Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Gefühls lesen können, 2. ans der vvrhmidenen jüdischen Jn^endlitteratnr die brauchbaren Jngendschriften auszusuchen, und 3. neu erscheinende Bücher zu Prüfen und sie eveniuell zur Anschafsuiu; zu einpfehleu." Tie eiupfehlenswerthen Bücher müssen öffentlich besonders durch die Presse besprochen und zur Kenutniß des Publikums gebracht werden. Die vom Teutsch-Jsraelitischcu Genieindebund eiugeleiteten Schritte zur Erlangung einer guten Jugendlitteratur können mit Freude begrüßt und die Unterstützung derselben durch die Lehrer dringend empföhle» werden. Für unsere Kinder ist das Beste eben gut genug. 9 Friedrich Nietzsche über das Iudenthinn. Von Leo Berg. In der Nachfluth der antisemitischen Strömung sind namentlich, in den letzten Jahren auch die Gebildeten und Gelehrten nicht ohne ihren Einfluß geblieben. In wissenschaftlichen Kreisen, besonders aber in der akademischen Jugend hat sich der Antisemitismus tiefer eingefressen, als oft gewußt oder geahnt wird. Die Gelehrten und Gebildeten nun, die nicht direkt oder indirekt dem Antisemitismus huldigen, ja, ihn sogar entschieden abweisen, stehen ihrerseits auf einem liberalen und humanistischen Standpunkte. Sie erklären und empfinden den Inden als ihren Bruder und Mitbürger, sie behandeln ihn eben auch als Menschen. Er ist nicht besser und nicht schlechter als alle Anderen, heißt es da, und sofern er Fehler und Laster hat, ist es immer der einzelne Mensch, welcher diese Fehler und Laster hat, wie es solche fehler- und lasterhaften Menschen überall giebt; jedenfalls haben diese Fehler und Laster, dann aber auch ebenso die Tugenden und Vorzüge, nichts mit der Religion oder Rasse zu thun. Und die Inden sind im Allgemeinen ganz zufrieden, wenn sie noch immer diesen Anschauungen begegnen, ja, sie verlangen kaum mehr, weil sie nur zu genau wissen, jedes besondere Lob und jede Sonderstellung kann heute nur gar zu leicht zu ihrem Schaden ausschlagen. Allein, es dürfte die Leser dieser Zeitschrift doch interessireu, von einem Manne zu erfahren, der als Nicht-Jude zu dem Judenthum eine ganz besondere Sonderstellung einnahm, der sich nicht damit begnügte, den Juden „auch als Menschen" gelten zu lassen, sondern ihm ganz besondere Vorzüge anerkannte und in der Judenfrage ein politisches Problem von europäischer Bedeutung, im Juden selbst! aber beu Vertreter einer für die moderne Fortentwickelung durch ihre! Art, Vergangenheit und Geschichte ganz besonders tüchtigen und j wichtigen Rasse sah: nämlich Friedrich Nietzsche, den berühmten | Philosophen von „Jenseits von Gut und Böse", den Dichter von „Also sprach Zarathratra". Seine Gedanken über Juden und Judenthum wollen wir hier in ihren Haupttheilen wiedergeben. Diese seine Gedanken müssen Nietzsche erst in späteren Jahren gekommen sein, sie stehen zu sehr im Zusammenhänge mit seinen Versuchen der „Umkehrung aller Werthe", denn er versucht es auch, hinsichtlich der Juden die Werthbestimmungen zu ändern und unzeitgemäß zu werden.! Nietzsche spricht sich in seinen ersten Schriften noch nicht über die! Juden aus, aber eine Stelle in seinem genialen Erstlingswerke! „Die Geburt der Tragödie" verräth, daß er damals im Allgemeinen,! wie in künstlerischen und wissenschaftlichen Fragen, so auch in dieser j sich vom nationalen Fieber der siebziger Jahre erfassen ließ. Er j handelt hier von der Prometheus-Sage, in der er das tragische Symbol aller Zeiten erkennt, und weist auf den ursprünglich arischen Ursprung dieser Sage hin, während nach ihm für die semitischen Völker der Sündenfall-Mythus etwa eine ähnliche Bedeutung hat, zwei Sagen, die verwandt sind wie Bruder und Schwester. Und weiter heißt es: „So wird denn von den Ariern der Frevel als Mann, von den Semiten die Sünde als Weib verstanden." Nietzsche sagt es nicht direkt, aber es blickt doch durch, daß er den Ariern mehr Männlichkeit zuerkennt und im Semitenthum etwas wie eine Art Femininismus erblickt. Aber schon wenige Jahre später finden wir bei dem Philosophen einen ganz anderen, viel weiteren Blick für das jüdische Wesen; übrigens spricht er hier zum ersten Mal von den modernen Juden. In seiner glänzenden Aphorismen-Sammlung „Menschliches — A l l z u m e n s ch l i ch e s" finden wir in der 8. Abtheilung „Ein Blick auf den Staat" als Nr. 474 folgenden Aphorisnms, den wir seiner Wichtigkeit wegen hier wiedergeben wollen. „Beiläufig das ganze Problem der Juden ist nur innerhalb der nationalen Staaten vorhanden, in sofern hier überall ihre Thatkräftigkeit und höhere Intelligenz, ihr in langer Leidensschule von Geschlecht zu Geschlecht angehäuftes Geist- und Willenskapital in einen: Neid und Haß erweckendem Maße zum Uebergewicht kommen muß, so daß die litterarische Unart fast in allen jetzigen Nationen überhand nimmt — und zwar je mehr diese sich wieder national geberden — die Juden als Sündenböcke aller möglichen öffentlichen und inneren Uebelstände zur Schlachtbank zu führen. Sobald es sich nicht mehr um Konservirung von Stationen, sondern um die Erzeugung einer möglichst kräftigen europäischen Mischrasse handelt, ist der Jude als Ingredienz ebenso brauchbar und erwünscht als irgend ein anderer nationaler Nest. Unangenehme, ja gefährliche Eigenschaften hat jede Nation, jeder Mensch; es ist grausam, zu verlangen, daß der Jude eine Ausnahme machen soll. Jene Eigenschaften mögen sogar bei ihm in besonderem Maße gefährlich und abschreckend sein, und vielleicht ist der jugendliche Börsen-Jude die widerliche Erfindung des Menschengeschlechtes überhaupt. Trotzdem möchte ich wissen, wie viel man bei einer Gesammtabrechnung einem Volke Nachsehen muß, welches, nicht ohne unser Aller Schuld, die leidvollste Geschichte unter allen Völkern gehabt hat, und dem man den edelsten Menschen (Christus), den reinsten Weisen (Spinoza), das mächtigste Buch und das wirkungsvollste Sittengesetz der Welt verdankt. Ueberdies: in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters, als sich die asiatische Wolkenschicht schwer über Europa gelagert hatte, waren es jüdische Freidenker, Gelehrte und Aerzte, welche das Banner der Aufklärung und der geistigen Unabhängigkeit unter dem härtesten persönlichen Zwange festhielten und Europa gegen: Asien vertheidigten; ihren Bemühungen ist es nicht am wenigsten zu danken, daß eine natürlichere, vernunftgenüißere und jedenfalls unmythische Erklärung der Welt endlich wieder zum Siege kommen konnte, und daß der Ring der Kultur, welcher uns jetzt mit der Aufklärung des griechischrömischen Alterthums zusaunnenknüpft, unzerbrochen blieb. Wenn das Christenthum Alles gethan hat, um den Occident zn orientalisiren, so hat das Judenthum wesentlich mit dabei geholfen, ihn immer wieder zu oeeidentalisiren: was in einem bestimmten Sinne so viel heißt, als Europas Aufgabe und Geschichte zn einer Fortsetzung der griechischen zu machen." Diese Auffassung findet sich an verschiedenen Stellen bei Nietzsche wieder, es war also auch kein vereinzelter, zufälliger Einfall, eine Laune, der er bald selbst wieder widersprochen hätte. Um diese Auffassung zu verstehen, muß man Nietzsche's politische Gesinnung kennen. Nach ihm haben die europäischen Völker die Tendenz eins, d. h. ein Großstaat zu werden?) Und zur Verwirk- *) Auf diesen Gedanken baut sich eine im vorigen Jahre anonym im I. G. Sallis'schen Verlage in Berlin erschienene Broschüre auf („D i e I u d e n f r a g e ein K u l t u r p r o b l e m"), welche Gut und Böse der modernen Juden scharf abwägt, in der Judenfrage eine weite Perspektive eröffnet und den Inden gleichfalls eine hohe Kultur- Aufgabe bei der europäischen Kultur-Entwickelung zuweist.