert von dem mächtigen Eindruck, den das Ereignis; auf ihn gemacht. Den alten Niederhuber, den guten Vater, so zu hintergehen, ihn zu verlassen, zu fliehen, ohne ihm ein Wort des Abschiedes zu sagen, ohne eine Zeile zurückzulassen, die ihm zur Aufklärung des räthselhaften Thuns und vielleicht auch zum Tröste hätte dienen können, das hatte er von Marien, das hatte er von Josef nicht erwartet. Mit stiller Demuth hatte Honza zu Marien stets emporgeschant, mit gläubigem Vertrauen hatte er sich ihrem Manne, dem guten Josef hingegeben, und nun diese Beiden — Josef ein Verräther, Marie eine Verrätherin! Dies war zu viel, dies mußte seinen Glauben an die Menschheit aufs Tiefste erschüttern! Wie gern war er hingegangcn und hält' es ausgerufen in alle Welt, daß man allenthalben es hören konnte: Was steht Ihr da, Ihr Gaffer? was wollt Ihr denn? was giebt's denn da zu staunen? hat in seinem Leben noch kein Mensch ein Haus verkauft? und sieht dies Haus denn heut etwa anders aus als gestern und vorgestern? und hat sein Lebtage Keiner eine Reise gemacht? weil's kalt ist? was ist denn mehr? ist denn Jeder so ein Faulpelz, wie Ihr es seid? — ja, wie gern hätte er dies und Aehnliches dem gaffenden Volke zugerufen, wenn er es nur aus innerster Ueberzeugung hätte thun können. Er konnte ihnen nicht Dinge vormachen wollen, au die er selbst nicht glaubte. Sie waren heimlich entflohen, Josef und Marie, heimlich! Was ließ sich da bemänteln und vertuschen! Die Thatsache lag nun einmal da offen vor Aller Augen nnd lies; sich nicht wegleugnen und nicht wegräsonniren. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Karlsbads. ii. Im vorigen Badebrief habe ich meinen Lesern einen flüchtigen Einblick in das Kurleben Alt-Karlsbads eröffnet. Das hat sich nun Alles geändert in dieser neuen Zeit. Nirgends kann man die Verwüstungen, die der Antisemitismus augerichtet hat, so deutlich wahrnehmen, als gerade im Badeleben. Nimmt man die unteren Schichten aus, in welchen die Anknüpfung einer Bekanntschaft ja nicht durch Formenztvang erschwert wird, und die Künstler- und Litteratenkreise, die sich über diesen Formenzwang gestellt, so muß man sagen, das; in unsere guten gebildeten Kreise eine Entfremdung hineingetragen wurde, die zu Goethes Zeiten merkwürdiger Weise nicht vorhanden war. Und auch selbst da, wo diese Entfremdung nicht herrscht, ist ein gewisses Angstgefühl, eine prüfende Vorsicht an dessen Stelle getreten, die einen harmlosen Verkehr, eine intimere Freundschaft nur selten aufkommeu lassen. Die modernen Juden vermeiden gewiß gern jeden Separatismus; sie haben in ihrer Lebensführung nichts, was sie von den Nichtjuden unterscheidet, Und doch sind sie jetzt mehr oder minder gezwungen, im Bade meist mit einander zu verkehren. Woher kommt das? Einfach, weil die Anderen — uns nicht haben wollen! Und doch hat eine Mischung der Elemente gerade in Deutschland für Litteratur, Kunst und Geselligkeit so große Bedeutung gehabt! Es wäre traurig, wenn die Spannung der Gemüther andauern, wenn das Vertrauen nicht wiederkehren sollte, das die Blüthe der Humanität ist, welche unsere Dichter besungen, unsere Philosophen gelehrt haben. Es ist natürlich, daß man in solchen Zeiten mit besonders kritischem Auge sich selbst und die Seinen prüft. Aber wie streng ich auch diese Prüfung durchführe, ich kann nicht sagen, daß die Inden im hiesigen Badeleben, wo sie doch einen integrirenden Theil aus-

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