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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-17 · Heft 25 (17.6.1892) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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298 öcn olympischen Jupiter in meinen „Possuk" oder vielmehr in meinen jüdischen Bodclirief hincinznbriiMN. Gar so schwer dürfte es am Ende doch nicht sein. Man kann Goethe mit Allem in Berbindung bringen: er war eben ein singulärer und ein universaler Mensch zugleich. Und es gehört wahrlich nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, das; das auch damals schon stark vertretene jüdische Element in Karlsbad des Dichters Aufmerksamkeit nothwendig hervorgerufen haben muß. Ich sehe Goethe vor meines Geistes Auge, wie er Morgens am Neubrunnen der schönen Frau von Eybenberg, geborenen Marianne Soling ans Berlin, seine Huldigung in einem zierlichen Blumenstrauß darbringt, wie er beim Frühstück im „Sächsischen Saal" sich vornehm-wohlwollend mit dem Herrn Simon von Lämml aus Prag über die jüngsten politischen Ereignisse unterhält, wie er Mittags mit dem Dr. Berends aus Berlin über seine Gesundheit lange und eingehend konferirt, wie er Abends bei der Reunion den Dr. David Beit, gleichfalls ans Berlin, freundlich anspricht, da dieser ihm begeisterte Grüße von Rahe! Barnhagen überbracht hat. Also Goethe hat, wie man sieht, hier viel mit Inden verkehrt, obwohl er seinen kleinen antisemitischen Apostel Riemer oft bei sich hatte, der über diese „Judcnbekanntschaften" oft die Faust — in der Tasche ballte. Die Nothwendigkeit, immer unter Menschen zu sein, hat ihm hier besonders wohlgethan. „Manche Rostflecken, die eine zu hartnäckige Einsamkeit über uns bringt, schleifen sich da am besten ab." Es ist wohl keine allzu gewagte Konjektur, wenn wir annehmen, daß auch der Rostfleck des Borurtheils, das selbst der große Dichter gegen die Juden im Allgemeinen gehegt hatte, sich hier in Karlsbad durch den Berkehr mit geistvollen und schönen Frauen, mit trefflichen und gelehrten Männern „aus Judas Stamme" abgeschliffen habe. Indem er Karl August seine Huldigung darbringt, gedenkt Goethe (1780) zum ersten Mal in Karlsbad der Juden. „Denn nicht der Pole freut sich dein. Es freut sich nicht der Ind' allein. Es freut sich dein auch jeder Christ, Das; du so mild gewesen bist." Im Jahre 180(3 erscheint ihm der Aufenthalt in Karlsbad, „als wäre inan im Lande Gosen". Wie von Alters her besteht das Badcpnblitum „aus allerlei Nationen, ans allen Ständen und Religionen, die gemischt ihr Heil an den tvarmen Quellen suchen". Im Jahre 1808 sind es schöne Jüdinnen, denen er den Vorzug giebt: Frau v. Eybenberg, Frau v. Eskeles aus Wien, der er auch in Franzensbad begegnete, u. A. An Frau v. Eybenberg schreibt er nach ihrer Abreise: „Wie man den Bogel an den Federn, den Löwen an den Klauen erkennt, so erkennt man die Freunde an den Lanzen, die sie wohl gelegentlich für einen brechen. Es geziemt Ihrem Charakter, Ihre Ueberzeugung nicht zri verbergen, und ich freue mich, daß Sic gern bekennen, wie Sie von mir denken, cs ist aber auch lebhaft ivechselseitig." Immer und überall waren es geistvolle jüdische Frauen, die zuerst Goethe's Ruhnr verbreitet und diesen allen Angriffeit und Zweifeln gegenüber geschützt haben. Auf die Reise nach Wien zu ihrer Schwester giebt er der genannten Freundin die besten Segenswünsche mit. „Wer weiß, ob sich die Götter dieses Ninive's nicht noch erbarmen, worin so viele gute Menschen zu bedauern wären, nicht weniger so vieles Vieh. Siehe Buch Jonä am Schluß. Also nochmals Ihnen und Ihrer lieben Umgebung ein herzliches Lebewohl." In demselben Jahre beschäftigte den Dichter in Karlsbad ein merkwürdiger und sehr wenig bekannt gewordener Plan. Er wollte ein „deutsches Volksbuch" schaffen und (nach Riemer) „cs sollte ans der Bibel die Geschichte der Juden, desgleichen aus dem Joscphus enthalten", also ein historisch-religiöses Volksbuch. Wie schade, daß dieser Plan nicht zur Ausführung gelangt ist! In einem scherzhaften Brief an den Philosophen F. A. Wolf nennt Goethe 1810 die „Neue Wiese" in Karlsbad „die Wirthshaus-, Theater- und Judenwiese"; gleichwohl will er dort dem Freunde eine passende Wohnung aussuchen. Im Jahre 1820 läßt er sich hier den vortrefflichen Ungarwein wohlschmecken, den ihm Herr v. Lämml ans Prag verehren durfte, und im selben Jahre macht er die Bekanntschaft des Dr. Berends, „eines verständigen Medicus" aus Berlin, dessen Rath und Unterhaltung er gar hoch anschlägt. In jenen Jahren hat sich sein Geist schon in die Regionen erhoben, wo er alles Menschliche klar überschauend, alle Rostflecken von sich abgestreift hat. Es sind die Jahre des „Westöstlichen Divans". „Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Ueberblick des betveglichen, immer kreis- und spiralartig wiedcrkehrenden Erdentreibens, Liebe, Neigung zwischen ztvei Weltei; schwebend, alles Reale geläutert, sich symbolisch auflösend", so ist seine damalige Stinunnng, wie er aus Karlsbad an Zelter schreibt. Und da er weiß, das; Zelter mit der Familie Mendelsohn innig zusammenhängt, gedenkt er n»nnrehr in seiner Versöhnungsstinimung auch seiner Schuld gegen den großen jüdischen Philosophen. „Wunderlich genug, daß jener von mir selbst aufgcgebene Prometheus gerade jetzt wieder vor mir auftaucht. Ter bekannte Monolog, der in meinen Gedichten steht, sollte den dritten Akt eröffnen. Du erinnerst Dich wohl kaum, daß der gute Mendelsohn an den Folgen einer voreiligen Publikation desselben gestorben ist. Lasset ja das Manuskript nicht zu offenbar werden, damit es nicht im Druck erscheine." So klingen and) die jüdischen Goethe-Erinnerungen an Karlsbad in einen Versöhnungsakkord aus! Aber nun wollen wir uns Don Goethe zu seinen modernen Enkeln, voi; der Vergangenheit zur Gegenwart, von der Geschichte zum Leben wenden und versuchen, aus diesem modernen Badeleben die Anregungen und Eindrücke herauszuheben, die für iins von besonderem Werth und vielleicht auch von nutzbringender Bedeutung sein könnten, so daß wir dann in jedem Sinne die Karlsbader Brimnen mit dem Sprichivort „Quellen des Heils" nennen dürften. G. K. * Litterarifche Milchetlungen. \ I. Fürst: Glossarium graeco-hebraeum, oder der griechische Wörterschatz der jüdischen Midraschwerke. lStraßburg, K. I. Trübner 1890.) Die Herrschaft, welche seit der Diadochenzeit bis zum Auftreten der Araber die Griechen und die ihnen in Sprache und Kultur nahe stehenden Römer über Palästina und seine Nachbarländer ausgeübt haben, hat in hervorragendem Maße auch in der jüdischen Litteratur sich allsgeprägt und, abgesehen von den rein griechisch geschriebenen Schriften, auch den hebräisch geschriebenen zahlreiche Lehnwörter mitgetheilt, welche in den palästinensischen Sprachgebrauch übergingen und daselbst Bürgerrecht gewanlren. Der Willkür und ben phantasiereichen Kombinationen gegenüber, welche sich bei der Erklärung dieser Wörter auf Grund der vielfach verbreiteten größeren oder geringeren Kenntniß des Griechischen und Lateinischen und der noch größeren Verbreitung von Wörterbüchern dieser Sprachen vielfach geltend gemacht hatten, hatte bereits Sachs in seinen „Beiträgen zur Sprachirnd Alterthumskunde" es unternommen, die einzelnen Wörter nicht nur einfach nach ihrem allgemeinen oder ursprünglichen Sinne zu übersetzen, sondern ihre bestimmte Bedeutung unter gewissen Zeiten und Verhältnissen nach zeitgenössischen Zeugnissen festzustellen. Insbesondere zog er die für diesen Zweck vor ihm noch wenig benützten spätrömischen unb byzantinischen Schriftsteller zur Vergleichung heran Die von ihm und llach seinem Beispiele von Perles, Bnber, von Fürst, Güdenlann, Gebhard, Levy, Kohnt u. A. gewonnenen Resultate sind nach einer sorgsamen kritischen Prüfung, verbunden mit

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