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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-17 · Heft 25 (17.6.1892) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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294 die Ueberzeugung, das; das Gebot des göttlichen Meisters von ihnen im schönsten und reinsten Sinne befolgt wurde. Das Gebot, das da lautet: „Segnet die, die Euch fluchen, thut Gutes denen, die Euch verfolge;;." Dieses Gebot aber ist christlich, ja recht eigentlich der Grundgedanke des Christenthums,;md darum hätte auf Alle das Wort des Klosterbruders: „Nathan, Ihr seid ein Christ — ein besserer Christ war nie", Anwendung finden können. — Lassen Sie mich mit diesen kurzen Worten, die von der trüben Gegenwart in eine bessere, christlichere Zukunft Hinweisen,! Ihnen zugleich meinen besten Dank rc. i 6.! Johannes Scherr.! Zürich, 26. April 1884. I Bielleicht wissen Sie, daß ich, welcher seinerzeit zu den entschiedensten! Vorkämpfern für die Emanzipation der Juden gehörte, in den Ruf eines! Antisenliten gekommen bin, weil ich mir die Freiheit genommen, das « Bild einer russisch-jüdischen Nihilistin, deren Original 1HJ Jahre lang « leibhaft vor meinen A;;gen herumgegangen, in meinem Büchlein „Porkeles! und Porkelessa" nach der Natur zu zeichnen. Die gesammte jüdische! Presse ist bei dieser Gelegenheit wüthend über mich hergefallen, als wäre! ich ein Bundesgenosse des Hofpredigers Stöcker. Meine Anschauung und i mein Urtheil sind dadurch nicht um Haaresbreite verschoben worden, also auch meine Anschauung und mein Urtheil über die sogenannte Juden- ' frage nicht.! Das vorausgeschickt, sagte ich Ihnen für die freundliche Zusendung j des Buches „Sollen die Juden Christen werden?" meinen verbindlichsten! Dank. Ich habe dasselbe gestern und heute durchgelesen und begreife nicht nur, sondern billige auch den warmen Ton Ihres Plaidopers. Die antisemitischen Ausschreitungen finde ich selbstverständlich höchst verwerflich und beklagenswerth re. 7. Johannes Fastenrath. Köln, 26. April 1884. j Mir, der auf den; Wiener Schriftstellertag der Herold Castelars! gewesen in Bezug auf seine energischen, nicht genug zu beherzigenden! Worte zu Gunsten der Juden, mußte ihre Schrift von ganz besonderem j Interesse sein, und sage ich Ihnen daher für die gütige Uebersendung - derselben meinen verbindlichsten Dank. Dem Freimuth, der aus jeder j Zeile Ihres Buches spricht, zolle ich gern;neine Anerkennung und bekunde meine freudigste Uebereinstinnnung mit Ihren und Komperts schönen j Friedensworten am Schlüsse des Buches. In der Phalanx Derjenigen, j die mit Ihnen sich gegen den Antisemitismus erheben, möchte auch ich 1 nicht fehlen: gehöre ich doch mit meiner poetischen Vorliebe dem Lande! an, das unter Alfonso XII. eine Jahrhunderte alte Schuld getilgt, indem! er das Volk Juda ben Hatevi's in das sonnige Spanien znriickgerufen.! «Fortsetzung folgt».! Nas Gebet des Arstes. Von Dr. I. Pagcl. j i Im Anschluß an die jüngst veröffentlichte Biographie von Ludwig j Philipps»» fei c§ gestattet, eine Reminiszenz aus seinen Schriften! aufzufrischen, die namentlich für die zahlreichen ärztlichen Freunde und Leser dieses Blattes von Werth sein dürfte. Es handelt sich dabei um eine auf den medizinischen Codex ethicn.s bezügliche Mittheilung. Bekanntlich ist die Zahl der in das Gebiet der ärztlichen Politik, des ärztlichen savoir faire, savoir vivre einschlägigen Arbeiten iJournalaufsätzc und selbständige Publikationen) Legion. Zu einer gewissen litterarhistorischen Berühmtheit ist von relativ jüngeren Produkten dieser Art u. A. der bekannte und lesenswerthe Aufsatz von Samuel Gottlieb Bogel gelangt (publizirt im 1. Bande von Huselands Journal, dem „Sammelplatz für alle schlaffe Erfahrung und dem Denkmal der sterilen Periode der deutschen Medizin", wie Wunderlich sich in seiner geistvoll geschriebenen Geschichte der Medizin ausdrückt). — Beiläufig bemerkt, werden alle diese Arbeiten umsomehr an Bedeutung verlieren, je mehr unser therapeutisches Können wächst und je geringer die sachlichen Differenzen unter dm Aerzlen bei der Uebereinstiminung der modernen Ilntersuchungs- und Behandlungsmethoden am Krankenbette werden müssen, obwohl, wie nicht geleugnet werden soll, die Beherzigung gewisser spezifisch ärztlich-ethischer Vorschriften eines besser ungeschrieben bleibenden Codex immer für den honorigen Standesgenoffen unerläßlich sein wird. Die jüdischen Aerzte interessiren vornehmlich zwei litterarische Erscheinungen auf diesem Gebiete: 1. oer berühmte (nach Kaufmann vielleicht apokryphe), von Isaak Judaeus herrührende „Führer der Aerzte", („seplier imisar liaroph’Im“, hebräisch und deutsch zum ersten Male im „Magazin für die Wissenschaft des Judenthums" XI. 1884 publizirt), eine ärztliche Politik im besten Sinne des Wortes, wie Haeser in seinem Lehrbuch der Geschichte der Medizin bemerkt, und 2. — sozusagen kontradiktorisch — der bekannte „medieus politicns“ von Fr. Hoffman» aus Halle mit seinem eigenthümlichen Anfang, wonach die erste Regel die ist: „ein Medicus soll ein Christe seyn". Doch schließt Hoffmann an diesen Anfang sofort eine Definition des Begriffs „Christ", wie er ihn verstanden wissen will, die keineswegs Del für das antisemitische Feuer bildet, sondern durchaus geeignet ist, auch die jüdischen Aerzte als würdige Berufsgenossen legitinürt erscheinen zu lassen, und hätte Hoffmann vollends d a s tägliche Morgengebet eines jüdischen Arztes aus dem 12. Jahrhundert gekannt, wie es sich in Philippsons „Weltbewegenden Fragen in Politik und Religion" (II, S. 159 bis- 160) meines Wissens zum ersten Male vollständig in deutscher Uebersetzung nach einer hebräischen Handschrift publizirt findet, so würde er vielleicht den Anfang seiner oben erwähnten Schrift noch anders gestaltet haben. — Auf einen Theil dieses Gebets stieß ich zuerst bei meinen Quellenstudien für die für die „Allg. deutsche Biographie" zu bearbeitende Lebensbeschreibung des Arztes Jacob von Roeser Die Lektüre fesselte mich derartig, daß ich mir eine Kopie der betreffenden Stelle (aus dem „Württemberg, med. Korresp.-Blatt" :> verfertigte und sie unter meinen Kollektaneen asservirte. Lange Zeit blieb ich in Zweifel, ob der dort als tägliches Morgengebet des Maimonides figurirende Passus etwa identisch sei mit dem mir läugst bekannten Hinweis auf Philippsons Schrift in Haesers Geschichte der Medizin Bd. I, S. 837, Anmerkung (wo irrthümlich, wohl in Folge eines Druckfehlers, die betreffende Stelle als S. 16!' statt 159 befindlich bezeichnet ist), dis mir der Zufall nach langen: vergeblichen Suchen ein Exemplar der „Weltbewegenden Fragen" zuführte und ich mm in der Lage war, die vollständige Identität (abgesehen von kleinen, in der abweichenden Uebersetzung bezw. redaktionellen Fassung begründeten Differenzen) beider Citate zu rekognos ziren. — Da mittlerweile fast ein Menschenalter seit jener auch heute noch das höchste aktuelle Interesse besitzenden Publikation verflossen ist, andererseits die Schrift immer seltener wird (nicht einmal die hiesige königliche Bibliothek besitzt ein Exemplar davon, ebenso wenig wie von der klassischen, leider ans dem Buchhandel gänzlich ver schwundenen „Hyle antliropine“ desselben Autors), so werden Vielleich! die Leser nicht ungehalten sein, einige dafür sogar mir Dank wissen wenn ich in Folgendem speziell zu Nutz und Frommen der jüngeren Generation das wirklich ergreifende Gebet noch einmal reproduziren lasse. Es lautet: „Allgütiger! Du hast des Menschen Leib voller Weisheit gebildet. Zehntausend mal zehntausend Werkzeuge hast d» in ihm vereinigt, die unablässig thätig sind, das schöne Ganze, die Hülle der Unsterblichen, in Harmonie zu erhalten. Immerdar sind sie beschäftigt voller Ordnung, Uebereinstimmuug und Eintracht Sobald aber die Gebrechlichkeit des Stoffes oder die Zügellosigkeit der Leidenschaften diese Ordnung stört, diese Eintracht unterbricht.

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