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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-03 · Heft 23 (3.6.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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>6. Jahrgang. i>Ir. 23. Gerlkn, 3. Juni 1892. Der Gemeinoebote. Weitage zur „Attgemeinen Zeitung des Zuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. + Berlin, 30. Mai. In der am 20. Mai unter Vorsitz des Herrn Justizrath Makower stattgehabten Repräsentanten Versammlung am es über die Frage, in dem kürzlich erworbenen Hause Oranienurgerstraße 31 eine Durchfahrt nach der Synagoge zu schaffen, zu einer lebhaften Debatte. Durch den bekannten Uebelstand, daß, sobald zwei Hochzeiten sich folgen, die Wagen mit den Traugästen einer Partei auf er Straße warten müssen, bis die letzte Equipage der erstell Partei avongerollt, war die obige Frage angeregt, zu deren Lösung eine eigene iomntifftmi ernannt worden war. In der Sitzung erklärte null Herr 2achs Namens der Kommission, daß dieselbe zu einern ablehllenden Votum gelangt wäre. An der infolge dieser Erklärung sich entspillnenden Debatte betheiligten sich vornehmlich Herr Geh. Kommerzienrath Lieb ermann, der Referent und Herr Maurermeister FrÜnkel. Von den Gegnern der Vorlage wurde daraus hingewiesen, daß man doch nur ein Provisorium schaffen könne, da eine eudgiltige Entscheidung über die Ververthimg des Grundstücks Nr. 31 noch gar nicht getroffen sei, außerdem!vurde seitens des Herrn Geheilnrath Liebermann betont, daß rnan über oen Kostenpunkt völlig im Unklaren wäre. Endlich wurde der Vorschlag ms Herrn Maurermeisters Fränkel zum Beschluß erhoben, das Haus abreißen zu lassen und über die Durchfahrt alsdann eine neue Vorlage zu machen. Es folgte darauf die Rechnnngsdarlegung verschiedener Anstalten and Kommissionm. Als von attgemeinem Interesse heben wir den von Herrn Mannheimer erstatteten Bericht der Waisenkommission hervor, e'ulch diesem Bericht wurde für 172 Waisen Sorge getragen, deren Unter-;mlt sich pro Kopf auf etwa 150 M. jährlich stellte. Dank der vor- 'umdenen Fonds ergab sich ein Ueberschuß von 10,500 M. über die 20,001 > M. betragenden Ausgaben. Von gleichevl Interesse dürften die Jahresabschlüsse der Lehranstalten und des Krankenhauses sein. Die rsteren habeil 6611 M. weniger gebraucht, eine Ausnahme machte llur ne Religionsschulei, die einen Zuschuß von 718 M. erforderte, während oas Krankenhaus ein Defizit von 15,437 M. aufweist, da 55 Procent der Patienten kostenfrei verpflegt worden sind. Doch hat sich das Vermögen der Anstalt um 16,000 M verulehrt, so daß dasselbe heute w7,000 M. beträgt. Mit der Erledigung einiger anderer Punkte nicht wesentlicher Bedeutung war die Tagesordllung der öffentlichen Sitzung erschöpft und es schloß sich an dieselbe eine geheime Sitzung. * Berlin, 26. Mai. Von einem neuen Wohlthätigkeitsunteruehnleu dürfen wir heut mit Genugthuung berichten. Herr Rudolf Mosse hat m Wilmersdorf ein größeres Terrain erworben, um daselbst ein Waisenaaus für elternlose Kinder ohne Unterschied der.Konfession zu errichten. * Berlin, 28. Mai. Die konservative Landtagsfraktion hat, wie wir erfahren, beschlossen, die Frage der Aufnahrne des ^Antisemitismus in das Parteiprogrannn bis zur nächsten Reichstagssession zu j vertagen Offenbar hat sich eine Einigung innerhalb der Fraktion > nicht erzielen lassen. Es soll Verstimmung herrschen über Herrn von! Hammerstein, der in der „Kreuzztg." die Sache zu früh an die Oeffent-! lichkeit gebracht hat. Diese Zeitung findet sich mit der Sache derart! ab, daß sie nunmehr behauptet, die Verhandlungen hätten nur den Zweck j qchabt, „die Angelegenheit in Fluß zu bringen". Zu einer Entscheidung , könnten nur die Organe der Gesammtpartei berufen sein. Das klingt! ganz anders, als die Sprache desselben Blattes vor einigen Wochen j —Berlin, 27. Mai. „Hier können Familien Kaffee! kochen!" Mit dieser für eine jüdische Religionsgesellschaft bisher! seltenen Devise tritt jetzt der Verein „Beth Jacob" in die Oeffenttichkeit-! Diese Gesellschaft, die sich im Norden unserer Stadt vor mehr als Jahres-! lrist gebildet hat, wendet sich mit dem bekannten Cirkular an die „hoch-! verehrten Glaubensgenossen". In solchen Cirkularen wird regelmäßig > zunächst von den bedeutenden Erfolgen des betreffenden Vereins gesprochen, von der steigenden Zahl der Religionsschüler u. s. w. und zum Schluß wird der Klingelbeutel hingehalten, da „die Mittel nicht ausreichen, den Anforderungen zu genügen". Wohin soll das führen! Binnen kurzer Zeit sind uns von dreien solcher Religiousvereine in Berlin Cirkulare aus Osten, Nordosten und Norden zngeschickt worden. Das ist unwürdig. Wenn man die Mittel nicht hat, um „den Anforderungen zu genügen", so ist es nicht erlaubt, Lehrer zu engagiren, eigene Synagogen zu miethen oder gar zu bauen, blos um — sagen wir es offen — ein wenig Vorsteher spielen zu können. Was soll man aber erst zu der Form sagen, in welcher der „Verein Beth Jacob" vorgeht. Die Würde dieser Gesellschaft wird dadurch hinreichend charakterisirt, daß die Einladung zur „Einweihung der Synagoge und Religionsschule" vom „V e r g n ü g un g s - K o m i t e e" ausgeht. Natürlich findet diese Synagogenweihe nicht in der Synagoge, sondern in einem Gartenlokal statt, besteht aus Militärkonzert und Tanzkränzchen und kostet 75 Pfennige Entree. Die Einladungskarten tragen den Vermerk: „Von 3 bis 6 Uhr Nachmittags können Familien Kaffee kochen", und das Vergnügungskomitee bemerkt salbungsvoll: „Sie tragen dazu bei, daß wir unseren Nachkommen die Religion erhalten können." Wir wollen nicht unterlassen, gegen diese unwürdige Vermengung von Religion und Tanzvergnügen aufs Entschiedenste Einspruch zu erheben. * Berlin, 25. Mai. Endlich, nachdem die Ah l ward Esche Broschüre „Judenftillten" in zahllosen Exemplaren ihre Verbreitung gefunden hat, hat sich die Behörde veraltlaßt gesehen, die Beschlagnahme des Pamphlets anzuordnen und damit dem allgemeinen Wunsche des anständigen und besonnenen Theiles des Publikums nachzukommen. Es ist zu hoffen, daß dem „gewerbsmäßigen Verleumder" nunmehr der Prozeß gemacht und auf diese Weise der schnöde Angriff abgeschlagen wird, den er gegen das Judenthum richten wollte, in Wahrheit aber gegen das deutsche Vaterland gerichtet hat. — In militärischen Kreisen gewinnt die Anschauung Oberhand, daß die Ahlwardt'sche Broschüre weniger gegen die Juden als gegen den Offiziersstand gerichtet sei. t. Berlin, 28 Mai. Unsere sonst so anheimelnde Littfaßsäule, eines der nützlichsten Hausgeräthe der Weltstadt, wird seit mehr denn Jahresfrist tagtäglich von einer gewissen Sorte von Plakaten verunziert, die mit ihren dicken Druckklecksen llicht nur das ästhetische Gefühl beleidigen, sondern ihres noch lmsauberen Inhalts wegen bei dem größten Theil der Vorübergehenden Widerwillen wachrufen Die aufhetzende Form der auf sozialdemokratisch-grellrothem Papier gedruckten Anzeiger: sammeln stets ein großes Publikum um sich, was nieist acbselzuckend und kopfschüttelnd sich von der Lektüre dieser erbaulichen „Heils"- botschaft abwendet. Dürfen Hunderttausende von Bürgern durch solch freventlichen Unfug in ihren Empfindungen auf so gröbliche Weise verletzt werden? fragen wir. Wenn eine gewisse Sorte von Leuten das llicht genug zu stillende Bedürfnis; haben, nach des Tages Last und Mühen in lärmenderr und johlenden Radar,versammlurrgen sich gütlich zu thun und durch leidenschaftstrotzende Redeergüsse fortreißen zu lassen, so kann ihnen ihr jeden gebildeten Menschen anwiderndes Vergniigeu uuverwehrt bleiben, aber es ist doch nur ein billiges Verlangen der erdrückenden Majorität der nicht randaulustigen Berliller Bürger, daß die öffentlichen Ankündigungen sich nicht in den bekannten Wendungen tmd Schimpfereien bewegen, sondern wenigstens die äußersten Grenzen des Anstandes wahren. Wir denkcnuicht daran, diePolizei wegen der aufreizenden Art, in der diese Anschlagszettel gehalten sind, zu Hilfe zu ruferr. Aber das öffentliche Anschlagswesen itnterliegt doch der städtischen A u f s i ch t, wenigstens insofern, als der Pachtvertrag die sehr verständliche Bedingung enthält, die Allschlagsäulen seien von Anstoß erregenden Anzeigen frei zu halten, eine Bedingung, die die jetzigeil Säuleninhaber neulich veranlagte, den Aushang eines sehr harmlosen Themas (das Reginrent Caprivi) unter dem Hinweise auf jene Bestimmungen abzulehnen. Nun bedarf es doch keiner Frage, daß die erwähnten Anzeigen so Aergerniß erregerlder Natur sind, daß

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