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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-10 · Heft 24 (10.6.1892) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 24 (10.6.1892)
Date
1892-06-10
Page
Seite 278 (sequence 2)
Language
German
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278 ()at, sie werden ihn seine religiöse Angehörigleit nicht aufgeben (affen — und am allerwenigsten wird er wünschen, einen! Glauben anzugehören, wie er von den Antisemiten gelehrt wird, denn er würde hierbei nicht blos seinen Gottesglauben verlieren, sondern er sänke dadurch auch als Mensch tief unter das Niveau der Achtung und Ehrbarkeit, wofür man im Leben ja sonst Alles einzusetzen pflegt. * I Isidore Foeti. | Karlsbad, <>. Juni. Isidore Loeb ist tobt! So lautete gestern der lakonische Drahtbericht. „Sie haben einen guten Mann begraben", schreiben die heute eingelaufenen Pariser Tagesblatter. „Ach, und uns war er mehr", müssen wir klagend ausrufen. Isidore Loeb ist nicht nur dem französischen, er ist dein gesannnten Judenthum gestorben und für Alle ein unersetzlicher Verlust. Er war die Seele der „Allianz Jsrarlile l Tni\ci srlk***, bic Seele bei* „Soeiele <les rludes juives", die Seele des Rabbinerseminars in Paris — und diese treue Seele, dieses edle Herz hat nunmehr zu schlagen aufgehört. Noch vor wenigen Monaten haben wir ihn in Berlin gesehen und gesprochen; er war eben aus dem Orient zurückgekehrt imd hatte den Kopf voll von philautropischen und litterarischen Plänen; dann wurde er zu Anfang des Winters krank — llnd nun ist er heimgegangen, ohne auch nur einen einzigen dieser Pläne ausgeführt zu haben. Leider fehlt mir hier im Bade alles Material zu einer wenn auch noch so kurzen Biographie Loebs. Aber diese wird ja wohl von berufener Seite geschrieben werden. Ich kann heute nur den tiefen Eindruck der Trauerbotschaft konstatiren und in flüchtigen Umrissen des entschlafenen Freundes Bedeutung schildern. Isidore Loeb war ein Elsässer, wie ich glaube, aus der Gegend von Eolmar. Er hatte schon früh sich den talmudischeu Studien ergeben. In jungen Jahren kam er nach Paris und dort hat er eine zweite Heimath gefunden. Loeb war ein echter Franzose, ein begeisterter Patriot — aber doch auch ein Weltbürger, ein Humanist in des Wortes edelstem Sinne. Sein Französisch war geradezu klassisch, seine Gelehrsamkeit ging aber weit über die Grenzvfähle seines Vaterlandes hinaus, und seine Begeisterung für die deutsche Wissenschaft lvar eben so tief wie wahr. Soll ich sagen, auf welchen! Gebiete der Wissenschaft des Judenthiuns seine Hauptstärke lag, so gerathe ich in Verlegenheit. Er war aus allen Gebieten zu Hause und hat alle mit gründlichen und gediegenen Arbeiten bereichert. Loeb war ein scharfsinniger Bibelkritiker, ein ausgezeichneter Historiker, ein vorzüglicher Bibliograph; die Zahl seiner Aufsätze über Bibelexegese und Kritik, über Geschichte, Litteratur und Bibliographie ist eine erstaunlich große. Aber überall zeigt sich eine gründliche Gelehrsamkeit, eindringender Scharssinn, seltene'Klarheit des Geistes und große Gabe der Darstellung. Mit solchen Vorzügen! ausgestattet war Isidore Loeb berufen, der litterarische Führer des französischen Judenthums und der Lehrer seiner Rabbiner zu werden. Was die ,.U(*\ ue des i'*Indes juives” unter seiner Leitung geworden und gewesen, das taiffeii Alle, die diese Zeitschrift kennen und schätzen, in der sein ordnender, überschauender, klarer und milder Geist überall hervortritt. Und nicht minder wissen alle jungen französischen Rabbiner, was sie seiner Belehrung zu danken haben. Aber damit ist die Bedeutung Loebs noch lange nicht erschöpft. Er hat es ja wie Wenige verstanden, Lehre .und Leben harmonisch zu verbinden. Er war kein einseitiger Gelehrter, sondern ein vollendeter Weltmann; er war ebenso klug wie gelehrt; er kannte das Leben so gut wie seine Wissenschaft. Was ihm die „Alliance" zu danken hat, das wird sich wohl erst jetzt nach seinem Heimgange zeigen. Aber nicht nur dieses Institut, sondern alle großen Vereine und Stiftungen, die in den letzten Jahrzehnten gegründet wurden, hatten in ihm einen werkthütigen Freund und einen tüchtigen Vertreter. Er war der Vertrauensmann des Barons Hirsch, und das Wohl und Wehe der russischen wie der orientalischen Juden lag ihm schwer ans dem Herzen. Und was soll ich erst von dem Menschen Isidore Loeb sagen! Von diesen! guten, liebenswürdigen, reinen Menschen, dessen Umgang befreiend und belebend wirkte, dessen Vorbild sittliche Erhebung förderte, dessen Nähe alles Böse und Häßliche weit von sich wies, der ebenso fromm wie gelehrt, ebenso gut wie klug, ebenso liebenswürdig wie zuverlässig war! Nein, mein theurer Isidore Loeb, wir werden Deiner nicht vergessen! Immer werden wir Deiner in Liebe und Treue gedenken, Deiner Herzensgute, Deiner aufrichtigen Frömmigkeit, Deiner klugen Lebensführung, Deiner litterarischen und philantropischen Thaten, durch die Du in der Geschichte des Judenthums Dir einen bleibenden und wahrhaft guten Namen erworben hast. „Tenn die Einsichtigen werden leuchten wie der Sonne Glanz und die, so Viele zur Erkenntniß geleiten, wie der Sterne Chor für und für." Ilavc pia aiiinui! G. lv. U Galinsche Briefe. 11. Lemberg im Mai. li. Auch iu unserem gesegnete» Galizien, von dem Reichsrathabgeordncter Dr. Byk im österreichischen Parlament behauptete, cs sei völlig frei vom Antisemitismus, „der ein spezifisch deutsches Gewächs" ist, entwickelt sich nun die Judenhetzc mit auffallender Raschheit und sic fängt an, gcführlich'zu werden. Denn der polnische Judenhaß hat sein eigenartiges slavisches Gepräge; er wird nicht durch Reden, und Flugschriften, sondern durch die rohe Gewalt unbändiger Horden manifestirt. Seit den bekannten Judenkrawallen in Kolomea, die gelegentlich der Wahl des Dr. Bloch in den österreichischen Reichsrath von der rnthcnischen und polnischen Bevölkerung in Szene gesetzt wurden, werden gar oft ähnliche Falle aus den verschiedensten Theilen des Landes gemeldet. Das große Muster hat Nacheiferung geweckt, umsonichr, als die mildherzigen Richter von Kolomea die dortigen Ruhestörer sehr schonend beurtheilt haben. Und so hat auch der letzte „wunderschöne Monat Mai" ähnliche Blumen aufzuweisen. In Narojüw, einem kleinen Städtchen bei Brzeczanh, hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Juden den römisch-katholischen Ortspfarrcr mißhandelt hätten. Dreitausend Bauern stürzten sich auf die jüdischen Trödlerhallen und Bcrkanfsbuden, in denen sie die Maaren vernichteten und Alles zertrümmerten. Hierauf setzten sie ihr Zerstörungs- Werk in den jüdischen Wohnungen fort, und erst der herbeigeeilten verstärkten Gendarmerie gelang cs, die Ruhe wieder herzustellcu. Aehuliche, wenn auch minder gefährliche Exzesse werden aus Stanislan gemeldet, wo die christliche Bevölkerung infolge eines heftigen Wahlkampfes (es handelte sich um die Wahl eines Reichsrathsabgeordueteu an Stelle des nunmehrigen Präsidenten der Staatsbahnen, Professor Bilinski) in die jüdische Synagoge einzudringen und dieselbe zu plündern suchte. Dies die nackten Thatsachen. Sie bedürfen keines Kommentars. Nur will ich in Bezug auf letztere noch hinznfügen, daß in den

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