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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-10 · Heft 24 (10.6.1892) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
Seite 279 (sequence 3)
Language
German
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279 Wahlbezirken Stanislau-Tysmie niea die jüdische Wählerschaft eine überwiegende Majorität besitzt (in Stanislau wählen 933 Juden und 516 Christen, in Tysmienica ist das Wühlerverhältniß nahezu ein gleiches) und daß die dortigen Juden nur aus Großmuth oder Feigheit auf einen jüdischen Kandidaten, den sie mit Sicherheit hätten durchsetzen können, zu Gunsten eines unverfälschten Urpolen verzichtet haben; dafür verdienen sie allerdings eine solche Behandlung, die auch durch die judenfreundliche Programmrede des durchgefallenen Kandidaten Dr. Milewski, Professor der Nationalökonomie an der Universität Krakau, nicht alterirt werden kann, der in höchst bezeichnender Weise erklärte, er liebe die Juden als Katholik, „weil ja die christliche Religion die Nächstenliebe auch dem Feinde gegenüber zu beobachten gebiete." Ja, dem Feinde gegenüber! Der Professor hat das richtige Wort gefunden. Als Feinde betrachtet man uns überall, in der Gesellschaft, im Amte, in der Presse; Haß und Ileberrumpelungssucht wittert man in Allem, was wir unternehmen — trotz unserer Selbstverleugnung, trotz unserer assimilationssüchtigcn Aufdringlichkeit. Auch in die heilige Kirche ist bereits diese Ueberzeugung gedrungen. Wir haben cs schwarz auf weiß in einem jüngst erschienenen Gebetbüchlein gelesen. Dieses heilige Buch nennt sich „Nowenna"; es wurde vom Rcichsrathsabgeordneten Dr. Chotkowski, Professor an der Universität Krakau, dem fürstbischöflichen Konsistorium empfohlen lind erhielt das „Imprimatur" des Fürstbischofs Kardinal Dunajewski. Eines der in demselben enthaltenen Gebete betrifft speziell Galizien und erfleht vom Heiland, daß er die Beter nicht verlasse und „sie nicht in die Hände ihrer (jüdischen) Feinde überliefere, welche auf ihr Verderben sinnen". Diesem Kapitel ist folgende charalteristische Note bcigcgeben: „Die Zeitung „Germania" und nach derselben polnische Blätter veröffentlichten den neuesten Aufruf der Pariser „Alliance Jsraelite", welcher int Jahre 1880 an alle jüdischen Gemeinden Galiziens vcrjchickt wurde. Dieser Aufruf lautet: Brüder und Gesinnungsgenossen! In der ganzen Welt giebt es gewiß keinen Erdenwinkel, der sich dazu, daß wir uns seiner bemächtigen und die ausschließliche 'Herrschaft daselbst erlangen, so gut eignen würde, wie gerade das Land Galizien. Dieses Land muß unser (jüdisches) Land sein — Alles begünstigt diesen Zweck! Bemüht Euch daher, Brüder und Glaubensgenossen, bemüht Euch mit allen Kräften, dieses Land ganz in Eure Gewalt zu bringen, bemüht Euch, die Christen endlich herauszudräugen aus allen ihren Bcrufssphüren, damit ihr die alleinigen, unbeschränkten Herren des Landes werdet. Bemüht Euch, all das, was heute noch Jenen gehört, zu erhaschen'und festzuhalten, und wenn Ihr selbst dazu nicht die genügenden Geldmittel besitzt, so wird unser Verein Euch so viel beschaffen, als nöthig sein wird. Die Sammlung von Gaben für diesen Zweck hat schon begonnen und schreitet über alle Erwartung günstig vor. Um den galizischen Boden den Händen der Galizianer zu entreißen und in Euren (jüdischen) ausschließlichen Besitz zu übergeben, betheiligen sich die Reichen der ganzen Welt an den Sammlungen. Es spendet Baron Hirsch, es spenden die Rothschilde, Bleichröder und dieMendelssohnc. Strenget daher, Brüder und Glaubensgenossen, alle Eure Kräfte an, damit dieses Ziel, welches wir Euch gesteckt haben, ^möglichst rasch erreicht werde." Soweit die gelehrte „Note", welche, nebenbei bemerkt, die „Alliance" veranlaßte, den oben citirten Erlaß bereits drei Mal als infame Erfindung zu dementiren. Aber dieser Tou und diese Methode sind nicht vereinzelt; der theoretische Antisemitismus, den unsere Polnischen Antisemiten abgeguckt haben, donünirt vor Allem in der gesammten Presse des Landes. Ich will hier ein Pröbchen dieser Art geben. Bor einiger Zeit brachten die demokratischen Organe „Nowa Refornia" (Krakau) und „Kuryer Lwowski" (Lentberg) folgende Notiz: „Vor einigen Tagen bemerkten die Einwohner unseres Städtchens Ranizow mit Bestürzung, wie einige Hunde eine Menschenhand durch die Straße schleiften. Die dortige Gendarmerie, welche von dem Vorfälle verständigt wurde, begab sich sogleich sowohl auf den christlichen Friedhof als auch auf den der deutschen Kolonisten, wo sich keine Spur eines geschändeten Grabes entdecken ließ. Erst als man auch den jüdischen Friedhof durchsuchte, fand man dort ein zerstörtes Grab und darin einen Leichnam, dem Kopf und Hände abgefchnittcn waren. Der Vorfall wurde dem Sokolower Gericht zur Untersuchung übergeben. Diese höchst strafbare und empörende That dürften wahrscheinlich unsere Bauern verübt haben. Es herrscht nämlich bei ihnen der Aberglaube, daß das beste Mittel gegen Typhus das Berüucheru des Kranken mit den Leichenthcilen eines Juden sei. In Ranizow selber sind eben zwei Personen am Typhus erkrankt und wohnt dort eine in der ganzen Gegend berühmte Quacksalberin, welche die obengenannte Heilmethode angeordnet haben dürfte. Einer der Bauern gestand, daß er im Vorbeigehen an ihrer Hütte einen unangenehmen Brandgeruch gespürt habe." Diese richtige Muthmaßung des Berichterstatters genügte jedoch den Herausgebern der genannten Tagcsblättcr nicht und sic bemühten sich, in weitläufigen Anmerkungen zu erhärten, das; „die Leichenschändung doch von Juden ausgegangen sein dürfte". Ein galizischcr Schriftsteller, der in der in Wien erscheinenden Monatsschrift für Volkskunde „Am Urquell" diese Notiz als Kuriosum citirt, bemerkt hierzu mit Recht: „Es ist dies nichts Anderes als eine jener niederträchtigen Verleumdungen und ruchlosen Lügen, mit welchen die volksaufwieglerische Verhetzerpartci, Antiscmiteu zubcuanut, ihren geistigen Bedarf bestreitet. Thatsächlich ist den Juden nichts ein größerer Gräuel, als Leichcnschüudung. Ja, sehr häufig bestechen sic behördliche Organe, nur tun die als Entweihung der Heiligkeit gescheute Obduktion einer jüdischen Leiche zu vereiteln." Es wäre zu weitläufig, hier auch die neuesten littcrarischcn Produkte Polens und ihr Verhältnis; ztnn Judcnthuin zu beleuchten das überlassen wir Demjenigen, der an der obigen „Blumenlcse" etwa nicht genug hat, oder der eilt naturalistisches I'in-cko-iiöela-Wohlbehagen darin findet, im Kothe ztt waten. Ich will aber noch ttirz eitriger Büchleiit Erwähnung thun, die seit Kurzem als „Zwci-Krcuzerbibliothek für das Volk" erscheinen und die Volkserziehüng (i-isum leiieatis!) zur Aufgabe haben. Eines derselben spricht von den Verhältnissen der Bauern zu den Jtrden. Der Held der Erzählung, ein leichtsittitiger Bauer, Wvjcieck, verwickelt sich in einen Prozeß mit dem Judeit Schmul, dessen Schuldner er ist. Als sein Grundstück lizitirt werden soll, eilt ihm sein Nachbar Lukasz zu Hilfe, „dem der bloße Gedanke, daß ein Bauerngut in jüdischen Besitz kommt, unerträglich ist". Er ersteht im Verein mit einigen Nachbarn das beinahe jüdisch gewordene Gruirdstück, an dem er obendrein noch ein gutes Geschäft macht. Und die Moral von der Geschichte? Der vvlkSerzichende Autor sagt es ja selbst an vielen Stellen, daß „es eilt Vergehen ist, den Jahrhunderte lang von Bauern bearbeiteten Boden in fremde Hände übergehen zu lassen, daß eilte Zeit koinine, wo die Juden allen Grundbesitz des Landes in ihren Händen haben, und daun werden die Bauern entweder betteln oder bei Juden dienen iniissen", und ähnliche belehrende Grundsätze mehr. Es ist einleuchtend, daß diese und ähnliche Eltunziationcn die winzigen „Polen mosaischer Konfession" ganz entmuthigcn und die weitere Verbreittmg ihres Gedankens hindern mußten. In der That beschneidet die hier erscheinende „Ojczyzmi" (Das Vaterland),

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