Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1892)
- Date
- 1892-06-03
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Alles abhünge. Das Schlimmste sei zu erwarten; gehe die Krise aber ohne Gefahr vorüber, bann sei die Krankheit gebrochen und Hoffnung auf Genesung des Kranken vorhanden. Jittesch schickte zum Rabbi und ließ eine Seelenauslösung, einen „Pidjan-Refesch" machen; sie ließ ihm den Rainen verändern, und in der Synagoge ließ sie Psalmen lesen. Bienschliche Hilfe erwies sich als unzureichend. Gott allein konnte hier noch Retter sein. Die fromme Jittesch hatte sich in ihrem Gottvertrauen nicht betrogen; die Krise ging glücklich vorüber, mail schöpfte neue Hoffnung, Mutter und Tochter athmeten auf von bem Druck, der ihre Herzen belastet hatte. Allein die Vorhersagung der Aerzte hatte sich doch nicht erfüllt, die Gefahr nur für den Augenblick beseitigt, die gesunde Natur des kräftigen Mannes hatte gegen die Krankheit reagirt. Mit dieser Reaktion schien sie sich aber nur zu einer letzten Kraftanstrengung aufgerafft zu haben. Der Organismus war zu tief erschüttert, uni gänzlich wieder hergestellt werden zu können. Scheillbar ging es zur Besserung, im Innern aber wirkte der böse Keim fort, und der Körper verfiel in ein schleichendes Siechthuin, das die Kräfte heimlich verzehrte, und eines Tages, da mall das Ende am allerwenigsten gewürtigte, war es mit dem Braune aus. Man fand ihn früh in einem Schlafe, von dem er llicht wieder erwachen sollte. (Fortsetzung folgt.) O Aus Rache. Eine wahre Geschichte von 6. P. Der Antisemitismus, der jetzt so wunderbare Blüthen treibt, ist bekanntlich ein uraltes Gewächs, das ans den, Boden des Aberglaubens und der Gehässigkeit stets vortrefflich gediehen. Die absurdesten Beschuldigungen gegen die Inden haben zu allen Zeiten Glauben gefunden, wenn sie das Bentil für den im Volke aufgeschossenen Neid und Haß bildeten. Ein so abgeschmacktes Märchen wie die Beschuldigung, die Inden gebrauchten Christenblut zur Bereitung ihrer Mazzot, hat sich trotz aller Aufklärung bis ans den heutige» Tag behauptet. Und wie viele nnschnldigc Opfer hat dieser traurige Wahn schon gefordert. Wieviele Juden haben Leben und Ehre, Hab und Ent ui» dieses düstern Fanatismus willen cingebüßt! Ein Beispiel dafür habe ich aus dem Munde eines Mannes erfahren, der das blinde Walten der Volksleidenschaft an sich selbst und den Seinen schaudernd erfahren hat Da längst die Erde den Mann deckt, aus dessen Munde ich die Geschichte vernommen, so trage ich kein Bedenken, sie hier zu erzählen. In den fünfziger Jahren lebte in dem oberschlesischen Städtchen N ... . der Branntweinbrenner Moses K .. .. mit seiner Frau und seinen drei Söhnen. Er erfreute sich wegen seiner Redlichkeit und seiner Biederkeit des besten Ansehens und genoß wegen seiner Frömmigkeit eines besonderen Rufes bei seinen Glaubensgenossen. Moses ging aber auch allen Anderen als ein leuchtendes Vorbild voran, er erfüllte mit der peinlichsten Genauigkeit alle Vorschriften des jüdischen Glaubens, unbekümmert um die etwaigen geschäftlichen Nachtheile, die er sich dadurch zuzog. Er ging jeden Morgen in „Schul", hielt an „Schabbes" und „Jontef" seinen Laden geschlossen und verpachtete für die Dauer des Peßachfestes sein Geschäft immerhin einen Christen, um während der Zeit der Festtage nichts mit dem „Ehomez" zu thnn zu haben. Mehrmals hatte er die Pacht seiner Nachbarin, Frau Katharina Breyer, übertrage», und diese sah die jedesmalige Stellvertretung des Moses K. bereits als ihr gutes Recht an. Als aber Moses dahinter gekommen war, daß ihn seine Nach- 274 darin unter der Maske der Ehrlichkeit in der schmählichsten Weise übervortheilt hatte, nahm er zu Ostern des Jahres, in welchem diese Geschichte spielt, von jener Gepflogenheit Abstand und wählte sich einen andere» Stellvertreter. Darüber war die Breyer auf's Höchste empört, weil ihr dadurch ein nicht unbedeutender Gewinn entging, und sie beschloß, sich an „dem alten Juden" zu rächen. Die Gelegenheit dazu fand sich leider nur allzubald. Bei Moses K. wurden in jenem Jahre die Vorbereitungen zui» Peßach mit besonderer Sorgfalt und glänzendem Anfwande getroffen, denn Moses ältester Sohn David hatte sich kurz vorher verlobt, und seine Braut, Mathilde Goldstein, sollte mit ihrer Mutter, derWittwe des Getreidekaufmanns Goldstein, welcher als der reichste unter den Inden des Städtchens gegolten hatte, an den beiden Sederabenden in seinem Hause theilnehmen. Als der Seder Herankain, war denn auch Alles aufs Prächtigste zugerüstet, der Tisch aufs Schönste gedeckt, mit kostbaren Geräthen geschmückt und Moses K. thronte feierlich in: Bewußtsein seiner Würde an der Tafel, an der die Seinen und seine beiden Gäste Platz genommen hatten. Die frohgestimmte Tischgesellschaft war im Begriff, das Lied vom Böcklein aus der Hagada anzustimmen, als von der Straße wüster Lärm heranfdrang und lautes Geschrei ertönte. „Schlagt den alten Juden todt! Er hat das Mädchen ermordet!" Steine wurden gegen die Fenster der Wohnung geworfen, das Volk drang wllthend in den Laden des Moses ein und hätte Alles demolirt, wenn die Polizei es nicht davon abgehalten hätte. Banges Entsetzen bemächtigte sich der Tischgenossen. Im nächsten Augenblick wurde heftig an die Thür geklopft, und als daerschrockene Dienstmädchen öffnete, erblickte sie einen Kommissär und zwei Schutzleute, die iin Namen des Gesetzes Einlaß begehrten und nach Moses K. fragten. Der alte Moses und die Seinen waren schreckensbleich aufgesprun gen und blickten fragend einander an. Da erschien der Kommissär mit seinen Leuten im Zimmer und sagte, sich an Moses wendend: „Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie und Ihre Angehörigen. " „Was habe ich denn eigentlich verbrochen?" stainmelte zitternd der alte Moses, während die Frauen ihn weinend und händeringend nmstanden. „Sie sind des Mordes an einem Christenmädchen beschuldigt," antwortete der Kommissär. „Ich bin unschuldig," bethenerte Moses, aber seine Betheuerungen halfen nichts, er, seine Frau und seine Söhne lvurden von den Schutze leuten abgeführt und die Wohnung polizeilich versiegelt. Halb ohnmächtig brachte Frau Goldstein ihre Tochter nach Hause, und nur mit der größten Mühe gelang es ihr, dieselbe wieder zum Bewußtsein zu bringen. „Ach! Mutterleben, wenn David oder einer von den Seinigen verurtheilt wird, ich könnte das nicht überleben," sagte Mathild weinend zu ihrer Mutter. „Beruhige Dich, mein geliebtes Kind," tröstete sie die Mutter obwohl sie selbst in verzweifelter Stimmung war, „ich werde mein Möglichstes thnn, was dazu beitragen kann, die Wahrheit an den Tag zu bringen. Moses und die Seinen sind so unschuldig wie Tn und ich, und darum können und dürfen sie nicht verurtheilt werden." Diese tröstenden Worte beruhigten das aufgeregte Gemütb Mathildens ein wenig. Frau Goldstein ließ es dabei nicht bewenden, sie zog die umfassendsten Erkundigungen ein, indem sie überall Umfrage hielt, um den Sachverhalt zu erfahren. Aus den widersprechenden Angaben, die sie hier und da erhielt, ging am Ende so viel als feststehend hervor, daß der Pächter des Moses in den: Keller desselben die Leiche eines Bauernmädchens gefunden und der Polizei Anzeige ,zünde l Jause d hielt, da Christen halte sick Aienge i Polizei ' wie Mo ihm dab lehrte F h tzlen ih aran, « So welcher schwächt heil. 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