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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-17 · Heft 25 (17.6.1892) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 25 (17.6.1892)
Date
1892-06-17
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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291 gleichfalls zur Kur dort anwesend. Der gefeierte Kanzelreducr und Reformator kam dem jüngern Manne mit großer Herzlichkeit entgegen, und ich hatte den Vorzug, an der Seite des vielgelehrten Meisters bei der öffentlichen jüdischen Wirthstafel zu sitzen; sogleich am ersten Tage gegen Schluß des Mahls wandte er sich zu mir mit den Worten: „Sie erlauben doch, lieber Kollege, daß ich jetzt ein deutsches Tisch-Gebet spreche." Ich antwortete freimüthig: „Ich erlaube es sicherlich, aber ich möchte nicht dazu rathen." Der treffliche Mann, der nie besonders ängstlich gewesen ist, erhob sich hierauf und sprach ein sehr schönes und gehaltvolles Gebet. Aber rings um uns ballte sich dunkles Gewölk, aus finstern Mienen war zu lesen, daß etwas Ungeheures, etwas Unerhörtes geschehen war. Noch entlud sich das Unwetter nicht. Aber am andern Tage, noch vor dem letzten Gange, da ertönte plötzlich mit schmetternder Ltinnue wie ein Schlachtruf: „Rabbossaj, wir wollen benschen", und sehr viele der Tischgesellschaft fielen, als gelte es in den Krieg zu ziehen, laut und mächtig ein. Wir Andern griffen nun, wie es jüdischer Titte gemäß ist, nach unser» Hüten und schlossen uns den Betenden au. Der Berliner Rabbiner, der wohl merkte, daß dieser Kriegszug gegen ihn gerichtet war, blieb ruhig unbedeckten Hauptes sitzen, und jo gestaltete sich die sonst so harmlose Szene wie ein Strafgericht, das über das Haupt dieses Sünders sich entlud. Die Augen der Ziouswüchter leuchteten wie im Triumphe, und doch war dem mildern Manne nichts Schlimmeres vorznwerfen, als daß er auf deutschem Boden unter deutschen Männern in deutscher Sprache ein Taukgebet zu Gott emporgcrichtet hatte. Einige Freunde des Rabbiners, die es schwer ertrugen, daß ihr geistlicher Führer gekränkt lvurde, trafen dann die salomonische Ent- 'cheidung, daß, um Niemand weh zu thun, weder hebräisch noch deutsch öffentlich an der Tafel gebetet werden solle. Woher kommt es nun, daß die Reform des Kultus so wenig Fortschritte gemacht hat? Die Forderungen sind ja doch ga»; »cruunftgemäß. Die Sehnsucht nach der Wiederherstellung des alten Tpferdienstes, die in den überkommenen Gebeten einen so ergreifenden Ausdruck findet, wird von der großen Mehrheit nicht getheilt, kaum oerstanden; bei dem Wunsche der Erneuerung des Reiches Israel mit der Hauptstadt Jerusalem gestatten sich Biele die Randbemerkung, im Falle dies Ereigniß eintrete, dann etwa das Generalkonsulat dieses neuen Reiches in Berlin zu erhalten; man braucht nicht rigoros >lle die ehrwürdigen Erinnerungen an die einstige politische Herrlichkeit unserer Gemeinschaft aus dem Gebetbuch herauszuweisen, aber diese nationalen jüdischen Empfindungen in ihrer Ueberschwänglichkeit und m ihrer Enge haben keinen Platz in unserer Seele; auch die Erwählung Israels, der geschichtliche Beruf Israels, läßt sich gerade, weil er so groß und erhaben ist, bescheidener, mit größerer Rücksicht gegen alle übrigen Völker aussprechen; unsere alten Gebete bekunden ferner eine Vertrautheit mit den Verhältnissen der Engel und der himmlischen Heerschaareu, deren sich unser modernes Geschlecht nicht rühmen kann; darum möchten wir auch nicht gern so viel von Engeln und ihrem thun reden; unsere Andacht wird erstickt durch die Ueberfülle der Gebete, wir können nicht mehr wie unsere Väter an einem Tage große, dicke Bücher beten; endlich scheint es angemessen, daß, während wir durch hebräische Gebete den Zusammenhang mit der jüdischen Gesammtheit wahren, wir auch die deutsche Muttersprache in unserem Gebete zu Ehren bringen; die Muttersprache sollte Jedem so heilig lein wie nur irgend eine andere, und ihre Laute erregen mehr als irgend eine andere Sprache das Innerste unserer Seele. Das sind kurz die wichtigsten Gesichtspunkte der Kultusreform. Warum wird es so schwer, ihnen weithin Geltung zu verschaffen? Eine nicht unwesentliche Schuld tragen die leitenden großen Gemeinden; diese haben Gebetbücher hergestellt, ohne daß eine Gemeinde mit der andern sich ins Einvernehmen setzte; jede Großgemcinde dachte nur an sich selbst, sorgte nur für sich selbst; wir können's ja haben, so wähnten die maßgebenden Persönlichkeiten und ließen ein Gebetbuch drucken für den engen Bezirk; den kleinern Gemeinden blieb nur die Möglichkeit, das, was in der Großgemeinde angeordnet war, unbedingt anzunehmen; dagegen sträubten sie sich; wäre von der Hauptstadt einer Provinz den Gemeinden dieser Provinz die Anregung geworden, sich zu verbinden, in gemeinsamer Berathung den Inhalt des Gebetbuches festzustellen, es wäre am Ende dem Werke zu Gute gekommen und Hütte der Einführung desselben innerhalb vieler Gemeinden des Bezirkes die Wege gebahnt. Daß auch die Großgemeinden nicht sogleich auf den ersten Anlauf das Richtige fanden, läßt sich aus der Wahrnehmung schließen, wie oft diese modernen Gebetbücher, nachdem sie eine Zeitlang in Gebrauch gewesen, wieder gegen andere vertauscht worden sind. Wenn ein neuer Rabbiner kam, so kam gewöhnlich auch in seinem Gefolge ein neues Gebetbuch. Die Bücher wurden auch zuweilen so rasch hergestellt, daß die Würde der Sache, der Werth der Arbeit darunter litt; die Lösung der Gebetbuchfrnge wurde so rapid betrieben, wie Jener die soziale Frage lösen wollte, und sollte er die ganze Nacht daran wenden. Schon jetzt waltet in Berlin und in Breslau, wie man hört, die Absicht vor, die Kultusreform auf's Neue in Fluß zu bringe». Die Gemeindevertretungen in den Hauptstädten vereinigen eine große Summe von Einsicht und von Macht; außerdem stehen diesen Herren so viele tüchtige Männer zur Verfügung; wenn sie sich großmüthig herbeiließen, zur Regelung dieser Kultusfragen die Provinzialen zu sich einzuladen, so wäre doch der Einfluß der hauptstädtischen Gemeinde überwiegend, aber das Resultat dieser Berathungen hätte dann eine größere Stabilität und eine größere Aussicht, in der ganzen Provinz angenommen zu werde». „Heit dem Geschlecht, wo die Großen auf die Kleinen hören," sagt der Talmud. Der Umstand, daß die neuen Gebetbücher sich selbst in den Gemeinden, in welchen sie entstanden sind, nicht lauge behaupte» können, daß oft schon ein Wechsel im Rabbinat genügt, um sie als veraltet und unzeitgemäß bei Seite zu schieben, läßt noch auf tiefert innere Schäden dieser Schöpfungen schließen. In der That sind diese Werke, unbeschadet der großen Verdienste ihrer Urheber, keine Musterleistungen; die Verfasser fanden die alten Gebetbücher vor; die Tcxle hatten sich tief eingeprägt; die Melodieen hatten sich dem jüdischen Volksgemüth tief eingesungen; cs ist in alter und neuer Zeit so gewesen, daß die Komponisten gerade unbedeutende Texte bevorzuge haben; der bedeutende Inhalt eines Gedichtes läßt der musikalischen Erfindung nur geringen Spielraum; oie Töne müssen in ihrer Weise das aussprechen, was der Dichter dem Tonmeister gleichsam vorgedacht hat; aber mit dem unbedeutenden Texte kann der Musiker schalten und walten wie er will. Auch die altjüdische synogogalc Musik folgt diesen Gesetzen, aber durch die Melodieen sind diese gedanklich schwächer» Stücke dem Juden theuer geworden. Die alten Gebete hatten vielfach zu ihrem Inhalt den Dpferdienst, den Tempel, Jerusalem, den Messias, den Sohn Davids; das war der Lebensnerv dieser Formeln; man hatte nicht den Muth, diese Formeln zu beseitigen, mau hatte nicht die Neigung, sie beizubehalten; so wurden denn die unbequemsten Stellen ausgeschnitten und etwas anderes, ähnlich Klingendes eingeschobeu; dieser neue hebräische Text war dem mit dem hebräischen Schriftthnm Vertrauten ungewohnt, und demjenigen, der überhaupt kein Hebräisch verstand, war die Aenderung gleichgiltig. Dieses Uunnodeln sollte ein Alt der Pietät sein und war in Wirklichkeit eine Jmpietüt; wir haben

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