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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-03 · Heft 23 (3.6.1892) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
Seite 273 (sequence 9)
Language
German
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273 iuirt an einander gerückt — fröhliches Leben und Todesgrauen, inwußte nicht, wie ihm geschah, doch konnte sich Josef, wie r da in Honzas Armen lag, des Gedankens nicht erwehren, ob hm wohl auch daheim, das heißt, da, wo er früher daheim war, da, ao er geboren und erzogen worden, daheim bei feinen Eltern, bei en Leuten in der „Gasse", mit denen er herangewachsen, in seiner Hochzeitsnacht nach dem Leben getrachtet worden wäre. Es überall! ihn ein Gefühl des Berlassenseins, des Alleinstehens, der ceimathlosigkeit mitten in dem Jubel, in dem er sich als beglückter Ild beglückender Bräutigam befand, und er vermochte nicht ein Wort es Dankes 311 stammeln gegen Honza, seinen Lebensretter. Honza, aelcher fühlen mochte, was der Vorgang auf ihn für Eindruck geübt abe, flößte ihm Muth ein und Zuversicht und führte nach einigen Bunten den Zögernden hinein in die Tanzstube, und um die Willing des Vorgefallenen vollends auszulöschcn, überbot er sich selbst u lustigen Einfüllen und muthlvilligen Scherzen, so daß die Gesell- Haft, welche von seiner Abwesenheit irgend einen überraschenden 5 paß hoffte, sich in ihrer Erwartung nicht einmal getäuscht sah; -s gegen die Morgenstunden Hielt die gemeinsame Lust die Fröhlichen üsammen. Josef und Maria hatten das Ziel ihrer Wünsche erreicht; sie bten nun in einander und für einander. Sie waren glückliche Checkten. In dem Hause der Eltern dieses verlorenen Sohnes aber :".u° mittlerweile ein Ereignis; eingetreten, welches auf sein Glück men düstern traurigen Schatten warf. Eltern und Schwester hatten ch — wir erinnern uns — nach Brauch und Herkonuneu auf die rde gesetzt, um den aus ihrer Mitte Geschiedenen wie einen Todten :i betrauern. Allein nicht glichen sich die Gefühle, von denen die rei Trauernden erregt waren, nicht glichen sich die Gedanken, mit men sie sich gebannt an die Erde, gehemmt in freier Lebensregnng, cschäftigten. Finkel, die Schwester, die den Bruder immer zu verteidigen wußte, wenn cs galt, ein zwischen Eltern und Sohn entaudenes Mißverständnis; aufzulösen, die sich bis zum letzten Augeniick treu und aufrichtig des Bruders angenommen, sie hatte ihn reit« damals, als sie ihn zum letzten Male sah und von ihm Abhieb nahm, aufgegeben. Für sie tvar er tobt und abgestorben schon i der Zeit, ehe der verhängnißvolle Schritt noch geschehen war, zu er Zeit, da sie des Bruders Vorhaben vor den Eltern zu verheimchcn suchte. In ihrem Innern hatte sie sich damals schon mildem chmerzlichen Verluste des Bruders abgefuuden. Sie hatte es gesehen, rß er sich von seiner Verirrung nicht werde znrückbringen lassen, enn was menschenmöglich war, hatte sie aufgeboten, alle Vorstellungen, ie geeignet gewesen wären, in ihm das Gefühl dessen, was er seinen -'llern schuldig sei und welches Unglück er durch die Ausführung iucs Vorsatzes über sie heraufbeschwöre, zu wecken — alle heiligen rüineruugcn aus der Kinderzeit, die ihm thcner sein mußten, hatte 0 wachgerufen — vergebens. Er hatte sich von ihr losgesagt, er Kitte sie, die Eltern, die Hcimath, den Glauben seiner Väter von ch gewiesen, und so hatte sie ihn auch aus ihrem Herzen gerissen, oie die Wunde auch bluten mochte. Die Schwester ward also von h',1, eiutretenden Ereigniß, dessen Nachricht die Mutter von Brünn nach Hause brachte, nicht überrascht. Sie hatte es vorhergesehen, -wie es kommen werde. Aber nicht frei fühlte sich ihr Gewissen von -'ein Vorwurfe, der sich ihr jetzt nach vollbrachter Thatsache mit größerer Macht als früher anfdrängte, daß sie, hätte sie gesprochen, da noch Zeit war, das Eintreten des Ereignisses verhindert haben würde. Sie fühlte sich schuldbelastet, und die Schuld des Bruders rückte sie doppelt schwer; darum entrang sich manches harte Wort gegen den Bruder ihrer Brust. Die Mutter nahm die That des Sohnes als eine vom Himmel ihr zugefügte Schickung ruhig und gelassen hi». Sie belveinte ihn, wie man ein Unglück beweint, von den; man jählings getroffen wird; allein kein Wort der Anklage entfuhr ihren Lippen gegen den Sohn. Sie war eine fromme Frau und hatte in den Büchern, die sic las, gar manches Beispiel frommer Gottergebung gefunden, an das sie sich jetzt erinnern und woran sie ihr schwer gedrücktes Gemüth nufrichten konnte. Sie hatte sich seit langer Zeit her gewöhnt, alle Ereignisse in der Welt, sei es im Großen oderKleinen, als Bestimmung GolteS anzusehen, gegen die Bestiminung Gottes aber ließ sich von Menschenhand und Menschenverstand nicht ankämpfen und nichts ausrichten. Gott wacht über die Welt, er leitet und er regiert sie und leitet auch die Schicksale jedes einzelnen Menschen, des Königs auf dem Throne, wie des Bettlers in der Hütte. Was er will, thut er; und er will nur das Gute, wenn auch der menschliche Verstand zu beschränkt ist, cinzuschcn, was das Gute sei. Wenn Gott ihr ein solches Unglück zugeschickt, so ist es gewiß zum Guten, gewiß hat sie sich schwer versündigt gegen ihn und es hat sie nur die bestimmte Strafe getroffen. Getviß ist sie es nicht besser lverth, wenn Gott sie so züchtigt. Gott züchtigt aber nur, wen er liebt; denn er ist erbarmungsreich wie ein Vater mit seinem Kind und will nicht, daß der Sünder sterbe, sondern daß er sich bessere und bekehre. Nicht mit solcher Gelassenheit, nicht mit solcher Ruhe wie die Mutter vermochte der Vater das Unglück zu ertragen, das ihn traf. Nicht beseelt von jenem großen, erhabenen Gottvcrtraucn, welches sein schlichtes Weib beseelte, besaß er auch nicht jenen Duldersinn und jene Demnth, die sich unter das von Gott auferlegte Joch willig beugt — und die in dem Glauben an die göttliche Vorsehung die Stütze findet, sich im Unglück daran aufzurichten, und die Kraft, es zu tragen. Er ward von dem Fall am härtesten getroffen, und trotz aller Tröstungen seines Weibes blieb er bei seiner Rede: Das überleb ich nicht! Das überleb ich nicht! Der Schmerz des Vaters erfüllte das Herz des Mädchens mit Haß gegen den Bruder. Den Vater in solcher Weise leiden zu scheu, verursachte ihr größere Qual als selbst der Verlust des Bruders, und so ward sie seine heftigste Gegnerin, seine strengste und unerbittlichste Richtcrin; und ihr Haß gegen ihn ward mit jedem Tage um so stärker, je mehr sie sehen mußte, daß des Vaters Leiden von der Zeit an keine Heilung erfuhren, daß sein gequältes Gemüth durch nichts beschwichtigt werden könne. Der traurige Vorfall warf den Vater, dem in seinen alten Tagen eine solche Prüfung auferlegt war, ans das Krankenbett. Anfangs schien die Krankheit unbedenklich, eine Nachwirkung der vergangenen Tage, der Aufregung nach dem erschütternden Vorfälle. Allerdings war sie nichts anderes als eine Wirkung dieses Vorfalls, aber wie tief und nachhaltig diese Wirkung war, das sollten Gattin und Tochter schmerzlich erfahren; denn die Aufregung ward nicht geringer, denn die Krankheit nahm von Tag zu Tag eine bedenklichere Wendung; sie hatte den Organismus des zum Tode erschrockenen Mannes zu heftig angegriffen, und der herbeigerufene Arzt, der alle Mittel seiner Kunst ausvot, konnte dem betrübten Weibe und der geüngstigteu Tochter keine Aussicht auf Besserung eröffnen. Man schickte um Aerzte in die nächst gelegene Stadt; auch diese waren unvermögend, die Gefahr des Kranken zu beseitigen. Er lag in Ficberphantasien und sprach unverständliche Worte, deren Zusammenhang Niemand hcrauszufinden vermochte, nur den Namen „Joffes" konnte man deutlich wahrnehmen; man wußte aber nicht, ob er nach ihm verlange, ob er sich vor ihm entsetze, ob mau den Sohn holen, ob man ihn fern halten solle. Die Aerzte konnten aus diesem Grunde bezüglich des Sohnes keinen Rath ertheileu, sie behaupteten, der Kranke befinde sich in einer Krise, von deren Verkam

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