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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-10 · Heft 24 (10.6.1892) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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Auf Anregung des Deutschen Rabbinerverbandes sind in mehreren Gemeinden Schülerbibliotheken errichtet worden (in Königsberg besteht eine solche schon seit 1806), die von Schülern und Erwachsenen mit gleichem Eifer benutzt werden. Herr Dr. Münz in Glewitz, ein sehr eifriger Förderer der Jugendlitteraiur, will in seiner Gemeinde eine nicht zu unterschützende Wirkung der Benutzung der von ihm geleiteten Bibliothek wahrgenommen haben. Wenn wir jedoch andrerseits auf größte Gleichgiltigkeit, ja sogar Mißachtung gegen die jüdische Jugendlitteratur stoßen, so müssen wir offen gestehen, daß der Grund für diese trübselige Erscheinung in der Mangelhaftigkeit der Jugendschriften liegt. Man kann sie z. Bvon einer gewissen Geschmacklosigkeit nicht freisprechen. Bor allen Dingen aber fehlt ihnen jener kindliche Ton, der so ungemein viel Anziehungskraft auf das jugendliche Gemüth ausübt; hierzu kommen noch andere Mängel, wie ungeeigneter Stoff, falsches Deutsch u. s.w. Jüdische Jugendschriften sollen wie folgt beschaffen sein, wenn sie ihren Zweck erfüllen sollen: sie müssen unsere Jugend in angenehmer und anregender Weise über jüdische Geschichte und jüdisches Leben belehren; sie müssen durch Wärme und Innigkeit der Auffassung das jugendliche Herz mit Liebe und Begeisterung für den angestammten Glauben erfüllen. Solche Bücher müssen Geist und Geniüth mit jenem Feuer erwärmen, das am Sinai entzündet wurde. In Hinsicht auf die Form muß (nach Jost) die Beobachtung des neuesten Geschmackes zur Pflicht gemacht, vor allen Dingen muß aber gutes Deutsch gefordert werden. Eine leicht verständliche und fesselnde Sprache muß den Schriften eigen sein. Von würdigem Ernst durchdrungen, muß die Schrift so angelegt sein, daß Lehrer und Eltern an dem Werke ein bleibendes Mittel besitzen, der Jugend nach Gelegenheit und Veranlassung dasjenige mitzutheilen, was im Augenblick eine erwünschte Wirkung thun könnte. Was den Inhalt anbclangt. gehören in die Jugendschriften: 1. eigentliche Belehrungen, ]. B. schöne Sittensprüche, geistreiche Gedanken, Sprichwörter jüdischer Volksweisheit und Erfährungssütze; denn darin zeigen sich am deutlichsten Gesinnung und Grundsätze des jüdischen Volkes, 2. lehrreiche Schilderungen aus der jüdischen Geschichte und dem jüdischen Familienleben, in denen Züge von Großherzigkeit, Hingebung, wahrer Frömmigkeit und überhaupt das sittliche Element vorherrschend ist. Aus diesen Schilderungen sollen die Kinder lernen, wie und wodurch unser Volk trotz der widerwärtigsten Verfolgungen und Bedrückungen sich erhalten und noch an gemeinnützigen Bestrebungen stets regen Antheil genommen hat, wie die Achtung gegen Eltern, Lehrer, das Alter und die Obrigkeit ihm heilige Pflicht war; 3. Biographien hervorragender Persönlichkeiten aller Art, die eine sittliche Gesinnung beurkunden oder durch Leistungen in Kunst und Wissenschaft und gemeinnütziger Wirksamkeit sich auszeichnen; 4. erhabene und erbauende, vom Geist der Religion Israels getragene Dichtungen. Nach diesen Gesichtspunkten müssen unsere Jugendschriften versaßt und aus den vorhandenen die brauchbaren von pädagogischer Hand ausgewählt werden. Eine zweckentsprechende Jugendschrift muß unbedingt eine pädagogische Leistung, der Verfasser ein Pädagoge sein. 0 Dr. Bamberger, Bericht über die Religionsschule in Königsberg. In den Reihen der jüdischen Jugendschriftsteller finden wir Philosophen, Theologen und andere Gelehrte, deren guten Willen und brave Absicht wir dankbar anerkennen, deren angeblich für die Jugend verfaßte Schriften aber der treffendste Beweis dafür sind, daß doch nicht jeder sonst noch so brauchbare Schriftsteller Zugleich für die Jugend schreiben kann. Auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft haben Glaubensbrüder sich große Verdienste und hohe Auszeichnungen erworben; die Pädagogik ist jedoch von ihnen stiefmütterlich behandelt worden. Aber auch die wenigen tüchtigen Pädagogen von Beruf haben sich bis jetzt wenig um die Jugendschrifteii gekümmert, was zum Theil in der geringen Aussicht auf guten Absatz eine Entschuldigung finden mag.;Die Zahl der Mütter, Lehrer, Erzieher u. s. w., welche Bücher religiösen Inhaltes lesen und den Kindern zu lesen geben, ist leider eine sehr geringe. Die Gleichgiltigkeit gegen unseren Glauben macht sich besonders in dem mangelhaften Interesse für jüdische Schriften bemerkbar, wodurch der Erfolg der religiösen Erziehung beeinträchtigt wird und die wenigen fähigen Jugendschriftsteller in ihrem Streben für Veröffentlichung guter Schriften eutmuthigt werden. Gegen diese Gleichgiltigkeit zu kämpfen, ist eine schwere, aber um so verdienstvollere Aufgabe, der sich der Erzieher mit Unermüdlichkeit und mit Aufbietung seines ganzen Einflusses unterziehen soll, wozu ihn seine berufliche Thätigkeit und gesellschaftliche Stellung verpflichtet und ihm reichliche Gelegenheit bietet. Die Hauptsache liegt im Hause, im Vorbild der Eltern, in der Erziehung. In das Haus muß der religiöse Sinn wieder eingezogen sein, im Hause, in der Familie muß das religiöse Leben wieder Platz gegriffen haben; durch das elterliche Haus müssen die jugendlichen Seelen wieder an die Religion geknüpft werden, um diese wieder zu einem wesentlichen und wirksamen Element zu machen, sagt Philippson. Es kommt nicht selten vor, daß der Lehrer angegangen wird, Lektüre zu empfehlen oder Bücher zu leihen. Eine derartige und ähnliche Gelegenheit benutze der Lehrer, um der jüdischen Litteratur den Weg in die Familien zu öffnen. Hier müssen die biblischen Erzählungen, die Propheten, die Psalmen, die Pirke Aboth, die Gedichte Inda Halevis, die Anthologieen von Frankl und von Karpelcs, eine gute jüdische Geschichte und Litteratur, zum mindesten neben Schiller, Goethe u. s. w. auf dem Lesetischc zu finden sein und fleißig gelesen werden. Hierzu kann und muß der Lehrer Veranlassung und Anregung geben. Dadurch wird Leselust für jüdische Schriften geweckt, dadurch wird Freude an dieser Lektüre geschaffen. Die Neigung für das Lesen solcher Schriften wird gar bald auf die Kinder übertragen. Ist dies gelungen, dann werden auch die Aussichten auf guten Absatz jüdischer Jugendschriften bessere werden; dann werden auch die QLlN ‘UMK die berufenen Männer, die sonst einen größeren Leserkreis suchen, ihre Fähigkeiten in den Dienst dieser guten Sache stellen. Das würde der erste und wohl wichtigste Schritt zur Befestigung des unleugbaren Mangels an guten Schriften für unsere Jugend sein. Dann aber müßten jüdische Bildungs- und ähnliche Vereine, edeldenkende Privatpersonen, wohlhabende Gemeinden u. s. w. Preise aussetzen für gute Jugendschriften. Es erübrigt wohl, nachzuweisen, daß auf diese Weise die jüdische Jugendlitteratur gar bald eine Bereicherung erfahren würde, sowohl qualitativ, als auch quantitativ. Zu Preisrichtern müßten aber in erster Reihe Pädagogen gewählt werden. Ferner wird es sich empfehlen, daß die jüdischen Lehrervereine die Frage der Jugendschriften zum Gegenstand ihrer Berathungen machen und — wie es der „Verein ehemaliger Zöglinge der jüdischen Lehrerbildungs-Anstalt in Berlin" gethan — eine Kommission wühlen, deren Aufgabe es sei, „1. unter Berücksichtigung der Alters¬ und Bildungsstufen aus der allgemeinen Jugendlitteratur solche Bücher auszuwählen, welch: jüdische Kinder ohne Verletzung des religiösen

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