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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
Seite 307 (sequence 7)
Language
German
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Dieser, der neben den beiden fränkischen Edelleuten selbstverständlich nur die Rolle eines Dolmetschers spielte, verstand die arabische Sprache, ein Umstand, aus dem wir schließen dürfen, daß er schon früher wohl zu öfteren Malen zu Handelszwecken den Orient besucht hatte. Nur dem Umstande, daß Lantftid und Sigisnrund unterwegs verstorben, verdankt es Isaak, tdaß er in die Stelle eines ordentlichen Gesandten aufrückt, während er eigentlich nur infolge seiner Landes- und Sprachkenntniß der Gesandtschaft als Begleiter beigegeben war. Ferner wird uns aus der Zeit Karls des Großen noch eine Anekdote erzählt, die ebenfalls aus den jüdischen, orientalischen Großhandel hinweist. Der Bischof Richulf, der von 787 bis 813 das Mainzer Erzstift regierte, war beim Kaiser Karl nicht gut angeschrieben, und da dieser ihm einmal einen Streich spielen wollte, so befahl er einem jüdischen Kaufmann, der sehr oft nach Palästina kam, um von dort kostbare und unbekannte Dinge > nach dem Abendlande zu bringen, den Erzbischof Richulf gehörig zu betrügen. Der Jude kam mm zu diesem und brachte ihm ein kleines, schwarzes, fast eine Hand langes Thier, das er nach seiner Aussage ans Judäa selbst mitgebracht habe, und das in Europa noch nie gesehen worden sei. Der heilige Mann, der außerordentlich wünschte, eine solche Seltenheit in eigenem Besitze zu haben, zahlte für das Thier eine ungeheure Summe. Aber wie erstaunte er unwillig, als seine Bekannten, denen er das wundersame Geschöpf zeigte, wie aus einem Munde ansriefen: „Aber, lieber Richulf, das ist ja eine ganz gewöhnliche Maus!" Es ist selbstverständlich, daß wir es hier nicht mit einer wahren Erzählung zu thun haben, sondern daß die ganze Anekdote in das Reich der Fabel gehört. Aber es ist charakteristisch sür den Gesichtskreis des Erzählers, daß es für ihn ebenso wie für seine Leser selbstverständlich war, daß ein Jude regelmäßig nach Palästina fährt, um von dort Kostbarkeiten und Spezereien nach Europa zu bringen. Höniger hat demnach Recht, wenn er unter den „species“, die nach den Mittheilungen Gregors von Thours in den Hände>r jüdischer Kansleute waren, orientalische Produkte verstanden wissen will, und seine Vermuthung, daß der in allen älteren Städten vorkommende Pfesferzins der Juden auf ihren früheren 'Großhandel mit orientalischen Spezereien Hinweise, wird dadurch allmählich zur Gewißheit/) Dieser jüdische Großhandel, besonders aber die durch Israeliten lheils erhaltenen, theils neu angeknüpften Verbindungen haben nicht nur orientalische Luxusartikel dem europäischen Westen und Norden zitgeführt, sondern vor Allem für Mitteleuropa die Bedeutung gehabt, daß sich an geeigneten Punkten des deutschen Landes Centren für Handel und Kauf bildeten, welche sich allmählich zu Städten entlvickelten. Denn nicht der Machtwille eines Königs oder die Furcht vor einem Feinde gründet die Städte; „denn sturmfest steht der Boden, den wir bauen"; sondern Handel und Gewerbe sind die eigentlichen und wahreir Städtegründerinnen. Und wenn auch Lombarden, Syrer und Kawertschen ebenfalls als mittelalterliche Kaufleute nicht gerade die geringste Rolle spielen, so liegt doch außer allem Zweifel, daß gerade am Eingänge des Mittelalters die Juden die hauptsächlichsten Handelsleute waren. Arnold macht in seiner Verfassungsgeschichte der deutschen Freistädte') die Bemerkung, daß zu 0 Vgl. Höniger: Znr Gesch. d. I. im früheren Mitt. Geigers Ztschr. Bd. I, S. 82. 0 2. Bde. 1854. dem Begriffe einer Stadt in jener älteren Zeit die Juden direkt hinzugehörten, und es ist wohl mehr als ein bloßer Zufall, wenn in Köln das RathhauS mitten im Judenvicrtel lag. Und ebensowenig ist der Zusammenhang zwischen den beiden Thatsachen zu verkennen, daß es im inneren Theile des Herzogthnms Sachsen nur wenige bedeutendere Städte gab und wiederum die Juden in diesen Gegenden nur sehr spärlich wohnten, was wir getrost aus dem Umstande schließen dürfen, daß das sogenannte „Judendeutsch" überhaupt keine niederdeutschen Formen enthält. Eine Sache aber verdanken die Deutschen überhaupt nur dieser Einwanderung jüdischer Geschäftsmänner in ihr Land, und das ist die Entstehung eines selbstständigen, deutschen Kaufmannsstandes. Diese fällt freilich in eine verhältnißmäßig späte Zeit, denn noch zu Ludwigs des Frommen Zeiten war der Judenmeister, wie es scheint, ein und dieselbe Person wie der magister lneividonun. Auch wissen wir, daß eben dieser Kaiser im Jahre 828 ein Privileg einigen wenigen Kaufleuten gab, von denen besonders hervorgehoben wird, daß sie nicht Juden, sondern Deutsche waren: „Man solle dieselben nicht beunruhigen oder verleumden, sie etwa unter dem Vorwände einer Dienstleistung für den König ihrer Schiffe berauben, sondern ganz so wie den Juden solle es ihnen freistehen, nach ihrer Weise der königlichen Pfalz zu Diensten zu sein." Und ebeir unter der Regierung desselben Kaisers hatte (im I. 820) ein gewisser Ernald den Auftrag erhalten, in den Wohnungen aller Kaufleute, seien es nun Christen, oder seien es Juden, nachzuspüren, ob sich irgend welches Gesindel in denselben heruiudrücke. Freilich tvird der größte Theil jener christlichen Kaufleute der syrischen Nation angehört haben, deren Antheil am orientalischen Handel zwar bedeutend geringer als derjenige der Inden war, aber keineswegs zu unterschätzen ist. Soviel ist sicher, daß sich schon am Ende der Regierung Karls des Großen die ersten Anfänge zu eineni wohlgegliederten Bürgerleben und einer rührigen, deutschen Kaufmannschaft unter dem Einflüsse jüdischen Handels und im Anschlüsse an denselben zu entwickeln beginnen. So halfen die Juden unbewußt und ohne zu wollen, jene Stände zu schaffen, die später einmal, als sie zur Zeit der Kreuzzüge sich genügend gekräftigt hatten, um jüdischer Beihilfe enthoben sein zu können, den Kampf gegen das Judenthum als soziale, politische und religiöse Gegner, in jener fürchterlichen Weise aufnehmen sollten, die wir unter dem Namen des „Mittelalters" zur Genüge kennen. Am Anfänge des Mittelalters sind für Deutschland die beiden Begriffe Jude und Kaufmann, sozusagen identisch, eine Wahrnehmung, die besonders aus dem Ilinstande erhellt, daß zuerst etwa um 815 von einem Juden die Rede ist, der nicht Kaufmann ist.') Es würde aber zu weit führen, und geh öd t auch nicht mehr in den Rahmen dieser Arbeit, wollten wir des Genaueren entwickeln, wie sich der deutsche Handel aus dem jüdischen entwickelt, ihn allmählich verdrängt und vernichtet hat, wie endlich ans den religiösnationalen Unterschieden jene Kluft sich entwickelte, die es bewirkte, daß der Jude vom Handel ausgeschlossen wurde, so daß ihm nur noch das Zinsgeschäft und die Pfandleihe übrig blieben. Aber wir wollten uns eben nur das vor Augen führen, daß der Handel der Juden im Anfänge des Mittelalters bis in die Zeit der sächsischen und salischen Kaiser eine der bedeutendsten Kulturmächte in Deutschland war. Es ist dies um so mehr hervorzuheben, tveil seit der lj Es ist dies: Salzburger Formelbuch Nr. 88. Ein Erzbischof bittet einen Grafen, illuin medicum iudaicum vel scluvianiscum di., sicut nufier in illo loco vos rogavimus, quando loquebaiimr, ol illo episcopus vester fidelis vos postulavit antea, petirnus, ut cum presente portitore istius epistolae eum nobis ambobus transmittatis. jAronius Regesten Nr. 93, Zeumer, Formulae p. 448.)

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