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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-24 · Heft 26 (24.6.1892) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 26 (24.6.1892)
Date
1892-06-24
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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306 Judenthume bis zur Zerstörung des jüdischen Staates ungleich größeres Interesse entgegenzubringen, als den uns zeitlich näher liegenden Perioden. Und man kann sich hierüber kaum verwundern, fühlen wir uns ja doch Männern wie Jesajah geistig ungleich näher verwandt als den gelehrten Rabbinen, die in emsiger Thätigkeit das Ritualgesetz ihres Volkes zu kodifiziren sich bemühten! Und andererseits kann mau uns, die wir dem Jahrhundert der Freiheit angehören, doch nicht verargen, wenn wir ein ganz anderes Wohlgefallen an den Jahrhunderten der mächtigsten Kraftentwickelung der hebräischen Nation finden, als an den Zeiten der Ghettos und der Blutbeschuldigung. Die Freiheit findet eben nur an der Freiheit selbst ihre Freude und volle Befriedigung. Aber das darf den Historiker nicht abhalten, in die tiefsten und dunkelsten Schachte der Menschengeschicke hinabzusteigen, um selbst aus dem finstersten Erdenschooße den leuchtenden Edelstein der Weltgeschichte zu übermitteln. Es ist nicht der Zweck dieser Arbeit, etwa in großen Zügen eine solche Handelsgeschichte des jüdischen Mittelalters vorzuzeichnen, es kann auch nicht unser Ziel sein, Steine zum Bau zusammenzutragen, wir wollen einzig das Interesse überhaupt auf diese» Gegenstand lenken und gleichsam aus der Ferne einen Blick in diese Welt werfen. Das Größte und Bedeutsamste, was der jüdische Stainm für die Entwickelung der menschlichen Gesellschaft geleistet hat, das hat er ans seinem ureigenen Boden in stiller Abgeschiedenheit geschaffen. Daher ist seine Bibel ganz das Bild altjüdischen Lebens, geheiligt durch die Weihe einer uralten Nationallitteratur. Aber selbst in den trübsten und finstersten Ghettos blieb doch das Herz, blieb doch der Geist der jüdischen Nation wach und rege und ihr Auge hell und klar. Zwar hat sie uns keine Bibel mehr geschenkt, aber gerade als Vermittlerin hat sie auf allen Gebieten menschlichen Wissens, menschlichen Dichtens, menschlicher Kunst eine ganz hervorragende Rolle gespielt. Und gerade seine Stellung als Handelsvolk machte es ihm möglich, eine solche Thätigkeit des Vermittelns aufzunehmen. Und nicht zum wenigsten hat der jüdische Handel und der jüdische Kaufmann auf die früheste Entwickelung gerade der d e u t s ch e n K u l t u r einen bedeutenden, wohlthuenden Einfluß ausgeübt. Die ersten Kulturträger, die am Rhein sich dauernd sässig machen, sind Kaufleute, und zwar jüdische Kausleute! Denn daß die Juden nicht als Ackerbauer, sondern als Handelsleute an den Rhein gekommen sind, dürfte selbst der größte Skeptiker nicht bezweifeln. Diese Anwesenheit von jüdischen Gruppen im westlichen Deutschland dürfte aber in die ältesten Zeiten zurückzuverlegen sein. Denn wenn wir auch die theils sagenhaften, theils eigens erdichteten Erzählungen von den Gemeindegründungcn in Worms, Regensburg, Fürth, Prag u. s. w. entschieden als Fabeln zurückweisen müssen, so haben wir doch für Köln aus dem Jahre 321 ein unzweifelhaftes Zeugniß, daß daselbst eine angesehene und große, und daher auch eine schon länger ansässige, Judengemeinde bestand, die schon eine solche Bedeutung erlangt hatte, daß die römische Staatsverwaltung besondere Rücksicht auf sie nehmen mußte. Der Codex Theodosianus (XVI, 8, 3) nämlich enthält zu diesem Jahre ein amtliches Schreiben an die Stadtverwaltung von Köln über die Heranziehung der Juden zur Kurie. Zugleich aber sollen die Priester, Synagogenvorstände, Gemeindeältesten und sonstigen Gemeindebeamten von allen persönlichen Leistungen an den Staat frei sein. Obwohl also im urkundlichen Material vor 1012 keine Synagogen in Köln erwähnt werden, so sehen wir doch aus dieser Verfügung, daß solche schon im Jahre 321 vorhanden waren, und daß demnach die Gemeinde schon lange vor dieser Zeit entstanden sein muß. Da aber die Juden offenbar von Süden nach Köln gekommen sind, so darf man vermuthen, daß es vielleicht auf der ganzen Linie von Lyon bis Köln jüdische Gemeinden gab. Und diese Bermuthung wird zur Wahrscheinlichkeit, wenn wir hier eine Stelle aus einem poetischen Kataloge der Metzer Bischöfe berücksichtigen und in Erwägung ziehen. Aus demselben ersehen wir nämlich, daß der siebente Bischof und Patriarch von Metz ein ge- Lauster Jude Namens Simeon gewesen sei. Und sowohl der Bischof wie seine Gemeinde scheinen sich nicht wenig darauf zugute gethan zu haben, daß er einem solchen Kulturvolke wie dem jüdischen angehört habe. Denn ebenso wie die Kataloge rühmend hervorheben, daß er „hebräischem Blute entsprossen" sei, so rühmt ihn seine Grabschrift (im Kloster Senones in den Vogesen) gerade als Israeliten. „Simeon ruhet in diesem Schrein hier, der heilige Bischof, Prüfet sein Leben! Ihn rühmet die Menschheit als Israeliten, Ihn, der das Bisthum regierte als siebenter Herrscher in Weisheit V Dieser Umstand, daß ein getaufter Jude in einer so bedeutenden Stadt wie Metz den Bischofssitz inne hat, würde schon an und für sich genügen, um es wahrscheinlich zu machen, daß damals in Met; und überhaupt in Lothringen eine größere Anzahl von Juden saß und sicherlich kein geringes Ansehen hatte; wird es ja auch ganz besonders an Simeon gerühmt, daß er von hebräischem Blute und Israelit gewesen sei. Jedoch beweisen auch die noch erhaltenen Gesetze des Königs Gundobad von Burgund gegen die Juden, daß eine große Anzahl von Augehörigen dieser Nation nicht nur im burgundischen Königreich ansässig war, sondern daß sogar Ehen zwischen Juden und Christen keineswegs zu den Seltenheiten ge hörten. Sie bildeten um das Jahr 500 schon eine eng zusammen hängende, dicht geschlossene Kette von Kaufmannschaften von de; proven^alischen Küste an bis weit hinauf nach Köln und schon tief in das ostfränkische, später deutsche Land hinein. Wenn wir uns aber nach der Art dieses Handels der Jude» fragen, so ist das Erste und Frappanteste, was uns in di; Augen fällt, daß nirgends von einem Geldhandel oder vor Wechsler- und Leihgeschäftcn die Rede ist, wenigstens hören wir nirgends von Klagen über jüdische Ausbeutung oder jüdische» Wucher. Fragen wir uns aber, welcher Art nun wirklich ihr Handel war, so zeigt sich uns derselbe als Großh andel, und zwar in zwiefache; Gestalt, einerseits als Vermittlungshandel zwischen den italienischen, französischen und rheinischen Städten, andererseits zwischen diesen und dem Orient. So heißt es von einem großen Seeschiffe, welche den Verkehr zwischen Nizza und Massilia vermittelte, daß es jüdischen' Leuten gehörte-). Wenn ein Schiff von fern her auf einen Hafen zuhieli. so war man in der Stadt meist zuerst der Meinung, es müffe ein jüdisches Schiff sein. So erzählt der „Mönch von Sankt Gallen in seinem Buche über die Thaten Karls des Großen, daß man in einer proven^alischen Hafenstadt bei der Annäherung von norman nischen Kaperfahrzeugen in erster Linie der Meinung gewesen, es seien jüdische Kaufleute, dann aber vielleicht auch afrikanische oder englisch; Schiffe8). Wie wir aus Heyd's Geschichte des Levantehandels wissen, erzählt der arabische Schriftsteller Jbn Kordadbeh, daß noch um di; Mitte des 9. Jahrhunderts, also bei seinen Lebzeiten, jüdische Groß kausleute die ganze weite Strecke von Frankreich und Deutschland bi; Indien und China auf vier verschiedenen, bei ihm näher bezeichneten Handelswegen bereisten. 1) Mitgetheilt von Aromas in Geigers „Zeitschrift fiir Geschick)!; der Juden in Deutschland", Band 1, Seite 98, 1887. 2) Viri igitur, quoruni ernt navis, Judaica erant ab stirpe progeni» (Gregor von Thonrs.) ch Gumqve, visis navilms, alii Judeos, alii vero Africanos, ali ßritannos mercatores esse diccreut. (Monaclius Sangallensis 2, 11- M. G. 8. 8. % 757.) 2l ar-Rai hards seinen Isaak Edelle verstai dürfen zwecket und C die lich m als B des Gi Orient« 787 b nicht spielen nach ij nach t betrüg schwär aus I sehen eine s Thier seine l eine ii gewöh mit ei Anekd für de seine Paläst Europ den den H stände; Stöbt diroßh iillmiil 1 iheils mir o zugefü daß s Hand« wickelt vor ei Boden eigentl bardei nicht Zweiß Haupts sassum Ztschr. 2)

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