Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Miscellen. * ^(u§övabuugcu in Palästina. Das Monatsblatt der Londoner Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden, „The Jewish Intelligence", bringt in dem Maiheft folgende interessante Mittheilung: „Der Prediger Hanauer berichtet, daß er mit dem Prediger Kelk, Herrn Schick und Herrn Lees (alle im Dienste der Londoner Gesellschaft, Station Jerusalem.) und mit dem englischen Konsul Dickson die kürzlich entbecfte Grabstätte der Herodianischen Familie besucht hat, an welcher nach Jvsephus der berühmte Steinwall vorüberging, den Titus in drei Tagen bauen ließ. Die kürzlich aufgefundenen Gräber sind einzigartig. Der Eingang war früher durch einen'schweren Stein verschlossen, der die Gestalt eines Mühlsteines hatte, von sechs Fuß Durchmesser und anderthalb Fuß dick. Tie verschiedenen Grabkammern sind in den Felsen gehauen; da aber der Fels hier weich und bröckelig ist, so sind die Wände mit schönem römischen Manerwerk belegt, dessen Steine so frisch und weiß nilssehen, als ob sie erst gestern gelegt wären. Herr Hanauer hält es für sicher, das; die Grabkammern nicht alle belegt waren. Eine enthält zwei große und schöne Sarkophage. Der kleinere davon ist schön mit Blumen, Blättern, Früchten, Rosetten und anderen üblichen Ornamenten verziert, der Deckel ist aber leider zerbrochen. Herr Schick ist der Ansicht, das; dieser Sarkophag nach seiner Größe für eine Frau bestimmt war, und früher die Leiche der schönen, unglücklichen Mariamne, der Gemahlin Herodes des Großen, in sich barg. Herr Hanauer nahm einige große Stücke von irdenen Krügen mit, die Töpferarbeit zeigen, wie sie nach dem Urtheil eines Kenners bei den Juden 600 vor Christo üblich war." — Zu dem Steinwall des Titus sei noch Folgendes zu bemerken: Titus hatte vier Wälle gegen die Oberstadt und gegen die Antonia auf- - werfen lassen. Diese wurden aber alle durch die Juden zerstört. Jetzt! griff Titus zu einem anderen Mittel. Er lies; die ganze Stadt mit! einem ununterbrochenen Steinwall! griechisch: leieho?) umgeben, mit jede! Zufuhr abzuschneiden und die Stadt auszuhungern. Mit wunderbarer j Schnelligkeit war das Werk in drei Tagen vollendet Zahlreiche Streif-! wachen sorgten dafür, daß Niemand hinauskam. (Josephus, bellum Jud. r>, 12, 1—2. Bergt. Lueä 10, 46.) Die Hungersnoth erreichte infolge dessen in der Stadt eine furchtbare Höhe. * H e b r ä i s ch e SM ö n ch e. Unter dies er Aufs chrift bringt Hans Rhoden in der „Feuilletonzeitung" folgende Mittheilungen, die wir zur Erheiterung unserer Leser hier und zwar ohne jede weitere Berichtigung folgen lassen, da jedes weitere Wort nur den Humor der Sache abschwächen würde. Herr Rh. schreibt also Folgendes: Im gelobten Land bestand vor nicht langer Zeit noch eine hebräische Gettteinschaft, welche beweist, wie auch das Klosterleben der christlichen Kirche gleich vielen andern christlichen Satzungen und Gebräuchen aus dem Judenthum sich entwickelt hat. Seit uralter Zeit in Tiberias, einer jener vier Städte, welche der Talmud als heilig bezeichnet, ansässig, beschäftigen sich diese Frommen nur mit religiösen Hebungen. Die Mehrzahl der Inden von Tiberias gehörte derselben an. Sehr wenige unter den Einwohnern trieben Handel, wurden jedoch von den klebrigen verachtet und als Kasern, als Thoren oder Ungläubige angesehen. Ter Talmud lehrt, das; die Welt zu Grunde gehen müßte, wenn nicht mindestens zweimal in der Woche in den vier heiligen Städten Gebete an den einzigen und ewigen Gott Israels gerichtet würden. Fromme Juden aus allen Ländern kommen dahin, um sich dieser religiösen Pflicht zu unterziehen, und wieder gehen jährlich Hebräer aus dem getobten Lande nach Konstantinopel, nach andern Städten der Levante, nach Algier, Spanien, Italien und Frankreich und sammeln dort Geld für die Brüderschaften, welche durch ihre Gebete die Erde vor dem Untergange bewahren. Auch die Juden zu London tragen viel zu diesem Zwecke bei. Bor Allem ist es die Gemeinde in Gibraltar, welche jährlich 4- 5000 Piaster beisteuert. Polnische Juden unternehmen häufig die Pilgerfahrt nach Jerusalem und Tibeiias. Jene, welche dies nicht thun können und das nöthige Vermögen besitzen, bezahlen Leute, welche sich in Palästina aufhalten, damit dieselben für sie die vorgeschriebenen Gebete verrichten. Die Mitglieder dieser frommen Brüderschaften, welche sich ausschließlich dem Gebete widmen, sind im vollsten Sinne des Wortes Mönche. Sie bringen den ganzen Tag in den Bethäusern zu und lesen unausgesetzt das alte Testament und den Talmud. Den letzteren können sie oft auswendig. Sie sprechen und schreiben hebräisch. Die Brüderschaft zu Tiberias hat speziell einen sonderbaren Gebrauch. Sobald ein Rabbiner oder Vorbeter laut Gebete spricht, ahtnen sie gewisse Stellen mit Stimme und Geberden nach. Wenn z. B. der Vorbeter singt: „Lobet den Herrn mit Trompetenschall", blasett sie in ihre Hände und ahmen den Ton der Trompete nach. Wenu von einem Gewitter die Rede ist, ahmen sie Donner und Sturm nach Spricht der Vorbeter von den Gerechten, die im Elend schmachten, stoßen sie Seufzer und Wehklagen aus. Diese hebräischen Mönche verrichten atlch alle utöglichen Bußübungen, sie kasteien und quälen ihren Leib und scheinen auch ein Gelübde der Ehelosigkeit abzulegen, denn sie bleiben unverheirathet und leben in jeder Beziehung sehr keusch, mäßig und! moralisch.! X. Fürst Hermann von Pückler-Muskan über die Juden.! In so trüben Zeiten, in denen ein Ahlwardt es wagt, mit seinen uns! erhörten Anschuldigungen Stöcker fast noch zn übertrumpfen, ist es i doppelt wohlthuend, jedes Wort hervorragender christlicher Schriftsteller l zn Gunsten unserer Glaubensgenossen, auch wenn es, wie in diesem Falle.! der Vergangenheit angehört, aufzuzeichnen, denn alles in der Weltlitteratur über uns Gesagte wird unter den gegenwärtigen Verhältnissen zur aktuellsten Bedeutung. Fürst Hermann von Pückler-Muskau (gest. 1871;), der berühmte Verfasser der seiner Zeit vielgelesenen „Briefe eines Ver storbeuen", „Tutti Frutti" u. A., sagt im letzteren Werke (Bd. I, p. 221 u. ff.), bei Gelegenheit der dantals gerade erfolgten Emanzipation der Juden in England: „Ich schmolle oft mit den Engländern, eben weil sie so groß sind und doch zuweilen wieder so klein! Heute aber, als ich das Zeitungsblatt aus der Hand legte, fühlte ich mich von inniger, ungetheilter Verehrung für sie durchdrungen. Diese Eman zipation der Juden, deren ich eben erwähnte, ist wahrlich ein ernstes und glorreiches Zeichen des Fortschritts ihrer geistigen Kultur und wird für sie selbst zur Milderung und Aufklärung ihrer Religionsbegriffe die wohlthätigsten Folgen haben; denn ein Schritt im Guten führt eben so sicher zum Besseren, als umgekehrt das Böse „immer Böseres muß ge bähren". Heil Dir also, edles Volk, das uns in so Vielem schon vor leuchtete, und nun auch die Axt an jene stupide Barbarei gelegt hat, mit der wir im ganzen Europa so lange Zeit, zu unserer ewigen Schmach, eine zahlreiche Klasse unserer Mitmenschen verfolgten und erst selbs! verderbten, um sie nachher dieser Verderbniß wegen an klagen zu können. Es ist ein schöner, endlicher Sieg der Menschliche feit und Gerechtigkeit, der Welt zum Beispiel aufgestellt, und wir wollen! gern einen Schleier darüber decken, welche Tendenzen zu derselben Zeit j bei uns in dieser Hinsicht laut wurden. Ich weiß nicht, wie andere! Christen darüber denken, aber was mich betrifft, so kann ich wohl i sagen, daß, seit ich zu Verstände gekommen bin, ich nie einem ge! bildeten Juden begegnete, ohne mich gewissermaßen vor - ihm zu schämen, indem ich lebhaft fühlte, daß nicht wir zur Ver i achtung seiner Glaubensgenossen, wohl aber er zur Verachtung; der unsrigen ein Recht habe. Es wird nun auch dabei nicht bleiben, j Die heutige Zeit mit all ihren Mängeln und Geburtsschmerzen tritt j dennoch schnell ein gehässiges Vorurtheil in den Staub, und wenn sic auch durch ungeschickte Auffassung nur wieder eine, momentan erfolg reiche Reaktion bewirkt, auch oft selbst das kleine Kind mit dem Bade verschütten will, so muß sie, itach dent göttlichen Gesetz, am letzten Entn doch ohnsehlbar dahin kommen, wohin sie steuert — zum Reiche der Bern unft." * Die Nr. 22 der „M i t t h e i l u n g e n aus dem Verein, zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magde burgerstr. 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Verläum düng und Freiheit der Meinungsäußerung. — Professor Nothnagel über den Antisemitismus. — Der Antisemitismus in Kurhessen und und seine Bekämpfung. XIV. — Korrespondenzen und kleine Mit theilungen. Wegen de? Wochenfrstes erscheint die dies wöchentliche Nummer nm zwei Tage früher. Druck und Verlas, von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für die Redaktion - Mar BauchwO; in Berlin