Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1892)
- Date
- 1892-06-17
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Isidore Loeb. Bon Rabbiner Dr. Frank in Köln. In einigen Gegenden ist es Sitte, beim Bestich der Gräber lieber Verwandten und Freunde ein Steinchen auf den Grabstein niederzulegen. Was dieser Brauch bedeutet, ist nicht klar, vielleicht will der Besuchende in dem Steinchen dem theuren Verblichenen, neben dem konventionellen Grabstein, ein kleines Denkmal errichten. In diesen! Sinne möchte auch ich ein bescheidenes Steinchen auf das frische Grab des theuren Freundes legen, den man vor einigen Lagen auf dem Montparnasse in Paris zur ewigen Ruhe gebettet hat. Isidore Loeb war von Geburt ein Elsässer und hat seine wissenschaftliche Ausbildung am Rabbinerseminar in Metz erhalten. Der Verblichene war an erster Stelle Sekretär der „Alliance Jsraelite Universelle." Er war die Seele des großen, die Gesannntjudenheit umfassenden Instituts und besaß ein hervorragendes, organisatorisches Talent. Die 55 von der Alliance gegründeten Schulen (außer den Lehrlingswerkstätien) sind hauptsächlich sein Werk. Dabei verstand er es in vorzüglicher Weise, den verschiedenen Rationalitäten in Europa, Asien und Afrika, sowie den religiösen Richtungen in der Einrichtung der Schulen und der Anstellung der Lehrer und Lehrerinnen gerecht zu sein. Ein versöhnender Geist, der Gegensätze vermittelt und ausgleicht, leitete ihn in der Gesannntführnng der umfangreichen Geschäftsthätigkeit der Alliance. Man sah ihn in Deutschland zum letzten Male auf der großen, von dem Berliner Central-Komitee für die hilfsbedürftigen russischen Juden am 21. und 22. Oktober vorigen Jahres einberufenen Generalversammlung. Ter deutschen Sprache nicht ganz mächtig, verstand er es dennoch, seine Gedanken und Ansichten in klarer, präziser Form wiederzugeben; vorsichtig und überlegend in seiner Ansdrucksweise, ohne zu verletzen seine Gegenansichten auseinandersetzend, offen und gerade, mit einnehmenden, fast stets lächelnden Mienen, nahm er mit ununterbrochener Aufmerksamkeit und ernstem Eingehen auf die Berathungsgegenstände an den Debatten Theil. Loeb besaß das unbedingte Vertrauen des großen Wohlthäters der Juden, des Baron v. Hirsch; fast alle großen Wohlthaten und umfangreichen, Humanitären Unternehmungen des Letzteren zu Gunsten der Juden, mochte es sich um die russischen Juden, um Linderung eines Elementarunglücks, um Unterstützung einer durch eine Seuche heimgesuchten Gemeinde im Morgenlande handeln, geschahen durch Vermittelung des volles Vertrauen verdienenden Sekretärs der Alliance. Isidore Loeb war aber auch ein gründlicher Gelehrter und Forscher auf dein Gebiete der jüdischen Geschichte und Litteratur. Tie seit zehn Jahren bestehende „Sociele des Etudes Junes“ hat er vom Beginn an mit gründlichen, wissenschaftlichen Arbeiten geschichtlichen und historisch-bibliographischen Inhalts gefördert; teilt Band der ..Revue des etudes Juices“ erschien, in dem nicht eine gründliche, auf Quellenstudien beruhende Arbeit aus seiner Feder enthalten war. In der letzten Generalversammlung der Soviel e am 23. Januar 1892, in welcher der abtretende Präsident Professor Jules Oppert den Jahresbericht vortrug, wurde Loeb als Vorsitzender vorgeschlagen. Oppert nennt Loeb den ..Savanl distingue. ecrivain eminent, qui dirige depuis Ir« fnndalion de Ja Societc avee loid de lad el de Science volre Journal“ :c. Loeb mußte damals schon wegen Krankheit der Versammlung, die ihn einstimmig zum Präsidenten wühlte, fernbleiben er hat leider das Präsidium nicht antreten können. In gleicher hervorragender und erfolgreicher Weise wirkte der Verblichene am Seminaire JsraeJite als Lehrer der jüdischen Geschichte und Litteratur und gab sich auch in diesem Theile seiner Thütigkeit mit ganzer Seele und tiefeingeheuder Erfassung des Unterrichts-Gegenstandes seinem Berufe hin. Eine schwere Operation und langwierige Krankheit haben seinem irdischen Dasein im 53. Lebensjahre ein Ende bereitet. Sonntag, 5. Juni, Vormittags 9 Uhr, fand die feierliche Beerdigung von der Wohnung me des Marais 91 aus statt. Vor dem Leichenwagen fuhren der Grandraldmi de France Zadoc Kahn, der Grandraldmi de Paris Dreyfus und Rabbiner Israel Levy; zur Seite desselben gingen die Schüler der Fcole orientale, dann folgten die Schüler des Seminaire Israelite und die weiblichen Zöglinge, Lehramtskandidatinnen des Instituts Bischofsheim und eine große Schaar Leidtragender und Theilnehmer. Am Grabe hielt zuerst Grandrabbin Zadoc Kahn eine ergreifende Rede, dann Herr Rarcisse Leven, Vicepräsident der Alliance „Jsraelite Universelle"; als Dritter ein Delegirter der „Societe des Etudes Juices“ und zuletzt der Direktor des Rabbinerseminars. (Die Reden werden wahrscheinlich in dem Monatsbericht der Alliance zum Abdruck gelangen.) Isidore Loeb war unverheirathct und führte mit seiner gebildeten Schwester ein überaus glückliches, von geschwisterlicher Liebe gehobenes stilles, häusliches Leben; er nannte seine Schwester niemals anders als ma cliere, mon enfant. Edel und gut war Loeb; während meiner fast zwanzigjährigen Thütigkeit im Dienste der Alliance habe ich sein edles Herz, seinen reinen Charakter, seine antike Selbstlosigkeit, seinen biederen Sinn, seinen gediegenen Werth, seine ungeheuchelte Freundschaft schützen und würdigen gelernt; er war mein Gast, so oft ein Familienfest gefeiert wurde, nicht allein als offizieller Vertreter der Alliance, sondern auch als Freund des Hauses. In Wehmuth lege ich im Geist ein Steinchen auf sein Grab und denke dabei TIM IfirTUö nnvn! Mrßsiändr der jüdischen Liturgie. Von Tr. B. Rippner in Glogau. Noch vor wenigen Jahrzehnten sind gottesdienstliche Fragen mil Vorliebe und mit nicht geringer Umständlichkeit unter den deutschen Juden behandelt worden, sie nahmen in der öffentlichen Diskussion vielleicht mehr Raum eilt, als unbedingt nothwendig war; das hat sich sehr geändert, die Roth der Zeit hat uns so dringende Ausgabe» gestellt, daß die religiöse Reform, zumal die Knltusreform, zurückgedrängt worden ist; aber cs ist am Ende doch vom Hebel, die Frage über die Gestaltung unseres Gebetbuches ganz von der Tagesordnung abzusetzcn. Haben die Bestrebungen der Reform, welche in den vierziger Jahren und dann wieder in den siebziger Jahren besonders lebhaft gewesen und in einer ganzen Reihe von Gebetbüchern zum Ansdruck gekommen sind, einen großen Einfluß auf das allgemeine jüdische Bewußtsein gewonnen? Es giebt ein einfaches Mittel, sich darüber zu vergewiffern. So viele Inden reisen zur schönen Sommerzeit ins Bad; in allen größer« Badeorten finden während der Saison jüdische Gottesdienste statt, bei diesen Gottesdiensten ist aber der alte Siddnr die alleinige Norm; da geht es gerade so zu wie bei unscrn Altvordern; die Rabbiner- Versammlungen und Synoden sind mit keiner Neuerung, die sie vorgeschlagen haben, soweit durchgedrungen, um bei diesen Veranstaltungen, wo sich Menschen aus den verschiedensten Gemeinden zusammenfinden, die alten Ueberliefernngen zu verdrängen. Der Einfluß der Reform war nickt tief genug; ein sonderbares Begegniß, dessen Zeuge der Schreiber dieser Zeilen Anfangs der siebziger Jahre gewesen ist, mag diese Thatsache beleuchten; ich war damals als eben flügge gewordener Rabbiner in einem großen Nordseebade, und ein berühmter und gelehrter freisinniger Rabbiner Berlins war