Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1892)
- Date
- 1892-06-17
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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296 (Trauhimmel) geführt, sich umhalst und umarmt und Brust an Brust gedrückt, geweint habe», das war etwas so Herzergreifendes, daß die ältesten Leute in der „Gasse" sich nicht entsinnen tonnten, ein Aehnliches erlebt zu haben. Ach was drückte es dem armen Josef das Herz ab, da er erfuhr, wie es bei der Hochzeit seiner Schwester zugegangen. „Und das Alles Hab ich auf dem Gewissen, alle die Thronen, die sie vergossen haben, die Hab ich verursacht und ich Hab Alles nicht verhindern können. Mutter! Schwester! ach, wenn Ihr mir nur in mein Herz hineinseheu könntet, Ihr wißt nicht, wie Ihr da drinnen eingeschlossen seid, Ihr wißt nicht, wie sehr gern ich Euch Hab. Ihr könnt es nicht wissen, denn Ihr urtheilt nach dem, wie ich an Euch gehandelt Hab, und nicht nach dem, was ich für Euch fühle. Das hätte man uns Beiden, mir und meiner Schwester, wie wir noch Kinder waren, einmal sagen sollen, daß sie nicht auf meiner, ich nicht auf ihrer Hochzeit sein werde. Die Zähne hätte ich so Einem aus dem Munde herausgeschlagen, daß er verstummt wär für immer; und doch, und doch ist es so gekommen, sie nicht auf meiner, ich nicht auf ihrer Hochzeit, Jedes für sich allein, getrennt und losgelöst von dem Andern, als wie >venn es niemals eine Zeit gegeben hätte, wo wir beisammen waren und einander angehört haben!" Er stöhnte bei Nacht aus seinem Lager, so daß Marie erschreckt auffuhr. „Was ist Dir, Josef?" fragte sie. „Tu schläfst nicht, Marie? warum schläfst Du nicht?" fragte er zurück. „Josef!" sprach sie weiter, „ist Dir etwas?" und sprang von ihrem Bett empor. „Bleib ruhig, Marie, und ängstige Dich nicht. Es ist mir ja nichts; ich muß einen bösen Tranm gehabt haben! Ich Hab die Hand vielleicht auf der Brust liegen gehabt. Schlaf nur ruhig, mein Kind." Marie sah wohl ein, daß er seinen geheime» Schmerz vor ihr nicht enthüllen wollte; sie drang aber nicht in ihn, sondern stellte sich, als ob sie durch seine besänfligendeu Worte wirklich beruhigt wäre. Aber ihre Seele füllte sich immer mehr mit düsteren Bildern und traurigen Ahnungen. Hätte sie ihr liebes Kind nicht gehabt, das liebe kleine Nannerl, das dem Vater so ähnlich sah, sie wäre nnier der Last des Druckes, den ihr des geliebten Mannes unausgesprochene Leide» verursacht, zusannneugebrochen; aber dieses Kind war ihr Trost, ihr Glück, ihre Hoffnung, ihre Zuversicht, ihr Alles. Wenn sie auch hie und da einen Moment wankend wurde, wenn sie sich auch hie und da bei dem Geständuiß ertappte, daß ihr diese Pkin, den guten Mann leiden zu sehe», ohne dabei helfen zu können, ihn leide» zu sehen, ohne zu wissen waruin, — unerträglich sei, und daß sie ihn denn nun endlich einmal ernstlich fragen, eine bestimmte Erklärung verlangen und ihn nicht eher loslassen wolle, bis er ihr die Quelle seines Kummers entdeckr haben würde; so brauchte sie nur einen Blick auf das Kind zu werfen und dieser Blick genügte, um sie vor jedem voreiligen Schritte, von jedem gewaltsamen Hinwegreiben des Vorhanges, hinter dem das dunkle Geheimnis; verborgen lag, abzuhalten. Ja, welches Leid sollte eine Mutter nicht ertragen können, wenn ihr ein so himmlischer Trost, wie er nur aus den Augen ihres Kindes spricht, gespendet wird! Heiliges Multergefühl, stärkstes und festestes Band auf dieser Erde! Dr> wirkst Wunder jeden Tag und wirst Wunder wirken, so lange das sterbliche Wesen vom Weibe geboren wird! Das Kindchen ward aber and) ein liebes und herziges und entfaltete sich mit jedem Tage schöner und schöner, und man würde dem guten Joses Unrecht ihn», wenn man annehmen würde, daß es blos zur Freude der Mutter heranwuchs. Wie sehr seine Seele auch belastet war, die gesunde Natur wirkte doch stets in ihm, und dein reinen und frohen Vatergefühl sich hinzugeben, dafür konnten ihm selbst die traurigsten Vorstellungen, die sich seiner bemächtigten, die Empfänglichkeit nicht rauben. Mit Lust und Freude beobachtete er die einzelnen Stufen dieses unbeholfenen Kinderdaseins und bemerkte mit Wonne jeden Fortschritt in der leiblichen Entfaltung eines Wesens, dem er Dasein verliehen. Wie glänzte sein Auge, da ihm das Kind, wenn es hie Mutter oder die alte Brigitte auf Händen trug, die kleinen Händchen entgegenstreckte und damit zu erkennen gab, daß es ihn erkenne. Wie freute er sich, >venn es ihn bei der Nase packte, oder ihm in die Haare fuhr. Wie jauchzte seine Brust auf, da es zu stammeln begann und die ersten Laute hervorbrachte, in denen er oder die Mutter angerufen wurden! Und erst als das Kind anfing, mit Hilfe der alten Brigitte ihm in den Schoos; zu laufen, und erst, als es selbst dieser Hilfe nicht mehr bedurfte, wie sollte er sich da fassen können vor innerem Seelenjubel. Aber sonderbar! gerade diese wonnigen und herzerhebenden Eindrücke, die er aus der Beobachtung seines in Gesundheit Heranwachsenden Kindes empfing, gerade diese Eindrücke waren für ihn zugleich auch wieder ein neuer Quell der Traurigkeit und Verdüsterung; denn indem er dieses Kind beobachtete, kain es ihm erst zum Bewußtsein, was es heiße, einem solchen Wesen, das in feiner Unbehilflichkeit verkümmern mußte, alle die Sorgfalt zuzuwenden »ud alle die Liebe, deren es bedarf, um über die Gefahren, die demselben drohen, hinausgehoben zu werden auf sanften Armem alle die Sorgfalt und all die Liebe, deren doch nur eine Mutter fähig ist. Und da kam ihm denn der Gedanke, daß er, der heute da stehe als ein Mann in der Welt, als Hausvater in seiner Familie, einmal auch ein solch unbehilfliches Kind gewesen sei, und daß er hätte elendiglich zu Grunde gehen müssen, wenn er nicht eben all die Liebe und Sorgfalt auch von seiner Mutter erfahren haben würde, wie sie jetzt seinem Kinde von Marien zu Theil wurde. Er fing es jetzt erst an einzusehen, >vas eine Mutter eigentlich sei. Er fing es an zu begreifen, daß die Liebe der Mutter dem Kinde eine Schuld auflade für alle Zeit, die von diesem in aller Zeit, und wenn es bis ans Ende aller Zeiten ginge, durch keine Art von Entgeltung getilgt werden kann. Alles, was seine Schwester Finkel ihm gesagt, ehe er den verhängnißvollen Schritt that, der so entscheidend für sein Leben wurde, Alles, was sie ihm damals in die Seele gerufen, alle Erinnerungen, die sie damals in seinem Geinüthe zu wecken gesucht, und die abgeprallt waren von seinem durch Leidenschaft geleiteten Herzen, wie schwache Pfeile von einen; Eisenpanzer, alles dieses stand jetzt erst lebendig da vor seiner Seele, nicht als Wort, als leerer Schall, sondern als tiefstes, innerstes Erlebniß; und wer ihn das gelehrt hatte, war ein Kind, sein Kind! So — mußte er sich in Beschämung, ja in tiefer Zerknirschung gestehen, — so hat mich meine Mutter auf Händen herumgetragen, so hat sie mich gepflegt und gewartet, wie Marie unser Kind. So ist sie bei meiner Wiege gesessen und hat mich eingewiegt, und so hat sie mich eingesungen mit frommen Liedern, wie Marie unser Kind. Ach, es waren aber andere fromine Lieder, es ist darin nichts vorgekommen von einer Mutter Gottes, was meine Mutter mir gesungen hat! So hat sie mich genährt und hat mir Nahrung gereicht, so hat sie mich eingewickelt, und so ist sie mit mir im Zimmer auf und ab gelaufen vor Freude, wie Marie es macht. Ach, was ist eine Mutter, was steht sie aus für ihr Kind, und wie thut sie Alles von ganzem Herzen mit tausend Freuden! Welcher Mensch ist jemals im Stande, seiner Mutter das abzuzahlen, was sie für ihn gethan und geduldet hat, und wem gebührt ein größerer Dank als