Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-06-03 · Heft 23 (3.6.1892) · p. Seite 272

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 23 (3.6.1892)
Date
1892-06-03
Page
Seite 272 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227931-3227955--48879-3269539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

‘272 Weise die Propheten und sie richten ihren Blick auf alle Länder und Völker, die in ihren Gesichtskreis kommen. Gemeinsam verkünden Jesaias und Micha die Zeit, da alle Völker zum Berge des Ewigen wallen und kommen, „daß von Zion ansgeht die Lehre und das Wort Gottes von Jerusalem, da die Kriege aufhören und nur der friedliche Wettstreit der Arbeit bleibt". Das ist ein Ziel, das erst im Laufe einer langen geistigen Entwickelung zu erhoffen ist, aber denjenigen aus den Heiden, die Israel im Laufe der Zeiten sich anschließen, »vird volle Gleichheit gewährt. „Eine Lehre soll dem Einheimischen sein und dem Fremdling, der in eurer Mitte wohnt." Keine Ausnahmevorschriften kennt das Jndenthum, „keine kleinlichen Beschränkungen gegen die Neujuden. Wer im Gottesbunde ist, tritt als Gleicher zu Gleiche», er wird keine Hintansetzungen zu erdulden haben, mag seine Zugehörigkeit zum Judenthum auch erst nach Tagen zählen. Und selbst den Talmud, der den Proselyten der Herodäer wegen nicht sehr hold ist, mahnt: Bis ins zehnte Glied schmähe vor dem Fremdbürtigen nicht das Volk, dem er entstammt" (S. 62). Israel ist das erste, wohl auch das einzige Volk des Alterthums, ivelches den Zugang zu sich allen Völkern mit geringen Beschränkungen geöffnet hat. In der Sammlung der Sprüche, die lvir als die „Sprüche Salomo's" bezeichnen, findet man nicht Spott, Hohn, Verlästerung der anderen Völker, der Ausländer, der Heiden, was doch unmöglich im Sprichwort, in den geflügelten Worten, die des Volkes Lieblinge geworden sind und in denen die Volkesseele in den mannigfachsten Beleuchtungen sich wiederspicgelt, hätte fehlen können, wenn Israel jemals so menschenfeindlich, so voller Haß und Verachtung gegen die Heiden gewesen wäre, wie man es anzunehmen und zum Entsetzen aller humanen Gemüther in grellen Farben zu schildern liebt. Von Fremdenhaß und Abschließen gegen die Außenwelt kann bei einem Volke doch wahrlich nicht mit Recht gesprochen werden, das seinen Tempel bestimmt zum „Gebethause für alle Völker" lS. 66). Die abweichende Behandlung der Kanaaniter, beziehungsweise das Gebot der Vernichtung derselben bei der kriegerischen Eroberung des Landes, bekundet nicht Haß gegen Andere, sondern Schutz der eigenen Sittlichkeit, nicht Ausschließung der Fremdbürtigen, sondern Fernhalten schlechter Elemente. Manche harte Bestimmung dem Götzendienst und den Götzendienern gegenüber erklärt sich damit, daß Götzendienst sich mit Unsittlichkeit, besonders mit Schwelgerei und Wollust zumeist deckte. An anderen Orten ist es der Haß und der Groll gegen die Mörder und Sklavenhändler, gegen die übermüthigen Feinde, >vas in bitter» Worten sich Luft macht. „Israel Hot in seinem Elende nur seinen Gott. Von ihm fordert es Rechte von ihm Vergeltung des Gräßlichen, das ihm in wilder Lust zugefügt worden ist" (S. 81). In vortrefflicher Weise wird sodann im 7. Abschnitt „das Gesetz in seinen Beziehungen zu den Nichtisraeliten" erläutert und im (8.) letzten Abschnitt „die rabbinische Entwickelung" in einer Reihe herrlicher Sprüche aus dem Talmud die gleichen Anschauungen, die vorher aus der Bibel dargelegt worden als in den folgenden Zeiten lebendig und herrschend nachgewiesen die ja in der Glaubenslehre des Judenthunis, daß nicht allein sei». Bekenner, sondern daß „die Frommen aller Völker der Welt Antheil ani ewigen Leben" haben, zum bestimmten Ausdruck gekommen sind Einzelne Rechtsbeschräukungen und gehässig erscheinende Satzungen den Angehörigen anderer Völker gegenüber werden aus ihrer Zeit und den Verhältnissen heraus erklärt als Gebote der Nothwehr, oder als Gesetze, in erbitterten Kämpfen entstanden, oder auch als eine Anpassung an die bei andern Völkern selbst gütigen Bestimmungen. So werden gerade einzelne, von jeher, selbst im Talmud, mit Recht bemängelte Ausnahmsgesetze durch interessante Parallelen aus den bezüglichen Bestimmungen des römischen und fränkischen Rechtes belegt und dadurch erst erklärt (S. 117—121). Ihre rechtliche Ungiltigkeit ist schon längst ausgesprochen und für das bürgerliche und moralische Verhalten des Israeliten nicht nur durch den Grundsatz: „das Staatsgesetz ist ein allgemein gütiges Gesetz", sondern vor Allem durch die Gebote: „stets die Wege des Friedens zu wandeln" und in allem Thun „den Namen Gottes zu heiligen" eine alle gesetzlichen Bestimmungen weit übersteigende Forderung aufgestellt worden (S. 136 ff.). Der Verfasser entwirft sodann zum Schluffe seines inhaltreichen und feinsinnigen Buches, dem wir die weiteste Verbreitung wünschen, an der Hand des großen jüdischen Lehrers des zwölften Jahrhunderts, Maimouides, das Ziikunftsbild der Menschheit nach Israels Messiashoffnung. Wir finden dieses Zukunftsbild am herrlichsten ausgesprochen in dem von dem ialmudischen Lehrer Rabh (um 256 d.. chr. Zeitr.) in Babylonien verfaßten Gebete Alenu, das wir am Schluffe eines jeden Gottesdienstes sprechen: „Wir hoffen auf Dich, Ewiger, unser Gott, daß wir bald schauen die Herrlichkeit Deiner Macht, daß aller Götzendienst verschwinde, daß Du einrichtest die Welt als eine Herrschaft des Allmächtigen, daß alle Menschenkinder Deinen Namen anrufen, alle Gottlosen der Erde sich Dir zuwenden, alle Bewohner der Welt erkennen und verstehen, jedes Knie vor Dir sich beuge, jede Zunge schwöre". „Es ist verkündigt und es wird einst geschehen, daß Adonai König ist über die ganze Erde, dann wird Er einzig sein und sein Name einzig." Das ist das Hochziel der jüdischen Religion, wie es ihre Propheten verkündigt und ihre Lehrer allezeit bekannt haben. Aber seine Erreichung haben dieselben erst für späte Tage BW7 mriXB verkündet. Es steht m leuchtender Klarheit uns vor Augen und erfüllt uns in allem Dunkel der Zeiten mit froher Hoffnung. Doch den Weg dazu bestimmt allein Gott. Und auf diesem Wege ist dieselbe Religion, die jenes Fernziel aufgestellt, uns Führerin und Leiterin auf jedem Schritte. Indem Israel ihr gefolgt ist und sich nicht in den verschiedenen Perioden seiner Geschichte von den zahlreichen Verlockungen zum Abfall hat verleiten lassen, hat es sich nicht der Menschheit entfremdet, sondern ihr in Wahrheit gedient und eine durch seine Lehre und deren Bethätigung geistige Kraft von höchstem Werthe erhalten. Wo das Walten einer Vorsehung so offenbar sich kundgiebt, wie in dem Geschichtsgange Israels, der trotz aller Leiden und Schmähungen ein Weg zur Höhe und zum Lichte ist, da hat der Meirsch in treuem Gehorsam seine Kraft zu stählen und ihren Weisungen zu folgen. Seine Verkündigung der allgemeinen Gotteserkenntniß und des Weltenfriedens schließt Jesaias mit den Worten: „Hans Israels, auf laßt uns wandeln im Lichte des Ewigen." Das Licht des Ewigen ist die Thora. Dieses Wort gilt auch für uns. * FEUILLETON Heimiveh. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.^ In der Tanzstube hatte man keine Ahnung von dem, was sich inzwischen draußen ereignet hatte. Tanzlust drinnen und draußen Mordgedanken, Walzerklünge drinnen und Seufzer draußen; drinnen scherzhaftes Kosen und draußen ernste Mahnrufe. Bewegte Gemüther da und dort, von Freude drinnen, und draußen von Schmerz und Traurigkeit. So waren hier die Gegensätze des menschlichen Lebens

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.