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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-10 · Heft 24 (10.6.1892) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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284 kann sagen, daß kaum ein moderner Philosoph, daß die Juden selbst nicht, heute über sich so kühn und groß zu denken, geschweige denn zu sprechen wagen. Wir haben das Wichtigste von Nietzsches politischen Aeußerungen über das Judenthuin angeführt. Es erübrigt nur noch, auf seine sonstigen kulturellen, religiösen, litterarischcn und anderen Aeußerungen über Juden und Judenthum einen flüchtigen Blick zu werfen. Fast überall, wo es sich um moderne Knltnrproblcme handelt, finden wir Aehnliches. In demselben Buche, das wir oben zitirtcn, wirft er kurz vorher (S. 209 f.) die Frage auf: Was Europa den Juden verdankt? und beantwortet diese Frage: „Vieles und Vielerlei, Gutes und Schlimmes und vor Allein Eins, das vom Vesten und Schlimmsten zugleich ist: den großen Stil in der Moral, die Fnrchbarkeit und Majestät unendlicher Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten — und folgtich gerade den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jener Farbenspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschinnner heute der Himmel unserer europäischen Kultur, ihr Abend-Himmel glüht, — vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen sind dafür den Inden — dankbar." Nietzsches sonstige Betrachtungsweise über das Judenthuin wird zum Theil von seinem Haß gegen das Christenthum, gegen den Pessimismus des Ehristeiithums und der modernen abendländischen Kultur eingegeben. Er rühmt deshalb in der „Morgenröthe" (72. Aphorismus) den Juden nach, daß sie „gleich den Griechen und mehr noch als die Griechen" am Leben hingen und hängen, sie hatten es deshalb auch nicht nöthig, die Vorstellung über das „Nach dein Tode" gleich den Christen ins Maßlose auszubilden. Nichts destoweniger sind es die Juden, die nach Nietzsche die Sünde nach Europa gebracht nnd dieses durch die Christen derart „verjüdelt" haben, daß den modernen Europäern das Hellenenthum, „eine Welt ohiie Sündengefühl" mit seiner Tragik fast ganz fremd geivorden ist. Als Mutter des Christenthnms kommt die jüdische Religion bei Nietzsche nicht allzu gut fort. Gegenüber jener rühint er ihr zwar immer eine gewisse Größe, „den großen Stil", irach, das alte Testament hat nach ihm Stellen von so großem Stil, daß weder die Griechen noch die Inder ihm etwas zur Seite zn setzen hätten, und aus dein man mit Schrecken und Ehrfurcht erblickt, ivas der Mensch einst war („der Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein auf „Groß" und „Klein""). Andererseits aber wirft er die Juden als Religionsvolk mit den Christen in die Klasse der Sklaven, die jüdisch-christliche Moral ist die Sklaven-Moral. Mit dem jüdischen Volk „beginnt der Sklaven- Aufstand der Moral". Nach Nietzsche giebt es nämlich zwei Moralen: eine Herren- und eine Sklaven-Moral, für die crstere giebt Irland, Rom, Hellas, die Renaissance, für die letztere namentlich das Christenthum, das moderiie Eiiropa und insbesondere die englische Philosophie die besten Beispiele. (Die Definition findet sich im Epilog zum „Fall Wagner"). Die Juden haben jenes Wunderstück der Umkehrung der Werthe zu Stailde gebracht, durch welche die Reichen, Großen und Gewaltigen in die Bösen, Gottlose», Unheiligen nnigewandelt wurden, eine Uinwandlung, die dann durch das Christenthum raffinirt wurde. Mit diesem Thema beschäftigt sich vor Allem die erste Abtheilung der „Genesis der Moral"; ein Buch, das der Autor selbst für sein kühnstes erklärt. „Die Juden sind es gewesen", heißt es hier (S. 12 f.), „die gegen die aristokratische Werthschätzung (gut-vornehm-mächtig-schönglücklich-gottgeliebt) mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zähnen des abgründlichsten Hasses festgehaltcn haben, nämlich die Elenden sind allein die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten u. s. w. — dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen nnd Grausamen u. s. f. Das eben ist der Sklaven-Aufstand in der Moral, für den wir nur deshalb heute keine Allgen niehr haben, „weil er — siegreich gewesen ist. . ." Der Sieg des Christenthums ist demnach, das wird im nächsten Aphorismus ausgeführt, ein indirekter Sieg des Judcnthums, ein Ergebnis; jenes „tiefsten und sublimsteil, nämlich Ideale schaffenden, Werthe umschaffenden Hasses, dessengleichen nie ans Erden dagewesen ist . . ." Diese beiden Seiten des Judenthums, die politische Aufgabe des modernen Inden nnd die Eiitstehung der christlichen Moral im alten Jndäa, beschäftigen Nietzsche am häufigsten nnd tiefsten, weshalb wir sie auch am ausführlichsten behandelten, während wir die mancherlei geistreichen Bemerkungen über Einzelheiten hier gar nicht alle aufzuführen gedenken. Es würde uns das zli weit führen. Man wird vielleicht zwischen der Behandlung dieser beiden Seiten der Judenfrage bei Nietzsche etwas wie einen Gegensatz nnd Widerspruch erkennen. Und es wird nicht leicht sein, die Einheit hier herzustellen. Doch ist dies auch gar nicht unsere Aufgabe. Wir wollten hier nur die Thatsachen feststellcn und die interessanteii und geistreichen Ausführungen Nietzsches über das Judenthum einmal zusaminenstellen, vergleichen und einem weiteren Leserkreise übermitteln. Eine oberflächlich banale Behandlung der Frage wird man auch, man mag über das oben Mitgetheilte denken wie inan will, bei Nietzsche niemals finden. Er denkt, ohne etwa „Philosemit" zu sein, niemals und an keiner Stelle von den Juden klein, und er weiß, wie man es selbst bei den entschiedensten Vertheidigern des Judenthums, auch bei ihnen selber nicht findet, selbst in ihre Schwächen nnd Fehler etwas ivie Größe hineinzulcgen. Denn er läßt sie eben nicht als „Anch-Menschen" gelten, sondern er hat sich mit ihnen tief und nachhaltig beschäftigt und erräth fast ihre verborgensten Geheimnisse. Die Juden, deren Dankbarkeit eine selbst voii ihren Feinden anerkannte Tugend ist, werden zuiii Dank sich mit diesem Philosophen näher beschäftigen. Denn man muß ihn sehr gründlich stiidiren, wenn man seinen Standpunkt und seine Absichten wahrhaft verstehen will.? Nie Juden in der Zeit der Sefreiimgskriege. Von Rabbiner Dr. I. K o h n in Jnowrazlaw. Zur besseren Belehrung unserer Gegner veröffentlichen wir hier die folgenden Aktenstücke aus dem Archiv unserer Synagogen Gemeinde. Mögen sie aus denselben ersehen, daß die Juden Preußens schon vor acht Jahrzehnten für ihr theures Vaterland in Liebe und Begeisterung erglühten und in die Bethätigung ihres Patriotismus ihren größten Stolz setzten. — Daß wir Juden aber nach 80 Jahren weniger patriotisch gewordeii sind, als unsere Vorfahren zu jener Zeit gewesen, das wird man den Antisemiten nicht glauben, auch selbst wenn sie es vor Gericht beschwören sollten.

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