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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-03 · Heft 23 (3.6.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Ist ja Sachsen der einzige Staat in Deutschland, in welchem oer Antisemitismus seit mehr als einem Jahrzehnt nicht von unten, sondern von oben her betrieben wird. Brauchen wir Beispiele dafür zu dringen? Die Vertreibung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes aus Leipzig dürste wohl noch in der Erinnerung der meisten Leser Ihres Blattes sein. Für Diejenigen, welche den Fall nicht kennen, sei kurz erwähnt, daß die sächsische Regierung, nachdem der Bund den antisemitischen Schriftsteller Egon Waldegg vergeblich durch mehrere Instanzen verklagt hatte, plötzlich einen Gesetzesparagraphen herausfand, kraft dessen sie dem Gemeindebund nach dreizehnjährigem Bestände die Berechtigung der Existenz in Sachsen absprach und dem Ausschüsse dieses Bundes sofort jede Thätigkeit untersagte. Nicht minder giebt fid) die Stimmung der maßgetenden Kreise durch den Umstand kund, daß die israelitischen Gemeinden in Zittau, Plauen ttnd Zwickau in ihrem Bestreben nach Erlangung der Korporationsrechte seit Jahren auf Widerstand stoßen, trotzdem die städtischen Behörden dieser Orte die Anträge der jüdischen Gemeinden lebhaft befürworten. Unter diesen Umständen ist es nicht weiter wunderbar, wenn Leute wie Fritsch ihr Wesen ungestört treiben m können vermeinen. 0 Hannover, 29. Mai. Fünfundzwanzig Jahre waren am 19. d. M. verflossen, seit Herr Rechtsanwalt Benfey als Vorstandsmitglied an Die Spitze unserer Gemeinde trat, und fünsundzwanzigjähriges selbstloses Arbeiten für die Gesammtheit verdient tim so mehr allgemeine Anerleunung, je weniger das Streben nach Ehre ttnd Auszeichnung hervortritt. Gs war kaum bekannt geworden, daß seine Kollegen im Vorstande und in oer Repräsentanz, die durch die gemeinsame Arbeit sein Wirken zu beurlheilen vermögen, ein festliches Begehen dieses Tages beschlossen hatten, als auch die Vereine, zu deren Vorstandsmitgliedern er gehört, gern die (Gelegenheit ergriffen, dem verdienten Manne ihre Glückwünsche darzuvringen. Eine stattliche Zahl von Männern, der Gesammtvorstand, der Bmdrabbiner, die Lehrerkollegien der Bildungsanstalt und der Religionsichule, die Vorstände der Vereine hatten sich Mittags int Hause des Jubilars versammelt, und es war ein erhebender Moment, als zunächst der erste Vorsteher vortrat und in einer herzlichen Ansprache ihm dankte nie das, was er der Gemeinde durch sein tiefes juridisches Wissen, seine reise Erfahrung und seine unermüdliche Arbeitskraft geleistet hatte, Als (Erinnerungszeichen wurde ihut eine kostbar ausgestattete Adresse überreicht. Es folgte der Landrabbiner, der zunächst in seinem Namen seine Glückwünsche darbrachte, und dann als Vorsitzender der Lehrerwittwen- und Waisenkasse, zu deren Mitbegründer Herr Benfey gehört, eine Adresse verlas und übergab. Der deutsch-israel. Gemeindebund hatte seinem eifrigen, bewährten Mitarbeiter gleichfalls eine Adresse gesandt und den Landrabbiner mit der Ueberreichung beauftragt; der Direktor eer Lehrerbildungs-Anstalt sprach im Namen des Vereins für Handfertigkeit und Gartenbau, zu dessen Vorstand der Jubilar gehört, der älteste Lehrer der Lehrerbildungs-Anstalt für diese Anstalt, in dessen Verwaltungs-Kommission derselbe Sitz und Stimme hat, und diesen Ansprachen iolgte die jedesmalige Verlesung der Adressen. Auch der Synagogenchor, welcher der Verwaltung des Herrn Benfey unterstellt ist, mtd der Oberlantor beglückwünschten ihren Vorsteher durch vortrefflich vorgetragene nieder. Zuletzt erschien ein aus Gemeindemitgliedern gebildetes Komitee und beglückwünschte ihn unter Ueberreichung eines silber-vergoldeten Humpens mit vier Bechern, eines Kunstwerks von hoher Vollendung, im "Namen der Gemeinde. Es war der sichtliche Beweis, welcher allgemeinen Beliebtheit der Jubilar sich bei allen religiösen Parteien zu erfreuen hat, und in der Thal nicht unverdient, denn zu allen Zeiten und bei allen (Gelegenheiten hat er auch der religiösen Richtung, der er in seinem Privatleben nicht angehört, die gebührende Rücksicht gezollt und sein ^heil dazu beigetragen, daß Friede und Eintracht in unserer Gemeinde herrscht und die Gegensätze nie schroff hervorgetreten sind. — Abends war dem Jubilar zu Ehren ein Festbankett veranstaltet, zu dem derselbe und seine Familie sowie die Gemeinde-Angestellten als Ehrengäste geladen und die Vorsteher aller Vereine zur Theilnahme anfgefordert war>n. Es verlies in schönster Weise und gehobenster Stimmung und wir schließen uns den in den Toasten so vielfach zuut Ausdruck gekommenen Wünschen, daß es dem noch im besten Mannesalter stehenden Jubilar vergönnt sein möge, noch lange segensreich zu wirken', aus vollem Herzen an. — Zur Ergänzung des Bildes der Gesammtthätigkeit des Gefeierten fügen wir hinzu, daß er Vorstandsmitglied des Nationalliberalen Vereines, Schatzmeister der Kinderheilanstalt und Schriftführer des Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger für die Provinz Hannover ist. CB) Paderborn, int Mai. Tie isra elitische Waisen-Erziehungs-Anstalt für .Knaben und Mädchen aus Westfalen und Rheinland veröffentlieht ihren 32. Jahresbericht. Die Anstalt zählt angenblicklich 56 Waisen. Die Einnahme des letzten Jahres betrug 40,106.56 M., die Ausgabe 32,794.40 M Davon entfallen auf Beköstigung 14,611.74 M, das macht für jedes Kind 260.92 M. Die Zahl der Jahrzeitstiftungeu beträgt nicht weniger als 920. Familienstiftungen sind 4 mit einem Betrage von 38,220.60 M. vorhanden, lieber den Vermögensstand der Anstalt läßt sich aus dem etwas unklar gehaltenen Bericht leider nichts ersehen. £ Steinheim, 24. Mai. Am 14. d. M. waren es 25 Jahre, seitdem der Lehrer und Kultusbeamte Herr M. Katzen stein in der Gemeinde Nieheim wirkt. Seine Gemeinde ließ es sich nicht nehmen, ihm diesen Tag zu einem festlichen zu gestalten, und die Theilnahme sämmtlicher Bürger und der Behörden der Stadt Nieheim bewies, in welcher Weise es Herr Katzenstein verstanden hat, sich die Liebe und Anerkennung seiner Mitbürger zu erwerben. Auch in der Ferne gedachten Freunde, Kollegen und ehemalige Schüler des Jubilars, und Letztere namentlich übersandten vielfache Beweise der unwandelbaren Verehrung ihres früheren Lehrers. * Köln, 28. Mai. „Hier hat sich ein antisemitischer „Deutsch - so z i al er Verein" gebildet, lieber den Vorsitzenden desselben schreibt die K. Z.: „Der Begründer und Vorsitzende dieses Vereins, ein Herr Grüner, mit dem verwechselt zu werden bekanntlich ein angesehener Herr dieses Namens nicht wünscht, hat in der letzten Versammlung den anwesenden Polizeikommissar aufgefordert, seine Erklärung zu Protokoll zu nehmen, von.jüdischer Seite seien ihm 10,000 Mark geboten worden, wenn er von der Bewegung zurücktrete. Herr Grüner hat nicht verratheu, welcher Jude auf diesen weisen Einfall verfallen sein soll; seine Behauptung schwebt also in der Luft. Um so größeres Aufsehen erregte es, daß in der letzten Vereinssitzung mitgetheilt wurde, Herr Grüner habe sich aus Gründen, die man nicht bekannt geben könne, genöthigt gesehen, aus dem Verein auszutreten. Es heißt, daß eine Umschau in der Vergangenheit der Familie Grüner Dinge ergeben habe, in deren Beurtheilung die ehrenhaften Juden und Nichtjuden einig sind. Wer die Geschichte der Hetzbewegung in Deutschland verfolgt hat, wird nicht finden, daß dieser Vorgang zufällig ist." 8. Rüdesheim, 19. Mai. Die israelitische Kultusgerneinde Rüdesheim, zu der auch die Israeliten in Geisenheim gehören, besaß seit etwa zwei Jahrhunderten mit den übrigen Israeliten des Rheingaus einen gemeinschaftlichen Friedhof, der unweit Hallgarten gelegen, zur Oestricher Gemarkung gehört. Die Gemeinde Rüdesheim hat sich nun aber von dem Friedhofverbande losgelöst und in der Nähe des Ortes einen eigenen schön gelegenen Friedhof erworben, der am 10. Mai unter überaus zahlreicher Betheiligtmg aus Anlaß einer Beerdigung von dein hierzu berufenen Bezirksrabbiner Herrn Dr Silber st ein aus Wiesbaden feierlich eingeweiht worden ist. Die hierbei gehaltene Weihrede utachte auf die zahlreiche Versammlung unverkennbar eilten tiefen Eindruck. * Frankfurt a. M., 20 Mai. Dem sechsundvierzigsten Bericht des Vereins zur Beförderung der Handwerke unter den israelitischen Glaubensgenossen in Frankfurt a. M. für die Jahre 1890 und 1891 entnehmen wir nachstehende Auslassungen über die Behandlung der einzelnen Unterstützungsfälle: „Ehe wir einen Lehrling aufnehmen, prüfen wir in erster Linie dessen Würdigkeit; wir sehen ferner darauf, daß derselbe bei einem Meister in die Lehre trete, der tüchtig und befähigt ist, den Jungen für das betreffende Handwerk vollkommen auszubilden, und erst nachdem derselbe eine vierwöchentliche Probezeit bestanden und der Meister die Erklärung abgegeben hat, daß der Zögling zum Gewerbe beanlagt ist, sichern wir ihm unsere Unterstützung zu. Während der Lehrzeit halten wir über den Lehrling ein wachsames

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