Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 das Organ des assimilatorischen Vereins „Agudath Achim", ihr Prograinm allemal mehr, so daß von der alten Herrlichkeit nnr noch die Phrasen übrig geblieben sind. Bei den besseren jüdischen Elementen im Lande, besonders der akademisch gebildeten Jugend, macht sich vielmehr ein energisches Bestreben nach innerer Konsolidirung, nach Bereinigung der eigenen Kräfte, für das eigene Wohl, bemerkbar. Man darf wohl sagen, cs ist jetzt eine jüdischpolitische Partei in Galizien im Werden. Nicht geringe Verdienste hat hierbei der LembergcrVerein „Zion", der bei seinen litterarischwissenschaftlichcn Tendenzen die politische Konsolidirnng der galizischen Judenschast anstrebt und erfolgreich an der Verwirklichung dieses Gedankens arbeitet. Ich sage „erfolgreich", denn die studirendc Jugend wurde zum großen Thcil bereits für diese Bestrebungen gewonnen. Das ist der größte Erfolg für eine junge, werdende Bewegung. So hatten wie auch neuerdings Gelegenheit, die jüdische Jugend Lembergs wacker und unerschrocken für ihre Ideale eintrcten zu sehen. Die jüdische Studentenschaft, die nebenbei bemerkt, vor gar nicht langer Zeit sich ihres Judenthums thatsächlich schämte, veranstaltete im Tempel eine Feier zur Erinnerung an die Vertreibung der Juden aus Spanien, wobei Dr. Earo eine Rede hielt. Vor Beginn der Feier wurden unter den Anwesenden in polnischer Sprache verfaßte Aufrufe vcrthcilt, die unsere gegenwärtige Lage in Galizien und die Mittel zur Verbesserung derselben in begeisterten Worten besprechen. „Vereinigt Euch, befasset Euch mit Eurem Volke, verbreitet die Kenntniß unserer jüdischen Geschichte und unserer hebräischen Sprache, denket an die Verbesserung unserer wirthschafttichen und moralischen Lage" — mit diesen Worten schließt der Aufruf, der sicherlich seine Wirkung nicht verfehlen wird. Von tucit größerem Umfange und größerer Tragweite ist eine Kundgebung, die in den letzten Tagen vom gcnauuten Verein „Zion" ausging. Es ist eine elegant ausgestattete polnische Broschüre, betitelt: ,.Jakim byc powinien pvogra.ni mlodziezy zydow.skiöj?“ (Wie soll daS Programm der jüdischen Jugend beschaffen sein?) Nachdem der Autor das Weseir der Judensrage im Allgemeinen klar und sachlich auseinandcrgesetzt, geht er zur Schilderung der galizischen Zustände über. Wir sehen hier eilt uns bekanntes trauriges aber wahres Bild; das jüdische Knüblcin, das schon in der Normalschule allerlei Zurücksetzungeit erfahren muß, der Gymnasialschüler, der von Professoren und Kollegen mit gleichem Haß behandelt wird, lind schließlich der Berufsmann, den auch der kllrze Rock und rasirtc Bart vor allerhand unliebsainen Anrempelungcn von hoher und niedriger Seite nicht zu schützen vermögen. Dazu kommt das ökonomische Elend, der materielle Kampf ums Dasein. Die jüdischen Handwerker, uitentivickelt und unorganisirt wie sie sind, müssen früher oder später ini Konkurrcnzkaulpfe gegen die Fabrilsindustrie erliegen; und nicht rosiger erscheint die Zukunft der Krämer und Händler, die mit jedem Tage mehr von den Christen, die ihre feinfühligen Bedeuten gegen den Handel aufgegeben haben, verdrängt werden. Die Zeit erfordert ein energisches Anfrafsen der galizischen Juden, ein muthiges, rückhaltloses Eintreten für ihre Interessen tind politischen Rechte. „Will man bedeutendere Resultate erzielen, dann mllß man zu radikalen Mitteln greisen", sagt der Autor unserer Broschüre, und er hat mit Bezug auf Galizien wohl Recht. Doch hier gelangen wir zum positiven Theile der Broschüre, zum eigentlichen Programm. Dieses will ich im nächsten Briefe näher besprechen. Dl Mas sollen wir unseren Kindern zu lesen geben? Von E. Flanier, Hauptlehrer. Diese Frage hat erst in. den letzten Jahren verdiente Beachtung gefunden. Schulmänner, Rabbiner, Vereine u. s. w. legen jetzt erfreulicher Weise ein sehr lebhaftes Interesse für die Jugendschriftenfrage an den Tag, insbesondere ist es der Deutsch-Jsr. Gemeinde- Bund, der schon viele Mühe auf die Lösung derselben verwendet hat und noch verwendet. Trotzdem ist bis jetzt kein nennenswcrthcs Resultat erzielt worden. Wohl kein Pädagoge wird bestreiten, daß die Bücher ein hervorragender Erziehungs- und Bildiingsfaktor sind. „Die Jugendschriften sollen dem Zwecke der Erziehung dienen, also die Arbeit der Schille allseitig unterstützen," sagte Kellner. Daher müssen sic wahr, lelehrend, anregend, sittlich bildend sein, denn sie sollen ja die intellektuelle und moralische Bildung fördern. Das sind die Forderungen, die an Jugendschriften zu stellen sind, wein: sie ihrem Zwecke entsprechen sollen. Die Ansicht, daß die Ausbildung in Künsten und Wissenschaften die religiöse Erziehung nicht entbehrlich mache, sondern dieselbe vielmehr zur Grundlage und als belebendes Element haben muß, ist von dcnVcrtretern der verschiedenen Richtungen im Judcnthum fauch wiederholt in diesem Blatte) offen ausgesprochen worden, und sie findet auch ihre Verwirklichung in dem immer mehr zu Tage tretenden Bestreben für Weckung und Stärkung des religiösen Sinnes und Vermehrung oes religiösen Wissens durch Pflege .des Religionsunterrichts und Hebung des jüdischen Schulwesens. In seinen Verhandlungen am 4. und 5. Juni 1884 und in seinem Bericht hierüber erklärt der „Deutsche Rabbincrverband" die Errichtung von Schülerbibliothekeil als „ein a ußer st w i r k f a m c s Mittel zur Förderung des religiösen Sinnes d e r I u g e n d". Der Religionsunterricht — mit noch so großem Eifer und Geschick ertheilt — der Jngendgottesdienst — so segensreich er auch wirkt — wird keinen nachhaltigen Einfluß auf das religiöse Gcinüth der Kinder ausüben, wenn nicht die Privatlektüre, d. h. das freiwillige eigene Lesen jüdischer Schriften, zugänglich gemacht wird. Unsere Jugend soll sich zwar an der allgemeinen Jugendlitteratur bilden und erbauen. Die meisten Jugendschriftsteller benutzen ihre Feder aber zur Stärkung des ch r i st l i ch - r e l i g i ö s e n Gefühles. Darum stellen sie jede Tugend, jede gute Handlung als eine natürliche Folge des christlichen Bekenntnisses — und nur als eine solche — dar. Während einige Jugendschriftsteller sich damit begnügen, christliche Liebe, Bescheidenheit u. s. w. und von der Vorbildlichkeit des Heilandes und der Apostel zu predigen, gehen andere im Eifer für ihre Religion soweit, daß sie das Judenthum in einen direkten Gegensatz zur allgemeinen Menschenliebe bringen, es der Gehässigkeit gegen andere Bekenntnisse beschuldigen und so die Seele des Kindes mit Haß gegen das Judenthum und seine Anhänger erfüllen. Was für ein Gefühl muß sich in dem Herzen eines jüdische» Kindes regen bei der Lektüre .solcher Bücher? Ist nicht zn fürchten, daß unsere Kinder, anstatt mit Achtung und Begeisterung, mit Mißachtung, ja sogar mit Abscheu gegen unseren Glauben erfüllt werden? Darum sei cs des Erziehers und Lehrers heiligste Pflicht, aus^der allgemeinen Jugendlitteratur nur diejenigen Bücher zur Lektüre für unsere Kinder ansz »wählen, deren Tendenz es ist, „alle guten Regungen, Handlungen lind Tugenden im Sinne des rein Menschlichen als