Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1892)
- Date
- 1892-06-17
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
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297 ihr! Dank, ach wie Hab ich ihr gedankt! wie Hab ich ihr heimgezahlt, was sie mir gethan hat all mein Leben lang! Während das Kind zur Freude der Eltern heranwuchs, beschenkte der Himmel auch Josefs Schwester Finkel mit einem Kinde. Es war ein Knäblein und erhielt den Namen des verstorbenen Großvaters, es wurde Wolf geheißen. Die Freude über dieses Kind war groß. Finkel sah in diesem Kinde, das den Namen des Vaters trug, den Vater wieder auferstehen, und Jittesch, die Großmutter, wußte gar nicht, wie sie Gott danken solle für diese Gnade, die er ihr da zugefügt. Jakob Lob, welcher der Geburt dieses Kindes mit banger Hoffnung entgegengesehen, hatte tvährcnd der Zeit, da sein geliebtes Weib in schweren Nöthen darniederlag, ein Gelübde gethan und unter Thränen sein Gebet zu Gott emporgesendet. Laß sie die schwere Zeit übersteheu, Herr des Weltalls, und erfreue sie, die schon so viel Prüfungen ausgestanden! Wenn Du ihr über die schwere Zeit, der sie entgegengeht, hinübergeholfen haben wirst, dann will ich als Dank dafür ein neues „Sefer-Thore" schreiben lassen und will es ausstatten mit silbernen Geräthschaften; das nehm ich auf mich! Die schwere Zeit war nun vorübergegangeu und Jakob Löb säumte nicht, sein Gelübde zu erfüllen. Er bestellte das „Sefer- Thore" bei dem Thoraschreiber, der im ganzen Lande als berühmtester galt, und es gab jetzt freudiger Ereignisse die Menge, die einander fast auf dem Fuße folgten. Zuerst wurde das Kind, da es acht Tage alt war, in die Synagoge getragen, in den Bund des jüdischen Glaubens ausgenommen zu tverden. Darauf folgte die übliche Gasterei, bei der es manchmal heiterer zu sein pflegt, als selbst bei einer Hochzeit, klnd hier war dies gewiß der Fall. Dann wurde, nachdem der Knabe dreißig Tage alt geworden war, die „Auslösung des Sohnes" veranstaltet. Das erstgeborene Söhnchen wurde in Sammt und Seide eingewickelt, mit goldenen Ketten, Perlschnüren umwunden, l Alles, was kostbar ist, um dasselbe gehängt und so, wie ein Märchen-! wesen aus Tausend und einer Nacht, auf eine große, flache, silberne Schüssel gelegt, um es dem Manne aus dem Stamme der Priester, dem es nach Gottes Gesetz zufiel und zu eigen war, für wohlgezählte zwanzig Silbermünzeu abzukaufen'sund auszulösen. Und nicht lange nachher, nachdem die Auslösung des Sohnes vor sich gegangen war, kam endlich eines Tages der Thoraschreiber mit seinen fertig geschriebenen Pergamentrollen, und es war an dem Werke nichts mehr zu thun, als die einzelnen Rollen an einander zu nähen. An dieser frommen Handlung betheiligten sich sämmtliche Weiber der „Gasse"; so ist es Brauch und Herkommen, daß jede sich an dem frommen Werke belheilige und auf Anweisung des Thoraschreibcrs wenigstens zwei Rollen aneinander hefte. Die Bekleidung der Thora, die Seidenivickelbänder, sowie das mit Goldbuchstaben bestickte rothe Sammtmüntelchen war schon früher in Bereitschaft, ehe die Schrift noch fertig war; ebenso hatte Jakob Löb sich beeilt, die silbernen Geräthschaften zu besorgen, bestehend iit jj den beiden silbernen „Bäumen des Lebens", die oben auf die Hölzer, um welche das Pergament gerollt wird, anfgesteckt werden, ferner in dem Silberblech, der schönen silbernen Tafel, die an Silberketten über die Thora gehängt wird, und endlich sin der „Hand", die ebenfalls an einem Silberkettleiu hängt und die dazu dient, dem Thoravorleser mit ihr die einzelnen Zeilen, die er zu lesen hat," anzuzeigen. Der Jubel war groß in der „Gaffe", als man das neue „Sefer-Thore" zum ersten Mal in die Synagoge brachte. Der Rabbi und alle Gemeindemitglieder hatten sich, in Feiertagskleidern angethan, bei Jakob Löb eingefunden, um die Thora abzuholen und sie im feierlichen Zuge nach der Synagoge zu bringen. Die „Chuppa" wurde aufgestellt, um die Thora, wie eine Braut, unter den Trauhinnnel zu führen, und die Musikanten, die dem Zuge voranschritten, spielten das beste Stück auf, das sie zu spielen vermochten, um der Thora die allergrößte Ehre zu erweisen, so viel von ihnen abhing. Der Rabbi hielt eine Predigt und pries glücklich die Gemeinde, der ein solcher Mann wie Jakob Löb angehöre, und pries glücklich das Weib, das einen solchen Mann besitze, und glücklich die Mutter, die einen solchen Sohn errungen. Bei der hierauf stattfindendeu festlichen Mahlzeit ließen die fröhlichen Leute aus der „Gaffe" alle Geister der Lrist utib Freude los, diesmal entschädigten sic sich für die etwas stille Hochzeit vor einem Jahre und holte» bei dieser Veranlassung reichlich nach, was sie damals versäumt hatten. Josef nahm die Nachrichten über die Vorgänge daheim in der „Gasse" mit Empfindlingen widerstreitender Natur entgegen. Er freute sich herzlich, daß seiner Schwester ein Sohn und seiner Mutter ein Enkel geschenkt worden sei; denn er fühlte sich trotz seinem Abfalle doch als Bruder und Sohn; aber es schmerzte ihn zugleich, wenn er bedachte, daß sein eigenes Kind, daß doch auch seiner Mutter Enkelkind sei, von dieser nicht als solches anerkannt werde, weil diejenige, die es geboren und die er über Alles liebte, keine Tochter der „Gasse" war. Er freute sich über die Festlichkeit bei der „Söhnesauslösung", die man ihm geschildert, aber es that ihm weh, wenn er bedachte, daß er za auch ein Erstgeborener, daß er einstmals in eben solcher Weise vom Priester ausgelöst worden sei, und daß er trotz dieser Auslösung, womit die Eltern ihn als Eigenthum zurückgekauft, ihnen doch nicht mehr angehöre, da er das schöne Band, das ihn mit dem Heimathshause verknüpfte, getvaltsam zerrissen. Er freute sich auch darüber, daß sein Schwager Jakob Löb durch das Geschenk an die Synagoge seiner guten alten Mutter und seiner lieben Schwester eine so große Freude bereitet habe, voch schmerzlich berührte es ihn, daß erst ein Fremder kommen mußte, Schwester uiib Mutter zu erfreuen, während er, der Sohn, der Bruder, ihnen so unsagbares Leid zugefügt. (Fortsetzung folgt.) * Aus dem Karlsbads. i. Da sitze ich nun wieder in meinem lieben alten Karlsbade und es drangt mich, so Manches, was ich hier gesehen, erlebt und — trotz ärztlichem Verbot — gelesen, meinen Lesern zu erzählen. Wie stets, so ist auch diesmal Karlsbad von unfern Glaubensgenossen bevorzugt: die Antisemiten werden es tadeln, die Aerzte und Nationalökonomen loben. Die „Kreuz-Ztg." schrieb im vorigell Jahre, daß in Karlsbad in der einen Saison 10,Ml Juden gewesen seien. — Das ist null eine arge Uebertreibung, wenn man bedelikt, daß nicht viel über 30,000 Badegäste durchschnittlich hier Genesung suchen. Aber selbst wenll es wahr wäre, könnte ein ernstlicher Vorwurf daraus llicht herzuleiten sein. Zum Vergnügen geht doch wahrhaftig Niemand nach Karlsbad! Jeder sucht hier Heilung oder mindestens Linderllng feiner Schmerzen, Alle fühlen „geheimes Walten der ewig waltenden Natur" und bewundern mit Goethe: Wie es dampft und braust llnd sprühet Aus der unbekannten Gruft! Von geheimem Feuer glühet Heilsam Wasser, Erde, Luft. Hilfbedürft'ge Schaar vermehrt sich Täglich an dem Wunderort. Und int Stillen heilt und nährt sich Unser Herz an Freundes Wort. Ja, an Goethe wird mall hier auf Schritt mit) Tritt erinnert, und wie schwer es auch erscheinen mag, ich mutz es doch versuchen,