Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1892)
- Date
- 1892-06-17
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 * Berlin, 12. Juni. Wie die antisemitische „Neue Deutsche Ztg."! in Leipzig mittheilt, sind die Schulden "Ahlwardts durch eine Anleihe, zu der auch Baron v. Langen beigetragen hat, gedeckt worden. Dagegen; mußte sich Ahlwardt verpflichten, zur Deckung dieser "Anleihe dem Komitee, an dessen Spitze ein Rechtsanwalt G steht, die Ausbeutung seiner bisherigen und späteren Schriften zu belassen „Man begreift jetzt," bemerken die „Mittheilungen aus dem Verein zur Bekämpfung des Anti-; semitismus", „das; gewisse Leute ein lebhaftes geschäftliches Interesse j an dem Prosperiren der "Ahlwardt'schen Schriften haben Die Kolporteure,! welche in den Straßen Berlins die „Judenflinten" ausschrieen, waren j also lediglich Agenten der „gutgesinnten patriotischen" Männer, welche! die "Anleihe gezeichnet haben." Einer der aus dem Ertrage der „Judenflinten" befriedigten Gläubiger war der Hofprediger a. D. Stöcker, der seinem Freunde Ahlwardt 840 Mark geliehen hatte. 3E Berlin, 12. Juni. Vom Vorstande des Vereins „Beth Jacob" geht uns unter dem Titel einer Berichtigung ein umfangreiches Schreiben zu. Wir entnehmen demselben die Thatsache, daß der in! Nr. 2:-; unseres Blattes besprochenen Vergnügungsfeier auch eine synagogale Feier in dem Gotteshause des Vereins voraufgegangen ist. Hiervon ist jedoch in den seiner Feit an das Publikmn sowie an unsere Redaktion gesandten Eirkularen nichts erwähnt, sodaß es den Anschein gewinnen mußte, als bildete das Volksfest den alleinigen Weiheakt Da int Uebrigen das Schreiben keine Thatsachen, sondern nur Ansichten enthält, die ihrer Form nach weniger Berichtigungen, als Beleidigungen zu nennen sind, so müssen wir von einer wörtliche;: Wiedergabe desselben Abstand nehmen. 1). Krotoschin, 3. Juni. Angesichts der Korrespondenz aus Leipzig in Nr. 23. d. Bl. durfte Nachstehendes allgemeiner interessiren. Am 25. o. M. beehrte Se. Majestät der König von Sachsen nebst Gefolge den Pächter der früher herzoglich braunschweigischen jetzt königlich sächsischen Herrschaft Sybillenort-Guttentag l Schlesien), Herrn Heppuer in! Guttentag, mit seinem Besuche. Herr Heppner, Sohn des hiesigen Kauf-! manns und Stadtraths Herrn Heppner und Schwiegersohn des Rechtsj anwalts Herrn Emil Lehmann in Dresden, ist ein Landwirt!), der von! dem Pfluge auf gedient hat Trotz der Plötzlichkeit des diesbezüglichen j königlichen Entschlusses und der besonderen Umstünde gelang es Herrn! Heppner, seinen königlichen Gast und dessen Gefolge aufs Glänzendste! zu bewirthen, sodaß Se. Majestät seinem Wirth wiederholt seine Zuj friedenheit und dlnerkennung ausdrückte und die Hausfrau durch ein kost-! bares Geschenk auszeichnete. Eine gleiche "Auszeichnung durch seinen j Besuch ließ hierauf Se. Majestät einem anderen seiner Pächter, einem i Vetter des Erstgenannten, zu Theil werden Wie verlautet, soll diese! "Allerhöchste "Auszeichnung nicht zum ersten Mal den obengenannten Päch- | tern widerfahren sein. j Cg] Dresden, 14. Juni. Nachdem es vor einigen Tagen zu lebj hasten Auseinandersetzungen zwischen dem Führer der sächsischen Kouser-! vativen, Freiherrn von Friesen, und der "Antisemitenpresse gekommen j ist, hat nunmehr gestern der langerwartete Parteitag der Konservativen j im Tivolisaale stattgefnnden. Derselbe verlief zahmer, als man nach den! unaufhörlichen Ankündigungen in den vergangenen Wochen erwarten! durfte. "Allerdings entbehrte die Rede des genannten Führers der üblichen j Schlagwörter nicht, dagegen wurde auch den Deutsch-Sozialen in unverj blümter Sprache der "Abschied ertheilr. Von gesetzlichen Maßnahmen gegen die Juden will Herr von Friesen nichts wissen. Dagegen rieth er zu der "Anwendung des Verwaltungsmittels, das in Sachsen ausgezeichnete Dienste geleistet. Er empfiehlt ferner, daß „die Gesellschaft"; für Beseitigung der Juden in Deutschland Sorge tragen möge, und daß > der Staat vor "Allem jede Verbindung mit jüdischen Firmen abbreche. "Also Geschäftsantisemitismus im reinsten Sinne. Schließlich aber verstieg der edle Freiherr sich doch dazu, die Begriffe „antisemitisch" und „konservativ" in einen Tops zu werfen und es als Hauptaufgabe der Partei zu erklären, die von den jüdischen Führern der Nationalliberalen geschaffene Gesetzgebung des deutschen Reiches zu bekämpfen. Daß Herr von Friesen mit de:n "Ausdruck solcher "Anschauungen nicht einmal im eigenen Lager ungetheilten Beifall fand, braucht kaum gesagt zu werden. * M.-Gladbach, 7. Juni. Die Jahresversammlung des Vereins der israelitischen Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens fand gestern und vorgestern hier statt. Sie war von etwa 50 Lehrern besucht. Die Nnterstützungskasse des Vereins verfügt über ein Vermöge;: von 72,700 M. Aus derselben erhalten die dienstunfähigen Mitglieder, sowie die Wittwen und Waisen verstorbener Mitglieder jährlich festgesetzte, nicht unerhebliche Unterstützungen. Levi-Neuß trug einen fleißigen, mit Beifall aufgenommenen Bericht über die Frage vor: „Welches Maß von Kenntnissen in; Hebräischen hat der jüdische Lehrer mit ins Amt zu bringen?" Nebenberichterstatter war Seminarlehrer Feinstein-Münster. Folgende Leitsätze wurden einstimmig angenommen: Der jüdische Lehrer hat beim "Antritt seines "Amtes ein ziemlich bedeutendes Maß hebräischen Wissens mitzubringen. Es ist dies um so nothwendiger, weil die Fortbildung in diesem Fach große Schwierigkeit hat und die Lust zur Weiterbildung bei ungenügender Vorbereitung nur eine geringe sein kann Mittel, diesem Uebelstanoe abzuhelfen, sind: Größere Anforderungen bei der Aufnahme in die Seminare und längere.Kurse, etwa vier Jahre, der Seminare. Als nächstjähriger Versanunlungsort wurde Gelsenkirchen gewählt. Die Berichte der nächsten Konferenz werden sein: „Ueber die Pflege der Ethik und Aesthetik in Schule und Synagoge." Rosenbusch- M.-Gladbach. „Welche Mittel und Wege sind einzuschlagen, um den religiösen Geist in der Schule und der Gemeinde zu pflegen?" Salomon- Jserlohn. In der Sitzung des zweiten Tages war Rabbiner Dr. Frank aus Köln als Vertreter des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes erschienen. In glänzender und zündender Rede verbreitete er sich über die "Aufgabe des Bundes, die auch darin bestehe, die Sittenlehren des Judenthums unter Juden und Nichtjuden zu verbreiten, damit die falschen und ungerechtfertigten Eingriffe gegen die jüdische Religion aufhören oder sich doch vermindern. Dann legte der Redner der Versammlung die Gründung von Vereinen für jüdische Litteratur und Geschichte warm ans Herz. Solche Vereine bestehen in Köln und vielen größer;: Städten. Viel des Interessanten brachte Seminarlehrer Treu-Münster in seinen: Berichte über „Zeit- und Streitfragen der jüdischen Schule". Mit einem herzlichen und mit Begeisterung aufgenommenen Hoch, das der Vorsitzende Blumenseld-Essen auf unseren thatkräftigen Kaiser ausbrachte, dem das Wohl der Schule und das Heil aller seiner Unterthanen so sehr au: Herzen liege, wurde die Versammlung geschlossen. * .Köln, 12. Juni. Es ist erfreulich, daß die „Kölnische Ztg." den antisemitischen Regungen, die manchmal in ihren Spalten zu Tage traten, endgiltig Valet gesagt zu haben scheint. Dieselbe bemerkt zu dem Fall Grüner: „Wer die lange Reihe der antisemitischen Demagogen;nusteet, wird immerhin erkennen, daß der Vorgang bezeichnend ist: wir finden da keinen Eharakterkopf von vornehmen; geistigen Gepräge, wohl aber mancherlei recht fragwürdige Gestalten, die nach einer Zeit der gemeinsamen Hetze meist hadernd auseinandergehen und dann ihre gegenseitige schmutzige Wäsche vor dem Publikum waschen. Die Erscheinung ist natürlich; denn eine Bewegung, welche die niedrigen Triebe der Volksseele als Hebel benutzt, muß schließlich selbst edler veranlagte Naturen, welche dieselben sozusagen berufsmäßig und geschäftsmäßig betreiben, herabziehen." (Pcftrrrm!)- Ungaru. □ Wien, 14. Juni. Wie in Berlin, so suchen wir auch hier einen HilfsPrediger. Bereits haben die Herren Dr. Feuehtwaug, Dr Goitein, Dr. Fried gepredigt, Dr. Zimmels ist von der Vakanz zurückgetrete;:. Gestern hielt nun im Leopoldstädter Tempel Herr Rabbiner Dr. Ziegler aus Karlsbad Gastpredigt. Hoffentlich ist damit der Reigen der Probevorträge geschlossen und schreitet man bald zu einer definitiven Wahl, die hier um so wichtiger ist, da wir eigentlich nur zwei wirkliche Gemeinderabbiner haben. — Heber die Besetzung der Lehrerstellen an den: neu zu begründenden Rabbinerseminar verlautet noch immer nichts Bestimmtes. Die Bemühungen, Prof. Kaufmann in Budapest zu gewinnen, werden fortgesetzt, leider bisher ohne Erfolg. * Wien, 13 Juni. Am 9. d. fand die neunzehnte ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" hier statt. In Abwesenheit des durch Unwohlsein am Erscheinen verhinderten Präsidenten Herrn David Ritter v. Gutlnann führte der Vizepräsident Herr Gemeinderath Dr. Alfred Stern den Vorsitz. Dem vom Vorstande hierbei vorgetragenen Berichte ist zu entnehmen, daß die „Israelitische Allianz" ihre durch nahezu ein Jahrzehnt dauernde Schulaktion in Galizien und in der Bukowina j nach erfolgter Uebernahme ihrer Schulen durch die „Baron Hirsch-Siistung"! abgeschlossen habe. Ueber 10,000 Knaben und Mädchen haben durch die