Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
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lichuiig dieses seines politischen Traumes scheinen ihm die in allen Staaten und unter alten Verhältnissen vorgebildeten Juden, die allein heute einen internationalen Charakter haben, die wichtigsten Elemente unb geeignetsten Mittel. Nietzsche definirt diesen Charakter, den so diel geschmähten, aber für eine europäische Zukunftspolitik im großen Stil so sehr geeigneten j Charakter der Juden in einem größeren Aphorismus (205) im! Buch der unter dem Titel „ M o r g e n r ö t h e" gesammelten i „Gedanken über die moralischen Vorurtheile", welchen wir uns! nicht eirtschlagen können, hier ganz wiederzilgeben:! „Vom Volke Israel: Zn den Schauspielen, auf welche uns das; nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksale der! europäischen Juden. Daß sie ihren Würfel geworfen, ihren j überschritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen: es bleibt ihnen! nnr noch übrig, entweder die Herren Europa's zu werden oder Europa! zu verlieren, so wie sie einst vor langen Zeiten Aegypten verloren, wo! sie sich vor ein ähnliches Entweder-Oder gestellt halten. In Europa! aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, j wie sie hier kein andres Volk aufweisen kann, und zwar so, daß nicht! eben der Geineinschaft, aberZun so mehr den Einzelnen die Erfahrungen j dieser entsetzlichen Uebungszeit zu Gute gekommen sind. In Folge davon; sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden; außerordentlich; sie greifen in der Noch am seltensten von Allen, die 1 Europa bewohnen, zürn Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen j Verlegenheit zu entgehen — was dem geringer Begabten so nahe liegt, j Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine j Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in! furchtbaren Lagen, von feinster Ueberlistnug und Ausnützung des Unglücks j und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher j Unterwerfung, ihr Heroismus im spernere se sperni übertrifft die; Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen dadurch,! daß man sie zwei Jahrtausende lang verächtlich behandelte und ihnen! den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, dafür sie um! so tiefer in die schmutzigeren Gewerbe hineinstieß, und wahrhaftig, sie , sind unter dieser Prozedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtliche Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu; glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie ausgehört,! sie zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und ihre Kinder ehren,! die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten zeichnet sie unter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie es, ein Gefühl der Macht und der , ewigen Rache sich ans eben den Gewerben zu schaffen, welche man ihnen überließ (oder denen man sie überließ); man muß es zur Entschuldigung selbst ihres Wuchers sagen, daß sie ohne diese gelegentliche, angenehme itnb nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, sich so lange selbst zu achten. Denn unsere Achtung vor uns selber ist daran gebunden, daß wir Wiedervergeltung im Guten und Schlimmen : üben können. Dabei reißt sie ihre Rache nicht leicht zu weit; denn sie haben Alle die Freisinnigkeit, auch die der Seele, zu welcher der häufige! Wechsel des Ortes, des Klimans, der Sitten von Nachbarn und Unterdrückern der Menschen erzieht, sie besitzen die bei Weitem größte Erfahrung. Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und Gewitztheit sind sie so sicher, daß sie nie, selbst in der bittersten Lage nicht nöthig haben, mit der physischen Kraft, als grobe Arbeiter, Lastträger, Ackerbausklaven ihr Brod zu erwerben. Ihren Manieren merkt man noch an, das; man ihnen niemals ritterlich vornehme Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um den Leib gegeben hat; etwas Zudringliches wechselt mit einer; oft zärtlichen, fast stets peinlichen Unterwürfigkeit. Aber jetzt, da sie unvermeidlich von Jahr zu Jahr mehr sich mit dein besten Adel Europa's verschwägern, werden sie bald eine gute Erbschaft von Manieren des Geistes und Leibes gemacht haben; so daß sie in hundert Jahren schon vornehm genug dreinschauen werden, um als Herren bei den ihnen Unterworfenen nicht Scham zu erregen. Und darauf kommt es an! Deshalb ist ein Austrag ihrer Sache für jetzt noch verfrüht! Sie wissen selber am besten, daß an eine Eroberung Europas und an irgend welche Gewaltsamkeit für sie nicht zu denken ist; wohl aber, daß Europa irgendwann einmal wie eine völlig reife Frucht ihnen in die Hände fallen dürfte, welche sich ihr nur leicht entgegenstreckt. Inzwischen haben sie dazu nöthig, auf allen Gebieten der europäischen Auszeichnung sich auszuzeichnen und unter den Ersten zu stehen, bis sie es so weit bringen, das, was auszeichneu soll, selber zu bestimmen. Tann werden sie die Erfinder;t;;b Wegweiser der Europäer heißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jede jüdische Familie ansmacht, diese Fülle von Leidenschafte;;, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werkes Dann, wenn die Inden auf solche Edelsteine und goldene Gefäße als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker kiirzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen und vermochte;;, wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird; dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Jndengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf — und wir Alle, Alle wollen uns mit ihm freuen." In seinem tiefsten Buch, dem „Vorspiel einer Philosophie der Zukunft", genannt „Jenseits von Gut und Böse", kommt Nietzsche auf die Ursache;; des Antisenntismus zu sprechen und führt ihn auf ein Schwächegefühl der europäischen Völker zurück, die noch durch die Silben in ihrer Eigenart verwischt zu werden fürchten. Denn die Juden sind nach Nietzsche heute die stärkste Rasse, die in Europa lebt. „Sie verstehen es", sagt er im 252. Aphorismus (8. Hauptstück, S. 211 f.) „selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich durch zusetzen (besser sogar, als unter günstigen.), vermöge irgend welcher Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln inöchte, — Dank vor Allem einem resoluten Glauben, der sich vor den „;;;odernen Ideen" nicht zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich verändern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen macht, — als ein Reich, das Zeit hat und nicht von gestern ist; — nämlich nach den; Grundsätze „so langsain als möglich". Ein Denker, der die Zukunft Europas auf seiuem Gewisse;; hat, wird bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit den Russen, als den zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Faktoren im großen Spiel und Kampf der Kräfte. Das, was heute in Europa „Nation" genannt wird und eigentlich mehr eine res facta als nata ist (ja mitunter einer res facta et picta zum Verwechseln ähnlich sieht), ist in jedem Falle etwas Werdendes, Junges, leicht Verschiebbares, noch keine Nasse, geschweige denn ein solches aere pereimius, wie es die Inden-Art ist: Diese „Nationen" sollten sich doch aber vor jeder hitzköpfigen Konkurrenz und Feindseligkeit sorgfältig in 'Acht nehme;;! Das; die Jtlden, wenn sie wollten — oder, wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen — jetzt schon das Uebergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest, daß sie nicht darauf hin arbeiten und Pläne machen, ebenfalls. Eins; weilen wolle;; und wünschen sie vielmehr, sogar mit einiger Zudringlich feit, in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürsten darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden" ein Ziel zu setzen; — und man sollte diesen Zug und Drang «der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Instinkte ausdrückt) wohl beachten und ihn; eutgegenkouuuen: wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisenütischen Schreihälse des Landes zu verweisen. Mit aller Vorsicht entgegenkonnueu, mit Auswahl; ungefähr so wie der englische Adel es thut. Es liegtauf der Hand, daß am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereite fester geprägten Typen des neuen Deutschthums nüt ihnen eiulasseu könnten, zum Beispiel der adelige Offizier aus der Mark; es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen S’iunft des Befehlend und Gehorchens — in Beiden; ist das bezeichnete Land heute klassisch — das Genie des Geldes und der Geduld (und vor 'Allen; etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichnete;; Stelle fehlt) Hinzuthun, hinzuzüchten ließe. Doch hier ziemt es sich, meine heitere Deutschthü;nelei und Festrede abzubrechen: denn ich rühre bereits an meinen; Ernst, an das „europäische Problem", wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen über Europa regierenden Kaste." Doch genug der Beispiele für Nietzsches Anschauungen über die politische Stellung und Aufgabe des modernen Judenthmns. Man