Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1892)
- Date
- 1892-06-17
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227957--48909-3269571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
292 uns jüngst in Deutschland weidlich über diejenigen geärgert, die in allbekannten Volksliedern zum Gebrauch der Schule an Stelle des Liebchens den Onkel eingeschoben haben; ungefähr so verfuhren diejenigen, die da, wo die Alten mit heißer Inbrunst um Zion und Jerusalem gebetet haben, die allgemeine Menschenverbrüderung, allgemeine messianische Hoffnungen an die Stelle setzten. Zudem waren diese Einschiebungen, die an den alten Text sich anlehnen und doch etwas ganz Anderes sagen sollten, sprachlich ungeschickt und boten der konservativen Kritik die gern wahrgenommene Gelegenheit zu Spott und Tadel. Jeder der Herren Verfasser ließ da seinen Witz und sein subjektives Belieben walten. Das scheint nicht richtig; alle die Stellen, die nnserm Denken und Empfinden widerstreben, sollen wegfallen, aber es brauchen darum keine hebräischen Sätze, die einen ganz anderen Inhalt haben, eingeschoben zu werden. Würde dieser Grundsatz angenonunen, so käme eine größere Einheit in den hebräischen Text der neuen Bücher; denn über das Alte, das wegfallen soll, ist leichter Einigkeit zu erzielen. lleberhaupt ist die Zeit nicht reif zur Einführung hebräischer Gebete, die bisher in unfern Gebetsammlungen keine Stätte gehabt haben und darum dem großen Publikum neu sind; wir müssen uns davor Hirten, gelehrten Liebhabereien zu folgen, es liest Jemand die heilige Schrift und findet eine wundervolle Stelle, die es wohl werth gewesen wäre, durch das Gebetbuch der jüdischen Gemeinde vertraut zu werden. Schade, daß dazumal, als die Ordnung der Gebete festgestellt wurde, diese Sätze keine Aufnahme gefunden haben; aber jetzt ist's vorbei, wir silid nicht mehr aufnahmefähig für neue hebräische Gebete. Wir wissen ferner, daß die spanischen Juden poetisch besser bedacht gewesen sind als die deutschen, daß die jüdisch-spanischen Gebetsammlungen reicher sind an dichterischer Schönheit, an gedanklicher Kraft, an religiöser Empfindung als die unfern. Zunz, Rappoport, Geiger, Dukes n. A. haben nicht vergebens gelebt, und diese Erkenntnis; gehört jetzt allen denen an, die sich irgendwie um jüdische Litteratur kümmern; es ist bedauerlich, daß wir deutschen Juden das Geringwerthige erhalten haben, aber daran läßt sich jetzt nichts ändern, es wäre eine philologische Grille, Stücke ans dem spanischen Machsor einbürgern zu wollen; das hebräische Gebet ist uns heilig als Tradition in denn Gefühl, daß es Jahrhunderte hindurch in unseren Synagogen gesprochen worden ist; da, wo dies historische Moment wegfüllt, fehlt für die Menge, die von denn Hebräischen nun einmal nicht viel versteht, das tiefere Interesse. Also keine neuen, d. h. in dem Machsor unseres Ritus nicht enthaltenen hebräischen Gebete, und seien sie noch so tief nnb schön und wahr; halten wir nicht daran fest, so öffnen wir dem subjektiven Meinen Thür und Thor. Es giebt noch andere Mittel genug, um den reichen Inhalt unseres jüdischen Schriftthums für die Erhebung unserer Glaubensgenleinschaft zu nutzen. Jedoch nicht nur der hebräische Theit unserer neuen Gebetbücher ist noch unvollkomnlen, auch der deutsche Theil läßt für den Wunsch noch einen weiten Raum. Die religiöse Poesie in Deutschland hat unter uns Juden nur spärliche Blüthen getrieben. Schon die metrische deiltsche Uebersetzung altjüdischer Dichtungen ist häufig mißlungen. Wenn man allenfalls die falschen Reime, die überflüssigen Füße in den Kauf nimmt, so ist doch das Nebel unerträglich, daß die Uebersetzung manchmal erst recht verständlich wird, wenn mail den hebräischen Text zu ihrer Erklärung zu Hilfe nimmt. Einiges freilich ist vorzüglich geglückt. Vollends in eine entsetzliche Wüste gerathen wir, wenn wir die Sammlungen deutscher in Synagogen gesungener Gemeindelieder durchwandern. Hier sind nur wenige Oasen. Es wäre amüsant, diese Behauptung durch Beispiele zu erhärten; aber es liegt uns fern, einzelne Verfasser solcher Lieder zu verletzen, da sie nahezu allesammt nicht viel taugen. Es sind leere Reimereien, gewöhnliche Gedanken in gewöhnlichen Worten, die besonders mit den hebräischen Gebeten, die nicht die Fessel alphabetischer Ordnung tragen, oder durch sonstige Wortspielereien eingeengt werden, nicht entfernt den Vergleich aushalten können. Der Deutsche, der aus seiner Bekanntschaft mit der profanen Dichtung es weiß, zu welcher Formvollendung durch unsere großen Meister die deutsche Sprache geführt worden ist, wie rein und klar deutsche Verse heute sind, und über welchen mächtigen gedanklichen Inhalt die Dichtung verfügt, wird durch diese Gemeindelieder, die trivial im Gedanken und liederlich in der Form sind, tief verletzt; diese Lieder scheinen meist wie auf Bestellung gearbeitet; hier paßt das derbe Wort Platens, „er schmierte, wie man Stiefel schmiert". Es fehlt an glüen Gemeindeliedern. Da sich viele Israeliten nicht ohne Erfolg dichterisch versuchen, so sollte man glauben, daß es nicht schwer ist, diesen Mangel zu heben. Weit besser ist es natürlich mit der Gebetsprosa bestellt. Aber auch diese Vorzüge der Prosa offenbaren sich weit mehr in der unter dem hebräischen Texte befindlichen deutschen Paraphrase als in der öffentlichen Liturgie. Die vom Kantor oder dem Rabbiner gesprochenen öffentlichen Gebete sind oft von einer erschreckenden Nüchternheit; sie sind oft vielfach aus den hebräischen Gebeten emporgewachsen und leiden an Hebraismen; ein synagogales Gebet soll Anklänge an die Sprache der Bibel nicht verschmähen, aber wie weit dies möglich ist, ohne den: Geiste der deutschen Sprache Gewalt anzuthun, das ist Sache eines feinen Sprachgefühls, das tit den bisherigen Leistungen nicht überall bemerkbar ist. Die Art, wie bisher die neuen Gebetbücher zu Stande kamen, war eine lebendige Illustration des Goethe'schen Wortes: „liebet* ein Ding wird viel geplaudert, viel berathen und lange gezaudert, und endlich giebt ein hartes Muß der Sache widrig den Beschluß." Die Arbeit ist oft überhastet worden; es war ein Tempel fertig geworden und in den neuen Tempel sollte ein neues Gebetbuch einziehen; diese und ähnliche Erwägungen beschleunigten das Tempo mehr als nützlich. Es wäre eine würdige Aufgabe, wenn die Bestrebungen für eine Kultusreform in unfern Synagogen sich vereinigten, nicht nur um allgemeine Gesichtspunkte aufzustellen, sondern um ihnen in einem Gebetbuche eine konkrete Gestalt zu geben. Der Gemeindebund und der Rabbinerverband müssen leider diese Aufgabe von sich weisen, sie würden sonst das schon ohnedies so lose Band, das sich um alle jüdischen Gemeinden Deutschlands schlingt, völlig zerreißen; beide wollen uns da Helsen, wo uns derSchuh gar nicht oder nicht so empfindlich drückt. Darum wäre es ein Segen, wenn eine große Gemeinde dazu die Anregung gäbe, aus dieser Zerklüftung, die traurig und lächerlich zugleich ist, herauszukommen. Wir wollen ein Gebetbuch von altjüdischem und doch von modernem Gepräge, denn das ist eben das große Vertrauen zur Wahrheit des Judenthums, daß die altjüdischen und die echter: und edlen Gedanken und Strebungen der Gegenwart sich sehr wohl vereinigen.? Aus meiner Briefmappe. Von I. Singer in Paris. „In so trüben Zeiten, wie die unsrigen, wo ein Ahlwardt cs wogt, mit seinen unerhörten Anschuldigungen Stöcker noch fast zu übertrumpfen, ist es doppelt wohlthuend, Aeußerungen hervorragender christlicher Schriftsteller zu Gunsten unserer Glaubensgenossen, auch wenn sie der Vergangenheit angehören, aufzuzeichnen, denn alles in der Weltlitteratur über uns Gesagte wird unter den gegenwärtigen