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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
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306 Zerstörung des jüdischen Staates die Juden auf allen Gebieten von Kunst, Wissenschaft und Verkehr die allerbedeutendste Vermittlerrolle gespielt haben, was ihnen eben gerade durch ihre Stellung als Haudelsvolk möglich gemacht wurde. Es wäre zu wünschen, daß sich bald ein Historiker finden möge, der diesem Gegenstände die gebührende Aufmerksamkeit znwendcn und uns eine auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebautc Geschichte des mittelalterlichen Handels der Juden liefern würde. 9 FEUILLETON *»- Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) So ging es immer dem guten Josef. Einer reinen, herzinnigen, ungetrübten Freude war er nicht mehr fähig. Ueberall gab es einen Stachel, der ihn verwundete und ritzte, wenn er sich auch noch so ungetheilt ttub unbefangen der Freude hinzugeben vermeinte. So ging es immer, dem guten Joses, inunerfort boten sich Veranlassungen, bald in seinem eigenen Hause, bald drüben im Hause seiner Kinderzeit, die ihn durch den Gegensatz seines Verhältnisses zur alten und neuen Heimath niemals zur Ruhe kommen ließen; es war ein Riß durch sein Herz gegangen, der sich nun einmal nicht wieder schließen wollte, und so verfloß ihm ein Tag nach dem anderen, und so verrann ihm die Zeit der Jugend und der hellen Freude, durch welche sich ein schwarzer Faden der Traurigkeit unabreißbar hindurchzog. Der alte Niederhuber. Honza, Brigitte, vor denen Josef den Trübsinn seiner Seele auch nicht immer zu verbergen im Stande war, quälten Marien gar oft, ihnen doch zu sagen, was es denn mit ihrem Manne gebe, ob sie mit einander heimlich vielleicht nicht glücklich seien, ob sie vielleicht doch für einander nicht passen und jetzt aus Scham, es vor der Welt zil gestehen, ihren Kummer lieber heimlich mit sich herumtragen, und es miisse doch etwas Vorgehen, der Josef gehe ja manchmal so umher, als ob ihm ein Schiff im Meere untergegangeu wäre, und das sei nicht umsonst, einen Grund, eine Ursach müsse sein kopfhängerisches Wesen wohl haben, und sie werde es wohl wissen, der Manu werde seinem Weibe doch wohl schon geklagt haben, was ihm nicht recht sei, und sie solle sich nicht schämen und es nur frei heraussagen, vielleicht ließe sich mit wenig Mittel, vielleicht mit Anstrengung, Abhilfe treffen, und wenn sie wirklich nichts wisse, so sei das um so schlimmer, sie müsse es wissen, ein Weib muß wissen, was dem Manne fehlt, wenn er traurig oder niedergeschlagen ist, und lvenn er selbst den Mund nicht öffnet, so habe sie die Pflicht, ihn zum Reden zu bringen, sie solle ihn nur herzhaft fragen, und wenn er ihr nichts gestehen will, solle sie nur in ihn dringen, und er werde ihr schon am Ende sagen, wo ihn der Schuh drückt. Das sei ihre Pflicht, das sei keine bloße Neugierde, das sei ein Weib sich schuldig, sie fei es schuldig dem Frieden und der Ruhe des Hauses, und wenn nicht sich selbst, so müsse sie es dem Kinde zu Gefallen 11)11», das Kind werde mit jedem Tag älter, es sei ein gescheidtes Kind, und es werde gar bald auch anfangen zu merken, daß im Hause irgend etwas nicht recht sei, es sei dies für die Zukunft des Kindes gefährlich, wenn es unter einer solchen Spannung heranwachse, und was denn ans dem Nannerl werden solle, wenn es den Vater immerfort traurig sieht, wie das Kind mit der Zeit selber verdüstert werden müsse, und das Alles miisse anders werden; und es tonne anders werden, wenn Marie sich nur ein Herz fassen nnd ihn einmal nur recht fragen wolle, und was denn überhaupt dran sei, wenn sie ihn frage, er werde sie nicht fressen und dergleichen noch mehr in dieser Art. Sie bestürmten Marien so lange und so heftig, bis sie ihnen versprach, ihr Schweigen zu brechen und Josef um die Ursache seines Kummers zu fragen. „Recht so," sagte der alte Niederhuber, „heraus muß es; wir wollen wissen, was es giebt." „Und wenn er vielleicht gar bereut, daß er Christ geworden ist," sagte Honza. „Red kein' solchen Unsinn" — unterbrach Brigitte den Fleischhauergesell, der schon der Gedanke an die Möglichkeit eines solchen Gedankens ein Gräuel war, „red mir kein' solchen Unsinn, Honza! Bereuen wird er's! Bon wessen wegen? hat er denn nicht erreicht, was sein Herz verlangt?" „Doch manches auch verloren, was sein Herz nicht weniger verlangt," warf Honza leicht hin und ging. Marie aber mußte nochmals das Versprechen geben; Niederhuber und Brigitte waren nicht früher beruhigt. Sie war auch entschlossen, ihr Versprechen zu halten und wartete nur auf eine passende Gelegenheit. Diese sollte nicht lange ausbleiben. Nannerl war bereits im vierten Jahre, und die Mutter hatte den Zeitpunkt, da das Kind fähig wurde, von den Dingen der Außenwelt Einiges zu erfahren, nicht verabsäumt, die Gedanken desselben auch nach oben, nach dem Himmlischen zu lenken. Sie hatte das Mädchen das Kreuz schlage» gelehrt und ihm früh morgens, wenn es erwachte, und abends, wenn es zu Bette ging, das „Vaterunser" und den „englischen Gruß" vorgesagt, wie es jede christliche Mutter thut, um ihrem Kinde frühzeitig die Ahnungen einer überirdischen Welt und einer übersinnlichen Macht in das Gemülh zu pflanzen. Eben geschah es nun wieder, daß Marie dem Kinde, welches die Hände gefaltet, aufrecht im Bette stand, das „Vaterunser" und „Gegrüßt seist Du Maria" Wort für Wort vorsagte und von dem Kinde jedes Wort nachsprechen ließ, als Josef, der den Kopf in die Hand gestützt, am Tische saß, einen leisen Seufzer vernehmen ließ. Wie sollte er nicht seufzen, der arme Mann! Wie sollte ihm da nicht wieder die Erinnerung heraufsteigen an jene längst entschwundene selige Kinderzeit, da er selber vor dem Schlafengehen so im Bette stand, und seine Mutter ihin das Abendgebet ebenfalls Wort für vorsagte. Und wie hat doch das Gebet aus seiner Kinderzeit, welches erquickend von den Lippen seiner Mutter floß, ganz anders geklungen als diese Worte, die sein liebes Kind da nachsprach, nnd die ihn so fremdartig berührten, als ob er selber sie niemals noch gesprochen hätte, weil er von ihrem Inhalt niemals ernstlich getroffen worden war. Wie klang doch das Gebet aus seiner goldenen Kinderzeik? er hatte es noch im Gedächtniß, freilich könnt er's noch nicht vergessen haben, denn er summte cs vor sich hin: Der Engel, der mich erlöset hat von allem Bösen, er segne alle Knaben — mich hat er nicht gesegnet! — sprach eine Stimme in seinem Innern — mich hat er verflucht! — und bei diesem Gedanken entrang sich seine'. Brust der Seufzer, der von Marien nicht ungehört blieb. Sie be endigte vorerst das Gebet mit dem Kinde, legte es dann, gab ihm noch einen Kuß zur „guten Nacht", trat dann leise zu ihrem Manne und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Josef!" sagte sie, „sag mir doch, was hast Du, das Dich alleweil so traurig macht?" „Was willst Du, Marie," erwiederte er, „ich bin nun einma: kein lustiger Mensch." „Kein lustiger Mensch! Josef! verlang ich denn von Dir, daß Du im Zimmer herumspriugen sollst? Wärst Du nur gut aufgelegt, nur heiter!"

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