Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 10. Juni 1892. 56. Jahrgang. Ar. 24. Allgemeine eitung des Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Ncdactcnr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 23*- Ludwig Philippson-Vonn. Verlags-Expedition: {Berlin, Ferulalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Indenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 18/1!) zu richten. Verlag von Nudolf Mossc, Berlin. Ä tt h tt 11 ♦ Leitartikel: Bon anderer Seite. — Isidore Loeb. — Galizische Briefe II. — Was sollen wir unsern Kindern .in lesen geben? Bon E. Flanier. Friedrich Nietzsche über das Jndenthum. Bon Leo Berg. — Tie Juden in der Zeit der Befreiungskriege. Bon Tr. I. Kohn. — Feuilleton: Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (Forts.) — Sprechsaal. — Miscellen. — Briefkasten. Der Gemeinde bole. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ans Oberschlesien, Hannover, Hildesheim. Ems, Wien. Prag. Brünn, Sundsvall, Sofia, Ans Argentinien. — Bon Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Von anderer Seite. Berlin, tt. Juni. Wir Inden hoben schon oft die Genngthuung gehabt, daß an uns geübte Siiiidcii ihre Vergeltung aus Kreise» erhalten, wo man uns sonst gleichgiltig, wenn nicht gar lieblos gegenübersteht. In den hier genicinten Fällen ist von den Juden selbst nichts geschehen, um Die ihnen angcthaneii Unbilden und Kränkungen in irgend einer Forin »der Weise den Urhebern derselben heimzuzahlen, sondern die Vcrgcllung hierfür kam von Orten, wo man für uns kaum irgend ein besonderes Interesse haben kann. Wenn der Vater des Antisemitismus seine Hospredigerstelle eingebüßt, wenn Licbermann v. Sonnenberg durch seinen Ehrcnschuldenskandal und Böckel durch seine Alimcntationsprozesse, wenn Paasch mit seinen Denunziationen und Ahlwardt nun auch mit seinen Enthüllungen der gerechten Strafe nicht entgehen, so würden sie nicht sagen können, daß sie es dem Einfluß der Juden zu verdanken hätten. Und ebenso die „Krenz-Ztg.", deren Steckenpferd seit Dezennien lein anderes ist, als den Judenhaß zu kultiviren, wobei sie vor keinem Mittel zurückschrcckt, die Bekenner des Judenthums der allerschlimmsten Vergehungen verdächtig zu machen. Diese „Krenz-Ztg." hat in neuerer Zeit von verschiedenen Seiten Schlüge empfangen, die aber, wie wir es ihr versichern können, alle nicht von Judcnhänden herrühren. Gegenwärtig scheint sie die Spinne in den Augen ihrer eigenen Partei geworden zu sein. Ihr wird von der konservativen Presse ein Spiegelbild ihres Thun und Treibens vor Augen, gehalten, worauf sie schivcrlich Ursache hätte, stolz zu sein, und wenn ihr von dieser -eite der Borwurf „der Fälschung" so offen gemacht wird, so steht das wohl einem Blatte schlecht an, welches das einer Weltreligion heilige Sinnbild des Kreuzes an der Stirn trügt. Bor uns liegt ein Artikel der Gumbinner „Preußisch-Littanischen Zeitung", eines Blattes von streng konservativer Richtung, das mitunter sogar antisemitische Anwandlungen hat. Es handelt sich dabei »m ein Schreiben des konservativen Landtagsabgeordneten Dr. von Koseritz, das nun bereits abgethane Volksschnlgesetz betreffend. — Die „Krenz-Ztg." hat dieses Schreiben in ihrer Weise zu fruktifiziren gewußt, indem sie in einer Polemik gegen ei» anderes Blatt das brachte, was ihr in den Kram gepaßt, und das verschwieg, was gegen ihre eigenen Behauptungen sprach. Dieser Kunstgriff wird ihr als eine Handlungsweise vorgehalten, welche die „Prenß.-Litt. Ztg.", wie sie sagt, nicht bei dem rechten Namen nennen möchte, was sie wohl auch kaum noch nöthig hätte. Der Artikel trügt die Ueberschrift „Die Taktik der „Krcnzzeitnng" und legt die Verdrehungstheorien derselben in einer Weise bloß, daß wir selbst darüber nichts mehr zu sagen haben. Es liegt kam» in unserem Zwecke, denselben hier ganz wiederzugebcn, aber wir können es uns nicht versagen, zur Illustration der Denkweise, mit der man jenem Blatte in gut konservativen Kreisen gegenübersteht, das zu reproduziren, was die „Prenß.-Litt. Ztg." am Schluß ihrer Ausführungen sagt: „Wir sind seit Jahren daran gewöhnt, die „Kreuzztg." die Dinge in bewußter wahrhcitswidriger Weise behandeln zu sehen, wenn ihr das zweckdienlich erschien. Der gute Ton, den wir auch in der Polemik zu wahren bestrebt sind, verbietet uns, derartige politische Kniffe, wie sie das Blatt auch in dem vorliegenden Fall auwcudel, bei dem richtigen Namen zu neunen. Wir wollen aber hoffen, daß die Leser des in Rede stehenden -Organs nur das Gefühl der Verachtung gegen die Machinationen empfinden, die dasselbe aus taktischen Gründen vielfach anwendet." Wir gestehen, daß wir diesmal mit der „Prenß.-Litt. Ztg." übereinstimmcu. Auch wir wünschen, daß alle Leser des bezeichnctcn Organs sich die richtige Würdigung bewahren den Angriffen gegenüber, welche dasselbe gegen die Juden tagtäglich zu erheben als heilige Aufgabe erachtet. Wer indes; das Blatt kennt, wird wissen, daß selbst das ihm von der eigenen Partei auf die Stirn gedrückte Stigma es nicht veranlassen wird, seine Taktik zu ändern. Die „Kreuzztg." wird nach wie vor gegen die Inden Hetzen. Möge sic es. Möge sie und die ihr gleichgesinnten Blätter ihre Aufgabe darin finden, die in dieser Beziehung wehrlos Dastehenden anzufeiuden; sic werden den Juden ihre Religio», ihre Konfession nicht verleiden können; diese werden wie bisher ihren väterlichen Glauben lieben und schützen. Der Jude wird niemals aufhören, im staatsbürgerlichen Leben seine Schuldigkeit zu thun, und seine Würdigkeit für die politische Gleichberechtigung wird dem gesunden Auge des deutschen Volkes durch Machinationen wie sie die antisemitische Presse in so das Menschenrecht vergewaltigender Weise in Szene setzt, nicht entrückt werden. Der Jude hat seine Zugehörigkeit zu dem Glauben der Väter in allen Zeiten mit den schwersten Opfern dokumentirt, und die Vorurtheile, denen er jetzt noch zu begegnen, die Beschränkungen, mit denen er theilweise trotz der gesetzlich garantirten politischen Gleichheit noch zu rechnen